Männerfeindlich? Warum der Feminismus ein Image-Problem hat

Wie schafft man es, dass junge Menschen eine Stunde auf einer Holzbank sitzen und über Feminismus diskutieren, während gleich hinterm Busch ein DJ mit fetter Elektro-Mucke zum Tanzen animiert?

Das geht so: Man lädt drei bekennende Feministen zum Talk auf den Hamburger "Vogelball" ein und lässt sie mit dem Publikum über Sexismus, Chauvinismus und andere schräge Phänomene plaudern.

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Zum Feministen-Talk auf den Vogelball

Inmitten von betörenden Beats und krasser Kunst hatte das feministische Magazin Libertine sein Zelt auf dem Festivalgelände in Hamburg aufgeschlagen. Als Talkgäste hatten sich Autorin und Bloggerin Svenja Gräfen, Marcel Wicker von der feministischen NGO Pinkstinks und Juliane Rump, die Gründerin von Libertine eingefunden.

Ein feministischer Mann? Alarmiert den Notarzt!

Ersten Anlass zur Diskussion bot Talkgast Marcel, der sich – jetzt haltet euch fest – ausdrücklich als "Feminist" bezeichnet.

Ihr seht den Aufreger nicht? Dann gehört ihr definitiv nicht zu den immer noch zahlreichen Menschen, die es komisch finden, wenn Männer Feministen sind. Und zack – schon haben wir den Finger in der Wunde. Denn wie sich herausstellt, hat vor allem als Begriff ein Image-Problem.

Arne und dieses unmögliche 1 Prozent

Tatsächlich wollte sich – wenn ich das richtig geblickt habe - kein weiterer Mann aus dem Publikum als Feminist bezeichnen. Nur ein Kerl namens Arne ging immerhin so weit zu sagen, er würde zu 99 Prozent mit dem Feminismus übereinstimmen, aber mit diesem einen übrigen Prozent eben nicht.

Außerdem findet Arne das Wort "Feminismus" nicht passend und wäre irgendwie glücklicher, wenn wir es ersetzen würden, zum Beispiel durch "Antichauvinismus". Wie bitte? Hä? Marcel stellt Arne die alles entscheidende Frage: "Willst du, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben? Ja? Dann bist du höchstwahrscheinlich Feminist."

Schluss damit: Feminismus ist NICHT männerfeindlich

Wovor Arne und andere Männer so verdammt viel Angst haben, beruht auf einem weit verbreiteten Trugschluss: Wenn Feminismus Frauen stärken will, dann will er Männer ja wohl schwächen. Kinder, tragt es in die Welt: Diese Rechnung geht so nicht auf.

Feminismus ist eine Freiheitsbewegung, bei der beide Seiten gewinnen.

Denkt doch mal nach: Für Frauen ist es Pipifax, einen hübschen Lippenstift aufzulegen, die Klappe zu halten und Männern den Kopf zu verdrehen. Die eigene Meinung zu vertreten, für ihre Überzeugung einzustehen und die Verantwortung zu tragen, wenn ihre Ideen scheitern, ist dagegen ein wahrer pain in the ass.

Freiheit für Frauen, Entlastung für Männer

Feministen wollen mehr Freiheit für Frauen, nehmen sie aber auch mehr in die Pflicht. Das kann die Männer eigentlich nur entlasten.

Außerdem: Erst wenn Frauen ihre Rolle in der Welt wirklich selbstbestimmt wählen können, gilt das auch für Männer. Wenn Karrierefrauen nicht mehr als Rabenmütter gesehen werden, sind Väter, die sich um die Kinder kümmern, keine Schlaffis mehr.

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Die Welt hat sich verändert - Feminismus auch

Abgesehen von falschen Vorurteilen, die mit dem Begriff assoziiert werden, hat der Feminismus noch ein anderes Problem: Leute denken, er hat immer noch die gleiche Bedeutung, die er vor 40 Jahren mal hatte.

Einerseits macht das den Feminismus natürlich uncool, denn die Feministen von früher haben heute ja nicht mal einen Twitter-Account.

Andererseits macht das den Feminismus "von damals" auch irgendwie überflüssig, denn die konkreten Ziele, für die Feministen der Siebziger gekämpft haben, sind heute weitgehend erreicht: Frauen müssen ihren Mann nicht mehr fragen, ob sie arbeiten dürfen, sie werden nicht komisch angeguckt, wenn sie Hosen tragen, und - Achtung Ironie! - bereinigt ist der Gender pay gap ja auch gar nicht sooo schlimm ...

Feministen-Shirts von H&M: Fluch oder Segen?

Gegen das uncoole Image des Feminismus helfen definitiv Veranstaltungen wie die auf dem Vogelball, aber auch die aktuelle Kommerzialisierung feministischer Claims, Stichwort: Girlpower-T-Shirts von H&M. Oder doch nicht?

Svenja denkt schon, sie findet sowieso, dass Feminismus viel mehr in den "Mainstream" reinmuss. Marcel hat ein Problem mit diesen T-Shirts, wenn sie von Kindern in Kambodscha in dunklen, Giftgas belüfteten Hallen genäht werden - aber das Problem betrifft dann eher H&M als den Feminismus. Und Juliane hat die Hoffnung, dass über solche T-Shirts ein neues Bewusstsein für das Thema geschaffen wird.

Wahrscheinlich ist doch: Dass H&M Girlpower-T-Shirts verkauft, juckt den wahren Feminismus herzlich wenig.

Vielleicht eröffnet ja bald irgendwo das erste so richtig hippe Feministen-Café. Wo Frauen mit ihren Männern hingehen, die sie für ihre Ideale lieben und nicht für ihre Idealfigur. Sonst treffen wir uns einfach nächstes Jahr wieder beim Vogelball. Gleiche Zeit, selber Ort, und am besten einen Schritt weiter.

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