Eine WG mit einem Flüchtling - warum nicht?

Wer je im Ausland auf sich allein gestellt war, weiß, wie wichtig der Kontakt mit Einheimischen ist. Darauf baut die Initiative "Flüchtlinge Willkommen".

Die meisten Flüchtlinge, die Deutschland erreichen, leben in Massenunterkünften - mit vielen anderen Flüchtlingen. Mit Einheimischen kommen sie dort selten in Kontakt, obwohl genau dieser Austausch ihnen das Ankommen in Deutschland erleichtern würde. Die Gründer der Initiative "Flüchtlinge Willkommen" wollen das ändern.

Seit November 2014 vermitteln Mareike Geiling, Jonas Kakoschke und Golde Ebding Flüchtlinge an private Unterkünfte. Sie wohnen in klassischen Wohngemeinschaften, bei älteren Ehepaaren, Alleinstehenden oder auch Familien, die ein Zimmer frei haben. Ein "Pate" vor Ort steht beiden Parteien als Ansprechpartner zur Verfügung. Bisher haben so 80 geflüchtete Menschen aus unterschiedlichsten Ländern in 20 deutschen Städten ein neues zu Hause gefunden. Wir haben mit Mareike Geiling über ihr Herzensprojekt gesprochen.

"Flüchtlinge Willkommen": Der 39-jährige Bakary aus Mali lebte für mehrere Monate in der WG von Jonas und Mareike. Inzwischen hat er eine eigene Wohnung gefunden.

Der 39-jährige Bakary aus Mali lebte für mehrere Monate in der WG von Jonas und Mareike. Inzwischen hat er eine eigene Wohnung gefunden.

Mareike, als du im Ausland gearbeitet hast, hat dein Mitbewohner Jonas den 39-jährigen Bakary aus Mali in eurer WG aufgenommen. Ihr habt also selbst den Anfang gemacht. Wie hat das geklappt?

Es war einfacher als gedacht. Wir haben Bakary über eine gemeinsame Freundin kennengelernt, die vorher seine Deutschlehrerin war. Er war zu der Zeit obdachlos, es war Dezember. Jonas hat sich mit ihm in einem Café getroffen. Am gleichen Abend ist er bei uns eingezogen. Da habe ich auch erstmal geschluckt, ich konnte das ja nur aus der Ferne begleiten. Mittlerweile hat er eine eigene Wohnung gefunden. Wir haben uns angefreundet und sehen uns noch immer regelmäßig. Wir hatten schon viele Zwischenmieter zuvor, aber mit ihm war es definitiv das schönste Zusammenleben. Für uns war das ein ganz tolles Erlebnis. Und es war gut, dass wir es selbst ausprobiert haben. So können wir ganz anders darüber sprechen und andere beraten.

Aus welchen Ländern kommen die Flüchtlinge, die ihr vermittelt?

Wir vermitteln sehr viele Syrer, aber auch Menschen aus den Subsahara-Staaten, Pakistan, Afghanistan, Irak, Iran und Palästina. Die meisten sind Männer, aber inzwischen haben wir auch für einige Frauen, teils sogar mit Kindern, eine private Unterkunft gefunden.

Besucht ihr jede WG persönlich oder löst ihr die Betreuung auch durch euer Patensystem, bei dem sich Menschen vor Ort als Ansprechpartner melden können?

Wir fahren nicht überall hin. Dann würden wir alle Spendengelder darauf verwenden, durch die Lande zu gondeln. Außerdem gibt es auch immer mal Treffen zwischen einer WG und einem Flüchtling, die nicht zu einer Vermittlung führen. Zuerst suchen wir für einen Geflüchteten eine geeignete Unterkunft und einen Paten aus unserer Datenbank. Dann tauschen wir die drei Nummern aus und bitten sie, einen Termin und einen Ort für ein erstes Treffen zu vereinbaren. Im Nachhinein berichten sie uns, wie es gelaufen ist und wie sie sich entschieden haben.

Wie viele potenzielle Zimmer und Paten gibt es?

Wir haben mehr als 2000 Anmeldungen für freie Zimmer und rund 1100 registrierte Paten. Gerade in den letzten Wochen hat sich viel getan. Wenn wieder etwas Schlimmes passiert ist oder die Medien verstärkt über das Flüchtlingsthema berichten, merken wir das unmittelbar.

Warum ist der Abstand zwischen den möglichen Zimmern und den tatsächlichen Vermittlungen so hoch?

Viele melden sich zwar an, reagieren dann aber nicht auf unsere Mails. Die Quote liegt bei etwa 50 Prozent. Ich habe das Klischee im Kopf, dass man spät abends Nachrichten schaut oder im Netz surft, erschreckende Nachrichten sieht und denkt, man müsse etwas tun. Und am nächsten Morgen wacht man auf und fragt sich: Was hab ich da nochmal gemacht? Unsere niedrigschwellige Anmeldung zieht Leute an - was auch gut ist. Allein den Gedanken zu haben, ist ja schon mal viel Wert. Mit einigen sind wir auch über Tage oder Wochen in Kontakt, bevor sie dann doch abspringen, weil es ihnen zu heikel ist. Wir finanzieren uns über Spendengelder und konnten kürzlich noch zwei Halbtagsstellen schaffen.

