Islam: Die Burka verbieten?

Tief verschleierte Frauen empfinden wir als Provokation. Zwingt sie wirklich der Islam, Burka zu tragen? Muss man dagegen nicht was tun? BRIGITTE-Redakteurin Claudia Kirsch auf der Suche nach einer klaren Position.

Keine Frau soll eine Burka tragen! Nirgendwo. Eine gesichtslose Frau, verhüllt und eingesperrt in einem ambulanten Gefängnis - das ist für mich ein unerträglicher Anblick. Reflexhaft denke ich an Unterdrückung, Gewalt und Zwang.

Und was, wenn sie es will? Sich freiwillig für den Ganzkörperschleier entschieden hat? Soll ihr der genommen werden? Kleidervorschriften für Frauen sind für mich ebenfalls unerträglich. Ein Dilemma: Ich will keine Frau in einer Burka sehen. Und ich will, dass Frauen selbst bestimmen können, wie sie sich anziehen. Nun will der Staat dieses Dilemma regeln - zumindest in Frankreich und Belgien. Als erste europäische Länder haben sie im Mai ein Burka-Verbot auf den Weg gebracht.

Das Gesetz soll das Tragen jeden Kleidungsstücks verbieten, "welches das Gesicht ganz oder hauptsächlich vermummt". Gemeint sind der Niqab, der nur einen Sehschlitz freilässt, und die Burka, das Ganzkörpergewand mit dem Stoffgitter vor den Augen. Für Trägerinnen dieser Radikalschleier soll künftig gelten: Wir müssen drinnen bleiben. Wer sich verhüllt auf die Straße wagt, hat mit einer Geldstrafe zu rechnen. Kommt nun eine europaweite Regelung auf uns zu? Und wollen wir die? Ich weiß nicht, wie sich eine Frau unter der Burka fühlt. Ich weiß aber, dass ihr Leben bestimmt nicht besser wird, wenn man ihr verbietet, mit dem Bus zu fahren.

Warum wird so aufgeregt über das Thema gestritten? In Frankreich soll es 357 Burka- Trägerinnen geben. Der französische Geheimdienst kam auf etwa 2000. (Wurden sie versehentlich mehrmals gezählt, weil die Agenten in verdeckter Mission die völlig verhüllten Frauen nicht voneinander unterscheiden konnten?) In Deutschland, so wird geschätzt, tragen kaum mehr als 100 Frauen - die meisten sind Konvertitinnen - das umstrittene Kleidungsstück, das übrigens für 49,99 Euro im Internet bestellt werden kann. 100 Frauen in einem Land mit über 80 Millionen Einwohnern. In Deutschland forderte - gegen die Linie ihrer Partei - die SPD-Politikerin Lale Akgün: "Die Burka ist ein Ganzkörpergefängnis, das die Menschenrechte tief verletzt. Es wäre ein wichtiges Zeichen, die Burka in Deutschland zu verbieten."

Islam: Die Burka verbieten?

Aber warum sollen wir etwas verbieten, was es praktisch nicht gibt? Ein Scheinproblem? Im echten Leben habe ich noch nie eine Frau in einer Burka gesehen. Immerhin ein paar Niqab-Trägerinnen, das war in Frankreich. Einmal, ein einziges Mal, auch in Deutschland. Ich sah die Frau mit schwarzem Schleier über einem weiten, bunten Gewand, das bis zum Boden reichte - und war seltsam fasziniert. Am liebsten hätte ich das dunkle Tuch gehoben, um ihr Geheimnis zu lüften. Wie eine Detektivin schlich ich hinter ihr her, blieb neben ihr stehen, als sie an einem Marktstand mehrere Kilo Tomaten kaufte. Nahm die Verfolgung wieder auf, ertappte mich dabei, wie ich in ihren langsamen, ein wenig schwerfälligen Gang verfiel, beobachtete, wie die tomatenschweren Plastiktüten an ihren Armen zogen, immerhin ein winziger Hinweis auf ein Körpergefühl. Ich suchte ihren Blick, aber sie mied meine Augen.

Das machte mich richtig sauer. Ich empfand eine Mischung aus Mitleid und Wut: Muss die so rumlaufen, will die so rumlaufen? Ich wollte wissen: Was denkt sie, was geht in ihr vor, fühlt sie sich eingeschränkt oder vielleicht sogar geschützt?

