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Mein Freund ist fremdenfeindlich

Über ein Datingportal lernt Lena einen tollen Mann kennen. Nach einer Weile stellt sie fest: Ihr Freund vertritt politische Meinungen, die sie für abstoßend hält. Und nun?

Dienstagmorgen im Büro, die Kollegen diskutierten lautstark - über Pegida, die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands". Mal wieder.

"Ich war gestern Abend wieder auf der Berliner Pegida-Gegendemo, wir waren dreimal so viele Leute wie diese Nazis", berichtete Kollegin Julia zufrieden. "Unglaublich, vorhin hat ein alter Schulkamerad von mir bei Facebook so einen Verschwörungs-Blog geliked, den habe ich natürlich sofort entfreundet", sagte Kollege Ralf. Julia schüttelte den Kopf: "Was sind das nur für Monster. Ich verstehe das einfach nicht, diese ganze Dummheit und dieser Hass gegen Flüchtlinge - wer sind diese Menschen überhaupt?"

Das "Monster" würde mir nachher einen Begrüßungskuss geben

Ich saß daneben und sagte - nichts. Mal wieder. Ich senkte den Kopf und zählte die Stunden bis Feierabend. Dann würde ich nach Hause fahren, besser gesagt: in die Wohnung eines solchen Monsters. Das Monster würde mir einen Begrüßungskuss geben und, während ich auf dem Sofa entspanne, schnell unser Abendessen fertigkochen, Pasta mit Soja-Bolognese, schließlich bin ich Vegetarierin. Beim Essen würde das Monster mir aufmerksam zuhören, während ich vom Stress mit dem Chef erzähle, an den richtigen Stellen zustimmend nicken und beruhigende Dinge wie "was für ein Idiot" und "total unfair, du machst doch so einen tollen Job" murmeln. Dann würde sich das Monster auf dem Sofa an mich kuscheln und mit mir meine Lieblings-Netflix-Serie gucken. Was wir garantiert nicht tun würden: eine Nachrichtensendung schauen.

Die Male davor, als wir das versucht hatten, war es bereits beim ersten Beitrag zum Streit gekommen. "Totale Propaganda, typisch Lügenpresse", hatte das Monster verächtlich in Richtung Fernseher gerufen. Und ich musste mich der Wahrheit stellen: Ja, mein neuer Freund Marcus war gebildet, sensibel, ein prima Koch, ein guter Zuhörer - und Pegida-Sympathisant. Er ging zwar auf keine Demo und hetzte nicht vor Flüchtlingsheimen, fand aber, jemand müsse der "Lügenpresse" mal ordentlich die Meinung sagen und die AfD sei eine durchaus wählbare Partei. Ich dagegen: Grünen-Wählerin und tolerante Weltenbummlerin, außerdem als Journalistin natürlich ein Mitglied eben jener "Lügenpresse", was Marcus aber nicht weiter zu irritieren schien. Und was jetzt?

Die moralischen Grauzonen verwischen zusehends

"Schluss machen, sofort, das hat keinen Sinn. Außerdem kann so jemand kein guter Mensch sein", sagte meine beste Freundin Nina und verzog angewidert das Gesicht. Natürlich, genau dasselbe hätte ich zu ihr, wäre die Situation umgekehrt, wohl auch gesagt. Nur: Jetzt war ich es, und ich steckte schon viel zu tief drin. Ich mochte Marcus, und ich glaubte, ihn zu kennen, und zwar als guten Menschen.

Als ich Marcus im Sommer 2014 über ein Online-Datingportal kennengelernt hatte, war Pegida noch ein absolutes Randphänomen, die Flüchtlingskrise stand noch bevor. Die ersten Monate war eine unterschiedliche politische Meinung überhaupt kein Thema in unserer Beziehung. Ich fühlte mich so wohl bei ihm wie schon lange bei niemandem mehr, er akzeptierte alle meinen Schwächen. Außer, wie sich jetzt herausstellte, meine "dubiose" politische Einstellung natürlich. "In unserem Alter hat doch jeder Single-Mann irgendeine Macke, und wir haben selbst auch komische Angewohnheiten entwickelt", beruhigte mich meine tolerante Freundin Kati.

