Familiengeheimnisse

"Wir haben Schätze auf dem Dachboden und Skelette im Keller:" Ein Interview mit der Familientherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin.

BRIGITTE: Sie beschäftigen sich als Therapeutin seit über zwanzig Jahren mit Geheimnissen in der Familie. Könnte man auch, weniger schön ausgedrückt, sagen, Sie helfen Familien, ihre Lügen aufzudecken?

Rosemarie Welter-Enderlin: Ja. Familiengeheimnisse sind Lügen. Ich habe zwar Klienten, die sagen: Es stimmt nicht, ich habe nicht gelogen, ich habe nur nichts gesagt - aber natürlich ist auch das Verschweigen eine Lüge.

BRIGITTE: Hat denn jede Familie eine Leiche im Keller?

Rosemarie Welter-Enderlin: Zu jeder Familie gehören Geheimnisse, aber sie sind nicht alle böse. Es gibt Skelette im Keller und Schätze auf dem Dachboden. In Familien muss sich jeder seinen eigenen Raum schaffen, in dem er seine liebsten und intimsten Dinge sicher aufbewahren kann, seine Schätze. Tagebücher, Liebesbriefe, alles, was ihm allein gehören soll.

BRIGITTE: Und die Skelette im Keller?

Rosemarie Welter-Enderlin: Bösartige Geheimnisse schließen einen Dritten aus, der davon wissen müsste, weil ihm die Lüge, das Verborgene, schadet.

BRIGITTE: Wie stoßen Sie als Familientherapeutin auf ein Geheimnis in einer Familie?

Rosemarie Welter-Enderlin: Es ist ja nicht so, dass mir meine Klienten sagen: Übrigens, wir haben da ein Geheimnis. Manchmal geben sie mir sofort Signale, manchmal erst, wenn sie Vertrauen gewonnen haben. Ich will Ihnen ein Beispiel erzählen: Ein Paar ist mit 65 Jahren zum ersten Mal zu mir gekommen, und die Frau hat auf dem Weg von in die Schweiz eine Amnesie bekommen. Sie wusste plötzlich nicht mehr, wo sie war, und war völlig verwirrt. Nach zehn Minuten in meiner Praxis hatte sie sich entspannt und sagte, sie sei aus Angst verwirrt. Fragen Sie meinen Mann, meinte sie. Der hat sofort reagiert: Ja, ich bin die Ursache aller Probleme, gestand er. Ich habe während vierzig Jahren Ehe immer wieder Freundinnen gehabt, und ich hatte bei der Hochzeit versprochen, wenn so etwas mal vorkommen sollte, es sofort zu sagen. Und nach diesem Satz ist bei der Frau blitzartig die Verwirrung verschwunden. Sie hat gesagt: Freundinnen? Du hast zehn Jahre lang dieselbe Geliebte gehabt, nämlich meine beste Freundin!

BRIGITTE: Sie hat es zehn Jahre lang nicht gewusst?

Rosemarie Welter-Enderlin: Sie haben es vor ihr geheim gehalten. Geheimnisse können sehr lange dauern und kommen dann oft bei Lebensübergängen hoch, wie zum Beispiel bei der Pensionierung oder wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Solche Geheimnisse gehören absolut zu meinem täglichen "Geschäft".

BRIGITTE: Kinder, die von ihren Eltern von einem Geheimnis ausgeschlossen werden, merken dennoch, dass etwas in der Familie nicht stimmt. Lässt sich das erklären?

Rosemarie Welter-Enderlin: Es gibt immer tausend kleine Hinweise auf etwas Verstecktes. Beispielsweise eine Familie mit einem 15-jährigen Sohn. Der Junge spinnt, sagt die Familie, immer im Herbst, nach den großen Ferien, ist er durcheinander, klaut, ist nicht ansprechbar. Bei unseren Gesprächen mit einer Kollegin kommt heraus, dass dann auch die Mutter immer depressiv ist. Und beim Verfolgen dieses Fadens fragt sie: Ja, was ist denn um die Jahreszeit? Da erzählt die Mutter: Vor 14 Jahren, Anfang Oktober, ist mein erster Mann, der Vater des Jungen, tödlich mit einem Sportwagen verunglückt, den er geklaut hatte. Er war betrunken, und dieser Tod war so beschämend, dass ich den Rat meiner Mutter befolgt und es niemandem erzählt habe, auch nicht meinem zweiten Mann.

BRIGITTE: Er hat also eine junge Witwe mit einem Säugling geheiratet und sich nie nach dem Tod des ersten Mannes erkundigt?

Rosemarie Welter-Enderlin: Nie getraut. Es blieb ein Tabu zwischen den beiden. Die wahre Geschichte erzählte sie nicht, sondern nur, dass ihr erster Mann tödlich verunglückt war.

BRIGITTE: Wieso spinnt der Junge im Herbst, wenn er doch von nichts etwas weiß?