Bei dem Versuch einer Annäherung half mir die Erinnerung an einen Theaterworkshop, an dem ich vor vielen Jahren teilgenommen hatte. Mir fiel es damals schwer, auf der Bühne zu agieren. Bis ich mir eine Maske übers Gesicht stülpte. Die Wirkung war überwältigend: Unter dem Schutz der Maske verlor ich alle Hemmungen, bewegte mich frei. Kann es unter dem Schleier einen ähnlichen Effekt geben?

"Die Burka ist oft die einzige Chance, eine gewisse Freiheit zu erfahren", sagt die afghanische Regisseurin Monireh Hashemi, die in Berlin ein deutsch-afghanisches Theaterstück inszeniert hat. Frei vom Blick der Männer, frei vom Druck, sich für ein Outfit entscheiden oder sich selbst darstellen zu müssen. Meint sie das? Oder meint sie die Freiheit, in einem von Taliban tyrannisierten Land halbwegs ungefährdet über die Straße gehen zu können?

Afghanistan und sein frauenverachtender Terror sind zum Glück weit weg. Hier, in Europa, hat die französische Künstlerin Bérangère Lefranc eine ganz andere Erfahrung gemacht: Für ein Kunstprojekt trug sie einen Monat lang die Burka. Auf der Straße, bei ihren Eltern, vor ihren Freunden und bei 30 Grad Hitze. Sie wurde beschimpft und ausgelacht, angespuckt und beglotzt. Ihr Fazit: "Noch nie hat man mich so oft angeschaut und so wenig mit mir gesprochen. Es war die Hölle."

Darf es sein, dass eine Frau aufgrund ihrer Kleidung so ausgegrenzt wird? Nein, natürlich nicht. Zugleich aber gruselt mich vor der Burka. Und ich kämpfe mit diesem Widerspruch. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto schwieriger finde ich es, eine klare Position zu beziehen.

Mit Widersprüchen wird - in oft herzlichem Ton - auch in zahlreichen Internetforen gerungen. Die Burka als religiöses Bekenntnis, als Abgrenzung, als Provokation? Eine Userin erzählt von der Al-Azhar-Universität in Kairo. Dort schlichen sich nachts verschleierte Männer ins Studentinnen- Wohnheim zu ihren Freundinnen. "Und Mädchen, die nix gelernt hatten, schickten ihre Freundinnen verschleiert zur Prüfung", schreibt die Userin. Um das zu verhindern, habe die Universitätsleitung öffentlich verkündet, dass weder Burka noch Schleier im Islam vorgeschrieben seien.

Für uns ist es kaum vorstellbar, dass eine Frau freiwillig dieses Monstrum überzieht, das Kontakt verhindert und jede Individualität raubt. Und wenn sie sagt, es sei ihre Entscheidung, glauben wir ihr nicht. Oder mutmaßen, dass sie manipuliert wurde. Dass sie bedroht wird, vom Mann, von den Eltern. Zwangsverheiratet wurde, Angst hat und sich fügt. Aber was wissen wir wirklich? Ja, die Burka signalisiert Abschottung. Aber das tut die Nonnentracht auch. Gibt es eine Grenze zwischen okay und nicht okay? Und wer setzt die fest?

Beim Kopftuch habe ich irgendwann aufgehört, mich jedes Mal zu fragen, warum ein Mädchen seine Haare bedeckt: weil Vater oder Mutter das befehlen, weil sie fürchtet, sonst in der Schule als "Schlampe" angemacht zu werden - oder weil sie sich aus Überzeugung dazu bekennt. Und wenn auch viele Deutsche das Kopftuch am liebsten verbieten würden - es ist aus dem Alltag fast nicht mehr wegzudenken.

Längst hat sich eine eigene Ästhetik entwickelt: Das Kopftuch wird zu Jeans und Stöckelschuhen getragen, farblich perfekt aufs Outfit abgestimmt, das Gesicht asketisch pur oder stark geschminkt, der Haaransatz gezeigt oder verdeckt - fast alles geht.

Ein Normalisierungsprozess, der kritisch beäugt wird von Feministinnen, für die das Kopftuch ein Repressionsmittel ist, das Mädchen in gute, traditionsbewusste und schlechte, verdorbene Mädchen teilt. "Wenn ich die verschleierten Importbräute hinter ihren verschleierten Schwiegermüttern laufen sehe, bezweifele ich, dass sie sich dieses Leben freiwillig ausgesucht haben", sagt die Soziologin Necla Kelek, die im Alter von zehn Jahren von Istanbul nach Deutschland zog.

