"Er ist ein Mensch, wie jeder andere auch"

Im Frühjahr 2014 nahmen Susanne und Dieter, ein pensioniertes Paar aus Hamburg, einen syrischen Flüchtling bei sich auf: den 28-jährigen Anas. Ein Hausbesuch.

Kein Thema beherrscht die Medien derzeit so sehr wie die Flüchtlingskrise. Wir sehen Bilder von überfüllten Erstaufnahmelagern und Zügen – aber auch von Einheimischen, die sich für die Flüchtlinge engagieren, die anpacken, organisieren und ja, auch Menschen bei sich aufnehmen.

So wie Susanne und Dieter aus Niendorf, einem Stadtteil im Norden von . Das pensionierte Paar hat seit April 2014 einen neuen Mieter in der Einliegerwohnung im oberen Stockwerk ihres Hauses: Anas, 28, aus einer Kleinstadt im Osten von Syrien.

Auf der Busfahrt zu ihnen überlege ich kurz, wie wir uns wohl verständigen werden. Spricht er Englisch? Oder sogar schon etwas Deutsch? Ich treffe Susanne vor ihrem hübschen Haus im Grünen, beim Unkrautjäten im Garten. Kurz darauf sitze ich mit Anas und seinen Vermietern im Wohnzimmer, jeder in einem Sessel, aufgestellt in einem Viereck.

Ich staune, wie gut Anas bereits Deutsch spricht. Und darüber, dass er so zielstrebig für das C1-Zertifikat lernt, mit dem er sich auf einen Masterstudienplatz in BWL bewerben möchte. Fünf Stunden täglich, in der Volkshochschule und manchmal auch mit Susanne zu Hause. Ich bin beinahe irritiert, wie friedlich und normal die ganze Situation wirkt - wenn man bedenkt, was er durchgemacht haben muss.

Der Bürgerkrieg hat seine Psyche zu einem Minenfeld gemacht

Doch das ist nur der erste Eindruck. So gesprächig Anas auch ist - schnell wird klar, dass der Bürgerkrieg in seiner Heimat und die Schicksale der Menschen, die ihm auf der mehrwöchigen Flucht begegneten, seine Psyche zu einem Minenfeld gemacht haben. Deswegen stelle ich manche Fragen bewusst nicht. Stattdessen lasse ich ihn erzählen, was er erzählen möchte und kann - zum Beispiel von seinem Vater: "Er sagte mir, 'Flieh, so lange du noch kannst!'"

Anas hatte in gerade seinen Bachelor-Abschluss gemacht und wäre früher oder später vom Militär eingezogen worden. Im September 2013 machte er sich auf den Weg: über Ägypten, Italien, Frankreich, die Niederlande und Deutschland nach Schweden. Dort wollte sich die Familie wiedertreffen. Doch in Malmö kam er nie an. In Nordrhein-Westfalen wurde Anas im Zug kontrolliert und festgenommen. Er hatte zwar ein Ticket, aber keinen Pass. Er drückte seine Fingerkuppen erst ins Stempelkissen, dann auf deutsches Behördenpapier. Damit war der Plan vom Neuanfang in Skandinavien gescheitert.

Inzwischen ist Anas anerkannter Flüchtling und kann innerhalb Europas reisen.

Inzwischen ist Anas anerkannter Flüchtling und kann innerhalb Europas reisen.

Anas wurde nach Hamburg umverteilt. Im Erstaufnahmelager bekam er ein Zelt zugewiesen - zusammen mit fünf weiteren Flüchtlingen. "Ich hatte vorher noch nie in meinem Leben gecampt", erzählt er. Sieben Monate wartete er auf seine Aufenthaltsgenehmigung. Er engagiert sich auch selbst in der Flüchtlingshilfe, sortiert und stapelt Kleiderspenden. Den direkten Kontakt zu anderen Flüchtlingen meidet er. Er kann es schwer ertragen, noch mehr schreckliche Geschichten zu hören und zu sehen. "Ich möchte lieber nach vorne schauen." Seine neuen Freunde hier sind fast alle deutsch. In seinem Reisepass steht inzwischen, dass er "Flüchtling im Sinne des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge" ist. Anerkannter Flüchtling also.