Das stimmte natürlich, sagte ich mir. Und außerdem hatte ich den Eindruck, dass sich selbst langjährige Paare durch die tagespolitischen Entwicklungen immer öfter auf gegenüberliegenden Seiten einer Wertedebatte wie der Flüchtlingsfrage wiederfanden. Und wer würde schon den eigenen Mann verlassen, nur weil der seinen Job verliert und plötzlich frustriert einen Zusammenhang zwischen seinem persönlichen Schicksal und den "vielen Flüchtlingen, die hier alle Arbeit suchen" sieht - während man selbst am Wochenende in der örtlichen Flüchtlingsaufnahmestelle aushilft? Schwarz und weiß war gestern, heute verwischen die moralischen Grauzonen zusehends.

Wie viele Unterschiede kann die Liebe aushalten?

"Wenn alles andere stimmt, kannst du vielleicht diesen einen Unterschied in der politischen Meinung zwischen euch aushalten", sagte meine tolerante Freundin Kati. "Außerdem kannst du ihm ja einen anderen Blick auf die Welt ermöglichen, bei solch einer Einstellung spielt auch immer Unwissen eine Rolle - vielleicht kannst du ihn durch Argumente umstimmen."

Wie viele Unterschiede kann die Liebe aushalten? Die Wissenschaft beantwortet diese Frage ziemlich eindeutig: Paare, die sich ähneln, bleiben länger zusammen. Aber: Es ist nicht vorrangig wichtig, wie sehr man sich gleicht- sondern in welchen Eigenschaften. Ein schüchterner Einzelgänger kann sehr glücklich mit einer extrovertierten Partyfrau zusammenleben, weil beide sich perfekt ergänzen, sagen Psychologen. Während laut Studien eine Eigenschaft wie "Offenheit für Neues" bei beiden Partnern besser ähnlich gelagert sein sollte, wenn sie lange zusammenbleiben wollen.

Und das bedeutet wohl: Pegida-Sympathisant und Grünen-Wählerin? Keine so gute Kombination.

"Unterschiede, die keine hilfreiche Ergänzung sind, müssen aber kein Trennungsgrund sein", sagt Dr. Ragnar Beer. Der Psychologe und Psychotherapeut leitet am Institut für Psychologie der Georg-August-Universität in Göttingen das Projekt Theratalk, bei dem Paare online beraten werden. "Im Grunde ist ein solcher Konflikt nicht so schlimm, wenn es Einigkeit über eine Lösung gibt." Wenn beispielsweise eine Vegetarierin und ein Fleischesser bei jeder Mahlzeit neu diskutieren und die Vegetarierin immer wieder Fotos von gequälten Tieren in Massenhaltung schwenkt, während der Partner gerade in die Bratwurst beißt, sei das schwierig. Einigen sie sich aber darauf, dass eben jeder sein eigenes Essen kocht, sei das nicht unbedingt eine Belastung für die Partnerschaft.

"Bei Pegida und der Flüchtlingsdebatte muss man auch unterscheiden: Geht es um etwas, was uns konkret als Paar betrifft, also nehmen wir zum Beispiel einen Flüchtling bei uns zu Hause auf - oder geht es um etwas Abstraktes?", sagt Beer. "Diskutieren wir also über gravierende Änderungen in unserem gemeinsamen Zusammenleben als Paar? Oder nur, wie die Welt da draußen aussehen sollte, also etwas, was uns heute gar nicht betrifft?"

Verschwörungstheoretiker haben für alles ihre eigenen Experten

Marcus und ich diskutierten so gesehen tatsächlich eher ein abstraktes Konstrukt. Allerdings ein abstraktes Konstrukt, über das wir uns so aufregten wie über nichts sonst. Besonders Marcus' Verschwörungstheorien, die so ziemlich jedes Thema abdeckten, versetzten mich in Rage. "Die angeblichen Terroranschläge am World Trade Center hat es nie gegeben, eine reine Erfindung der Lügenpresse", sagte er zum Beispiel. Ich antwortete ungläubig: "Was? Ich war in New York, ich stand am Ground Zero, ich habe die Trümmer mit eigenen Augen gesehen." Er: "Ja, schon, aber dafür verantwortlich waren Geheimdienste wie FBI und CIA, keine Flugzeuge." Dann zitierte er Studien und Wissenschaftler, die besagen, dass Stahl niemals bei soundsoviel Grad schmelzen kann, weshalb kein Flugzeug jemals in einer Höhe von soundsoviel Metern die Wolkenkratzer durchbrechen könnte ... und so weiter.