Eines wird mir immer klarer: Die Burka erregt die Gemüter so sehr, gerade weil sie in unserem Alltag praktisch keine Rolle spielt. Das macht es leicht, sie zum Symbol für den gesamten Islam zu machen. Und zwar für einen bösen Islam, in dem patriarchale Männer das Sagen haben, Frauen sich verstecken müssen und, wenn sie vergewaltigt worden sind, gesteinigt werden.

Als mit solchen Bildern aufgeladenes Symbol ist die Burka geeignet, Ablehnung in der Gesellschaft zu mobilisieren. Gegen die Burka zu sein, das ist ein schnell gefundener gemeinsamer Nenner. Denn sie löst nicht nur bei Fremdenhassern, sondern auch bei weltoffenen Bürgern und vielen Muslimen Unbehagen aus. "Die Burka ist Symbol für das Fremde, das man guten Gewissens ablehnen darf", schreibt die Philosophin Isolde Charim in der "taz".

"Jetzt will auch noch Österreich die Burka verbieten", verkündete bei einem Abendessen in kleiner Runde eine Freundin. "Was hältst du denn davon?" Sie sah mich prüfend an. "Ich bin gegen die Burka, und ich bin gegen jede Kleidervorschrift", sagte ich.

Text: Claudia Kirsch Foto: Kröger-Gross; iStockphoto Ein Artikel aus Hest 14/2010

Kommentare (12)

Kommentare (12)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich war gestern in einer grossen Drogerie beim Einkaufen und hinter mir an der Kasse stand eine völlig verschleiete Frau, Stoffgitter vor den Augen und Handschuhe inklusive. Ich muss sagen ich habe mich sehr unwohl in Ihrer Gegenwart gefühlt. In unserer Kultur sieht man Menschen ins Gesicht und in die Augen. Wer also hier lebt sollte sich anpassen.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Burka im Europapark. Ich habe bei meinem dreitägigen Aufenthalt in Rust ca 40 Frauen mit schwarzen Gewändern gesehen. Es war sehr befremdlich in der farbenfrohen und freizügigen Umgebung. Alle waren mit ihren Familien unterwegs. Die Kinder und Männer waren sehr schick und farbenfroh angezogen. Mein fünfjähriger Sohn fragte mich mehrmals, warum man bei den Frauen nichts erkennen kann. Ich finde es sehr bedenklich. Angeblich kommen viele der Frauen aus Frankreich. Im August wären ganz viele Burkatraegerinnen im Park.



  • Anonymer User
    Anonymer User
    In diesem Artikel ging es um die Burka, nicht um den Islam, eigentlich hat das eine mit dem anderen doch nur in den Augen von Fanatikern etwas zu tun.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Wer meint, dass in Europa praktisch keine Burkas getragen werden sollte mal die einschlägigen Viertel in London besuchen. Dort gibt es zahlreiche Frauen mit Burka + Handschuhen. Und in diesen Vierteln werden mitlerweile Frauen bedrängt, die sich nicht zumindest mit Kopftuch zeigen. Ja, ich glaube auch, dass diese Frauen nicht mehr das Haus verlassen dürfen wenn die Burka verboten würde aber wenn die Burka erlaubt bleibt haben auch ihre Töchter keine Chance. In einem Land mit Schulpflicht müssen sie das Haus verlassen dürfen, sie bekommen zumindest die Möglichkeit ein anderes Leben zu sehen und haben zumindest eine kleine Chance auf Hilfe dieses Leben zu verlassen wenn sie es möchten.

    Ja, die Burka ist ein Symbol und ein Symptom der massiven Unterdrückung der Frau, sie sollte in Ländern deren Gesetzgebung die Menschenrechte und Frauenrechte garantieren verboten werden, genauso wie jede andere Freiheitsberaubung auch, alles andere ist verkrampfte, falsche Toleranz.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    (...) weil er sich die Freiheit genommen hatte, den Islam offen zu kritisieren. Sein Mörder hat ihm ein Messer in die Brust gerammt, zusammen mit ein Brief: "Im Namen des barmherzigen und gnädigen Allah...".

    Ich bin in Frankreich aufgewachsen und hatte lange keinerlei Probleme mit dem Islam. Bis der 11. September kam und sich Leute, die ich vorher als gemässigt eingeschätzt hatte, offen über den "Schlag gegen die USA" gefreut haben.

    Eine Religion, welche das ganze Leben beherrscht und Gewalt duldet, ist mit europäischen Werten nicht vereinbar. Auch der Islam braucht konstruktive Kritik um sich der heutigen Zeit anzupassen.

    Ich verweise auf Ayaan Hirsi Alis Bücher, insbesondere "Ich klage an".

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