Rosemarie Welter-Enderlin: Mit der Zeit organisiert das Geheimnis das ganze alltägliche Verhalten. Und wenn man mal begonnen hat, Geschichten zu erzählen, die nicht ganz stimmen, dann muss man scharf darauf achten, dass man diese Geschichten immer wieder kompatibel mit den Fortsetzungen macht - und das ist unheimlich anstrengend. Der Junge hat gespürt, dass mit seiner Mutter etwas nicht in Ordnung war, und hat auf seine Weise reagiert. Die Wahrheit zu erfahren war dann für alle eine große Erleichterung.

BRIGITTE: Da hütet ein Mitglied der Familie ein Geheimnis, und die anderen reagieren darauf, ohne zu wissen, warum sie sich so merkwürdig verhalten?

Rosemarie Welter-Enderlin: Für mich ist das, was in Familien mit solchen Geheimnissen geschieht, wie eine Hintergrund-Musik, zu der sie ihren schmerzhaften Tanz tanzen. Eine Musik voller Geheimnisse und Lügen, wobei die Tänzer die Melodie oft gar nicht kennen, nach der sie sich bewegen.

BRIGITTE: Wann sollte man Geheimnisse für sich behalten und wann auf gar keinen Fall?

Rosemarie Welter-Enderlin: Wenn es gefährliche Geheimnisse sind wie eine erbliche Krankheit, wenn jemand HIV-positiv ist und davon seinen Partnern nichts verrät, wenn Gewalt und Missbrauch in der Familie vorkamen - das sind ganz böse und gefährliche Geheimnisse, die zu Sprengsätzen werden können, wenn sie nicht gelüftet werden.

BRIGITTE: Sollten Eltern einem Kind, das sie adoptiert haben, sagen, dass sie nicht seine leiblichen Eltern sind?

Rosemarie Welter-Enderlin: Unbedingt, und zwar möglichst früh. Kinder ertragen sehr viel, aber wenn ein Theater um eine Sache herum gemacht wird, dann stehen sie ständig auf dünnem Eis und müssen fürchten, einzubrechen, und wissen nicht einmal, warum.

BRIGITTE: Und der Seitensprung? Gestehen oder nicht gestehen?

Rosemarie Welter-Enderlin: Ich finde, dass man eine Affäre nicht unbedingt mitteilen muss, wenn man bereit ist, sie selbstverantwortlich zu beenden. Aber wenn es eine lange Geschichte ist, die über Jahre geht und die Hauptbeziehung beschädigt, dann ist es klar, dass man so etwas mitteilen muss.

BRIGITTE: Geheimnisse haben doch immer auch damit zu tun, was eine Gesellschaft akzeptiert, verbietet oder verdammt. Wir brauchen doch gar keine Geheimnisse mehr - wir sind doch so liberal, so tolerant, so offen.

Rosemarie Welter-Enderlin: Nein... (lacht) Wir sind überhaupt nicht offen! Wir predigen einerseits Offenheit, aber wenn es dann wirklich an die eigene Haut geht, ist selten jemand offen. Außenbeziehungen? Kein Problem! Aber wenn es gestanden werden soll, steht dann einfach viel zu viel auf dem Spiel.

BRIGITTE: Plädieren Sie dafür, immer sofort und gleich die Wahrheit zu sagen?

Rosemarie Welter-Enderlin: Nein. Ich erlebe manchmal bei Paaren, dass derjenige, der eine Außenbeziehung hat, wie ein 15-jähriger nach Hause kommt und beichtet, dass er etwas Schlimmes getan hat. Aber nicht, damit das Problem gelöst werden soll, sondern um sich reinzuwaschen. Er erhofft also Absolution. Diese Art der Wahrheit ist ein Schmarren und bewährt sich nicht. Ich habe keine Idee, wie das allge-mein richtig gemacht werden kann. Ich meine einfach, in Situationen, wo man dem anderen wirklich schadet, da muss etwas eröffnet werden. Aber es gibt eine richtige und eine falsche Zeit, ein Geheimnis zu lüften. Die schlimmste Zeit ist bei einem Familientreffen, also vor vielen Menschen. Man sollte ein Geheimnis zuallererst mit dem Menschen in Ruhe besprechen, den es betrifft. Und es auch ertragen und auffangen, dass er wütend wird oder weinen muss.

BRIGITTE: Können wir nicht einfach das, was passiert ist, aus dem Gedächtnis streichen und vergessen?

Rosemarie Welter-Enderlin: Nein. Das Ereignis taucht erst einmal ab wie unter eine Eisdecke, aber es verschwindet nicht. Und sobald dieses Eis brüchig wird, kommt alles wieder hoch. Ich habe häufig Frauen erlebt, die eine Depression bekommen, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, und denen genau zu diesem Zeitpunkt die Erinnerung an eine alte Abtreibung wieder hochkommt, die sie nicht bewältigt haben. Kritische Ereignisse sind ja nicht an und für sich kritisch - es ist unsere Bewertung, ob etwas tragisch ist oder nicht. Und wenn man in einer Umgebung lebt, in der eine Abtreibung als große Sünde bezeichnet wird, dann kann man darüber nicht so leicht hinweggehen.