Verschwörungstheoretiker, so lernte ich, haben für alles ihre eigenen Experten. Meine Fakten und Experten dagegen zählten nichts, weil sie laut Marcus Teil des "korrupten Systems" waren. "Klar, dass ein Bundesamt Umfragen fälscht", sagte Marcus zum Beispiel verächtlich. Und blieb sachlich kühl, während ich explodierte: "Du bist doof", schreie ich tatsächlich einmal.

Ich wollte den Mist gar nicht verstehen wollen

Nach mehreren dieser fruchtlosen Diskussionen beschlossen wir, alle potenziellen Auslöser für Streitgespräche zu vermeiden. Kein gemeinsames "Tagesschau"-Gucken mehr, kein Reden über Politik. Aber wohl fühlte ich mich damit nicht, alle unsere Unterschiede unter den Teppich zu kehren und zu tun, als wären sie nicht da. Einmal fragte ich sogar meine Nachbarin Susanne, wie das Zusammenleben als Paar klappt, wenn man sehr unterschiedliche Weltanschauungen hat.

Susanne nimmt ihren christlichen Glauben ziemlich ernst, ihr Mann ist Moslem. "Das ist kein so großes Problem zwischen uns", sagte sie. Ihr sei nur wichtig, dass ihr Partner an einen Gott glaube - egal an welchen. "Mit meinem atheistischen Ex habe ich mich viel öfter gestritten", erklärte sie. Nun gut, dachte ich trotzig, das ist nicht vergleichbar, eine andere Religion ist schließlich nicht so ein dümmlicher, menschenverachtender Mist. Und dies war das eigentliche Problem zwischen Marcus und mir: Ich wollte den Mist gar nicht verstehen wollen.

Psychotherapeut Beer rät, die Ängste des Partners zu ergründen und nachzuvollziehen, warum er so denkt, wie er denkt - so wüchse die Akzeptanz, und die Unterschiede würden schwinden. Ich habe es versucht und vorsichtig nachgefragt. Marcus erzählte mir, die ich in Westdeutschland geboren bin, von seiner Kindheit und Jugend im Osten, der ständigen Angst der Eltern vor dem Staat und der Stasi, der Zusammenbruch seiner Welt, als - kurz nach seinem 18. Geburtstag - dann die Mauer fiel. Demokratie, so merkte ich, ist für ihn ein vages Konzept ohne viel Bedeutung. Ich verstand, ein kleines bisschen zumindest. Dennoch sträubte ich mich dagegen. Denn verstehen und Akzeptanz heißt für mich, dem Ganzen eine Legitimation einzuräumen. Und mir wurde klar: Das will ich im Grunde nicht.

Wir waren anfangs blind für die Schwächen des anderen

Das Ende kam dann sehr langsam, überraschend leise und seltsam unaufgeregt. Wir sahen uns immer seltener. Es gab keine geplanten Urlaube mehr oder Gespräche über eine gemeinsame Zukunft. Wir beschlossen irgendwann, Freunde zu bleiben. Das war vor einem halben Jahr, seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich habe ihn nicht vermisst.

Durch das Totschweigen der Unterschiede war schon lange vorher die Nähe aus unserer Beziehung verschwunden, die vielleicht ohnehin nie wirklich da war. Unsere Leidenschaft hatte uns anfangs - wenigstens ein bisschen - blind für die Schwächen des anderen gemacht, aber ohne sie blieb plötzlich nicht mehr viel übrig. Auch nicht genug für eine Freundschaft.

Seit einigen Wochen habe ich einen neuen Freund, der sich ehrenamtlich für eine Webseite engagiert, die Helfer an Flüchtlingsprojekte vermittelt. Wenn ich über meinen Büroalltag jammere, hört er nicht immer zu, und meine TV-Serien findet er sterbenslangweilig. Aber es gibt Schlimmeres.

Text: Lena T. Die Autorin lebt in Berlin und heißt eigentlich anders. Doch für das Aufschreiben dieser sehr persönlichen Geschichte wählte sie lieber ein Pseudonym.

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