Wie habt ihr euch in dieses rechtlich sehr komplexe Thema eingearbeitet?

Jeder Fall ist besonders und kostet deswegen auch viel Zeit. Wir kommen kaum hinterher. Die Rahmenbedingungen sind von Kommune zu Kommune unterschiedlich. Auch die Statusfrage stellt sich immer wieder von Neuem. Bei anerkannten Flüchtlingen ist es einfach, aber wenn jemand eine Duldung in Berlin hat, wird er anders behandelt als jemand, der eine Duldung in München hat. Wir haben uns das alles durch die Praxis angeeignet, vorher hatten zumindest Jonas und ich keine Ahnung von Asylrecht. Selbst Golde, die als Sozialarbeiterin schon vorher mit dem Thema zu tun hatte, musste sich noch viel anlesen. Kleinere Aufgaben übernehmen auch Ehrenamtliche - etwa alle Sozialämter anzurufen und nachzufragen, wie die Regelung vor Ort ist.

Über welche Institutionen stellt ihr Kontakt zu den Flüchtlingen her?

Das ist für uns nach wie vor ein großes Thema. Zum Teil melden sich die Menschen direkt bei uns auf der Website. In Städten, aus denen sich niemand gemeldet hat, haben wir anfangs die Diakonie, Caritas oder Awo angerufen und gefragt, ob sie geflüchtete Menschen kennen, für die ein solches Zimmer infrage käme. Wir haben allerdings festgestellt, dass diese Stellen durch ihre Größe nicht so flexibel arbeiten können. Mit Ehrenamtlichen vor Ort haben wir bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Zusätzlich bauen wir gerade in verschiedenen Städten Lokalgruppen auf. Wichtig ist uns vor allem, dass die Leute im persönlichen Kontakt zu den Geflüchteten stehen. Denn nur so können sie die Menschen auch gut einschätzen.

Wie organisiert ihr die Finanzierung?

Daran scheitert es nie. Zunächst versuchen wir es über eine offizielle Kostenübernahme. Das bedeutet, dass das Jobcenter oder Sozialamt der jeweiligen Kommune die Miete zahlt. Bei anerkannten Flüchtlingen ist das immer der Fall. Bei jedem anderen Status muss man schauen, wie das die jeweilige Kommune regelt. Oft klappt es auch über Mikrospenden, dann finanzieren die Freunde der WG die Miete mit. Wir selbst können sie auch mit bis zu 200 Euro unterstützen über die Spenden, die direkt bei uns auf der Website eingehen. Ein Viertel aller Vermittlungen stellt das Zimmer kostenfrei zur Verfügung - besonders ältere Ehepaare, deren Kinder schon ausgezogen sind.

"Die Leute müssen schon eine gewisse Offenheit mitbringen."

Du arbeitest seit einigen Monaten in Vollzeit für das Projekt. Kannst du schon eine Zwischenbilanz ziehen?

Mein Deutschlandbild hat sich ins Positive gewandelt. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass sich so viele Menschen anmelden. Wir haben viel Zuspruch bekommen, manche sagen auch einfach nur "danke, dass ihr das macht!" Ich bin auch überrascht, wie gut es in den WGs läuft und wie oft wir von bereichernden Erfahrungen hören. Das motiviert uns sehr. Was uns dagegen ärgert, ist, dass wir noch immer von keiner öffentlichen Stelle Geld bekommen. Alle finden das Projekt toll, aber niemand will uns finanzieren. Wir sind überarbeitet und schaffen es nicht, unsere Arbeitszeit zu finanzieren. Diese Diskrepanz nervt.

Was müssen Leute, die einen Flüchtling aufnehmen wollen, mitbringen?

Wir werden leider mehr und mehr als Dienstleister gesehen. Wir bekommen Anfragen wie: "Ich hätte gern eine junge Frau, die vegetarisch lebt." Und am besten sollte sie noch Christin sein. Und nur drei Monate bleiben. Da müssen wir klar sagen: Das ist kein Wunschkonzert. Grundsätzlich versuchen wir unser Bestes, aber die Leute müssen schon eine gewisse Offenheit mitbringen. Es bindet extrem viel Arbeitskraft, Leute mit bestimmten Kriterien zu finden. Die drei wichtigsten Voraussetzungen sind: ein Mindestaufenthalt von drei Monaten, kein Durchgangszimmer, in einer Stadt mit mehr als 60.000 Einwohnern.

Nicole Wehr

Wer hier schreibt:

Nicole Wehr

Kommentare (1)

Kommentare (1)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Warum muss es eine Stadt mit mehr als 60.000 Einwohnern sein?

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