BRIGITTE: Schwanger werden mit dem Samen eines fremden Mannes, das eigene Kind austragen lassen im Bauch einer fremden Frau - werden das neue, moderne Geheimnisse?

Rosemarie Welter-Enderlin: Auf jeden Fall.

BRIGITTE: Sollten denn Paare ihren Kindern sagen, wie sie gezeugt worden sind?

Rosemarie Welter-Enderlin: Nicht, solange das Kind klein ist. Aber wenn es zehn oder zwölf Jahre alt ist, sollte man ihm gemeinsam sagen dass man sich so sehr ein Kind gewünscht hat und dass man keines bekommen konnte, weil der Samen des Vaters zu schwach war oder weil die Mutter kein Kind kriegen konnte - das kann das Kind verstehen.

BRIGITTE: Aber warum muss das Kind das wissen?

Rosemarie Welter-Enderlin: Weil es früher oder später durch die Geheimnistuerei der Eltern oder ihrer Umgebung darauf kommt, dass da irgend etwas Seltsames ist. Und weil jedes Kind, wenn sich die Eltern bösartig streiten, Sätze hören könnte wie: Das ist ja gar nicht mein Kind! Wer weiß, was das für ein Samen ist? Das Kind kann nicht verstehen, was gemeint ist, und konstruiert sich vielleicht eine Geschichte zusammen, die viel schlimmer ist als die Wahrheit. Man kann sich einfach nicht vorstellen, über wie viele Kanäle Menschen Informationen bekommen.

BRIGITTE: Wuchsen Sie mit einem Geheimnis auf?

Rosemarie Welter-Enderlin: Ja, sicher. Ich hatte einen Freund, der sich das Weintrinken in Frankreich angewöhnt hatte, harmlos, kein Alkoholiker. Ich war 17 damals, und wir waren bei der besten Freundin meiner Mutter eingeladen. Und da hat er dann mit Wonne Rotwein getrunken. Und am nächsten Tag bekam ich einen Brief von dieser Freundin meiner Mutter, in dem stand: Mit deiner erblichen Belastung musst du aufpassen, dass du nicht einen Alkoholiker zum Mann nimmst. Ich war konsterniert! Ich bin zu meiner Mutter gerannt und hab sie angebrüllt: Du hast mir nichts gesagt! Und dann hat sie angefangen zu weinen und gesagt: "Ich werde dir heute Abend die Wahrheit erzählen." Und die Wahrheit war: Alle erzählten, meine Großmutter sei früh gestorben. Aber sie ist eben nicht früh gestorben. Sie war eine Trinkerin, die in einer Trinkerheilstätte gewesen ist und von ihrem Mann verlassen wurde. Und ich habe immer gemeint, meine Eltern rühren keinen Tropfen Alkohol an, weil sie zu wenig Geld haben - bis ich dann mit 17 diese Geschichte gehört habe.

BRIGITTE: Gibt es in Ihrer Ehe Geheimnisse?

Rosemarie Welter-Enderlin: Nein. Also...(lacht) bei uns gab es Geheimnisse, wenn wir in jüngeren Jahren mal eine außereheliche Beziehung hatten. Wir haben das den Kindern nicht erzählt. Aber im nachhinein sagen sie, sie hätten es immer genau gewusst und auch, mit wem. Kinder wissen alles.

BRIGITTE: Wenn man, wie Sie ja auch, als Kind jahrelang von einem Geheimnis ausgeschlossen wird - was macht das mit einem Kind?

Rosemarie Welter-Enderlin: Wenn zum Beispiel ein Kind, das adoptiert worden ist, spürt, dass es irgendwie anders ist, und es fragt, und man sagt ihm nicht die Wahrheit, dann kann es passieren, dass das Kind dieses Gefühl generalisiert. Es fühlt sich dann schnell ausgeschlossen und ausgestoßen. Es lässt beim geringsten Anlass Freunde oder Freundinnen fallen. Wird also ein bisschen paranoid, weil es davon ausgeht, das sind auch Lügner und Verräter. Das ist eine ganz schlimme Situation.

BRIGITTE: Spätestens dann, wenn gefragt wird, muss die Wahrheit gesagt werden?

Rosemarie Welter-Enderlin: Unbedingt. Es hat mich sehr bewegt, aber auch getröstet, dass meine Mutter unter Tränen gesagt hat: Ja, es stimmt, deine Großmutter war eine Trinkerin, und ich erinnere mich, wie ich als Kind den sauren Most beim Bauern für sie holen musste. Und wie dein Großvater mich und meine Schwester geschlagen hat, wenn er gemerkt hat, dass wir wieder diesen Alkohol ins Haus brachten. Wenn solche Geschichten erzählt werden, dann sind sie auch einfühlbar. Man versteht das ganze Gewebe und ist als Kind vielleicht enttäuscht, dass man so eine Geschichte eröffnet bekommt - kann sie aber doch begreifen. Die Geschichten, die verdrängt werden, sind die schlimmen Geschichten. Aber Geschichten, die einen Namen haben, die kann man in sein Leben integrieren.

Interview: Monika Held; Foto: Bettina Schäfer

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