Er ist nicht der erste Mieter mit ausländischem Pass, den Susanne und Dieter bei sich wohnen lassen. Sie empfinden das Zusammenleben als bereichernd. Als ihre Tochter Anne, eine Anwältin, die sich im Vorstand einer Kirchengemeinde engagiert und darüber in der Flüchtlingshilfe aktiv ist, ihnen von einem hilfsbereiten, jungen Mann aus Syrien erzählte, der unbedingt eine Unterkunft bräuchte, zögerten sie nicht lange.

Anne stellte Anas ihren Eltern vor. Wenige Tage später zog er bei ihnen ein. Sie bekommen 300 Euro vom Sozialamt dafür. Eigentlich sei die Miete doppelt so hoch. Aber das ist ihnen jetzt egal. Die Wohnung hatten Susanne und Dieter mit Möbeln aus dem Bekanntenkreis eingerichtet. In ihrer Nachbarschaft seien die Spendenbereitschaft und das Engagement ohnehin groß, sagt Susanne. "Bei einer Gemeindeversammlung, wo es um die Hilfsmaßnahmen für die Flüchtlinge gehen sollte, hatten sie etwa 40 Stühle aufgestellt. Es kamen 260!"

Grimms Märchen sind nichts für Anfänger

In der Fensterbank stehen noch immer die Blumen aus dem Garten, die Susanne ihm zum Einzug geschenkt hat. "Freunde sagen, schmeiß sie weg, aber ich finde sie schön. Sie sind mir wichtig", sagt Anas.

In der Fensterbank stehen noch immer die Blumen aus dem Garten, die Susanne ihm zum Einzug geschenkt hat. "Freunde sagen, schmeiß sie weg, aber ich finde sie schön. Sie sind mir wichtig", sagt Anas.

Oft hat sie sich mit Anas hingesetzt und zusammen deutsche Texte gelesen. Anfangs versuchte sie es mit Grimms Märchen, aber "über Sterntaler kamen wir nicht hinaus", erzählt sie lachend. "Das ist viel zu kompliziert! Unfassbar, wie viele verschiedene Worte wir für das Gleiche verwenden. Und die Präpositionen erst!" Susanne unterrichtet auch Gruppen in Erstaufnahmelagern. Gelernt hat sie das nicht. Es mangele an gutem Unterrichtsmaterial. Und verschiedene Nationen, Altersstufen und Wissensstände miteinander zu vereinbaren, sei mitunter ziemlich schwierig. Doch sie versucht es immer wieder. Dagegen laufen die Gespräche mit Anas schon wie geschmiert. Sie haben Weihnachten mit der Familie und auch mit ihm gefeiert. Kürzlich war eines ihrer acht Enkelkinder zu Besuch. Susanne machte Marillenknödel - und lud auch Anas dazu ein. "Für mich ist er wie jeder andere Mensch auch", sagt sie.

In der Nacht vor unserem Treffen konnte Anas seine Schwester, ihren Mann und zwei Kinder kurz am Hamburger Hauptbahnhof in die Arme schließen - um dann jedoch gleich wieder Abschied zu nehmen. Die Familie versucht, nach Schweden zu kommen. Auch seine andere Schwester ist auf der Flucht. Wo genau sie gerade ist, weiß Anas nicht. Sein ältester Bruder, ein Zahnarzt, ist noch in Syrien, wie auch seine Eltern. Alle drei Tage spricht er mit ihnen übers Internet. Das sei wenig, sagt er. In arabischen Ländern sprechen Kinder für gewöhnlich täglich mit ihren Eltern. "Ich bin sachlich. In Syrien ist . Unsere Gesellschaft ist zerstört. Es dauert etwa 50 Jahre, bis sich eine Nation davon erholt. Ich glaube nicht, dass ich meine Heimat je wiedersehen werde."

Anas sagt das tatsächlich ziemlich sachlich. Die Worte hallen trotzdem nach. Susanne hakt ein: "Zu wissen, dass die Kinder unglücklich in der Welt zerstreut sind - das muss doch schrecklich sein für seine Mutter!" Wie wahr.

Update: Die Schwester, die Anas am Hamburger Bahnhof kurz getroffen hat, ist inzwischen mit ihrer Familie in Malmö angekommen. Die andere Schwester kam mit Mann und drei Kindern vor einigen Tagen mit dem Zug aus Budapest und besuchte Anas in Hamburg. Die Familie wollte ebenfalls nach Malmö weiterreisen, kam jedoch nur bis nach Dänemark. Dort sind sie nun in einem Erstaufnahmelager.

Nicole Wehr

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