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"Ich weiß, was du unserer Tochter angetan hast"

Nach Amstetten fragt sich die ganze Welt: Kann es sein, dass eine Mutter es nicht mitbekommt, wenn der Mann die Kinder missbraucht? Anna Kowalska* hat vor der Wahrheit nicht die Augen verschlossen - sondern gehandelt. Sie zog mit ihren beiden Mädchen zu einer Bekannten. Dann rief sie ihren Mann an und sagte: "Ich weiß, was du unserer Tochter angetan hast"

Es war ein einziger Satz, der die Welt von Anna Kowalska* zerstörte. Der ihr den Schlaf raubte, den Ehemann zu einem Verdächtigen machte und ihr Zuhause in einen bedrohlichen Ort verwandelte.

"Du weißt, dass dein Mann deine Tochter missbraucht" - noch heute hat Anna Kowalska diesen Satz im Ohr. Der 37-Jährigen steigen Tränen in die Augen, wenn sie an den Tag im Februar 2006 denkt, an dem sie ihn auf dem Schulflur gehört hatte - von der Mutter der Freundin ihrer Tochter. "Du musst etwas tun": Auch das sagte diese Frau. Ihre älteste Tochter Nina* sollte vom eigenen Vater missbraucht worden sein? Anna Kowalska schüttelte den Kopf. Nein, das konnte nicht sein.

Ihre Ehe mit dem 28 Jahre älteren Mann, den sie während ihres Studiums kennen gelernt hatte, lief nicht gut, das wusste sie. Es gab oft Streit, weil er sich keine Arbeit suchte, weil er die Mädchen zu lange fernsehen ließ und ihnen Ohrfeigen verpasste. Er war schwierig, inzwischen konnte Anna Kowalska ihn auch körperlich kaum noch ertragen, sie hatte schon seit einigen Monaten nicht mehr mit ihm geschlafen - doch eine solche Tat traute sie ihm trotz allem nicht zu.

Die Nacht nach der Begegnung im Flur war lang. Anna Kowalska dachte immer wieder an diesen einen Satz. Sie starrte auf ihren schlafenden Mann. Ihr Magen krampfte sich zusammen, das Nachthemd schwitzte sie klatschnass, in ihrem Kopf rauschte es. Ihr fiel etwas ein: Hatte Nina nicht neulich während eines Streits behauptet, der Vater habe sie betatscht? Warum hatte sie damals nicht nachgefragt? Und was sollte sie jetzt tun?

Auf der nächsten Seite: Anna Kowalska traf eine Entscheidung

"Viele Frauen schauen weg, wenn sie erfahren, dass ihre Männer die Kinder missbrauchen. Menschen haben die Tendenz, Dinge auszublenden, die sehr schwierige Handlungen erzwingen würden", sagt Ulrich Sachsse, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Asklepius Fachklinikum Göttingen. Fachleute schätzen, dass nur zehn Prozent der Frauen etwas unternehmen.

Anna Kowalska rief eine Beratungsstelle an. "Ein Kind erzählt so etwas nicht umsonst. Nehmen Sie es ernst", sagte ein Mitarbeiter von "Kind im Zentrum" (KiZ) in Berlin. Er lud die Mutter zu einem Gespräch ein. Sie meldete sich krank und fuhr hin. An Arbeiten war sowieso nicht zu denken. Ein Psychologe stellte Fragen. Etwa, ob ihr Mann stets dagegen war, dass Nina woanders übernachtete. Anna Kowalska beantwortete diese und viele andere Fragen mit "Ja" - und wusste am Ende: Ihr Mann verhielt sich seltsam.

Zu einem zweiten Gespräch in der Beratungsstelle nahm sie ihre Tochter und deren beste Freundin Sabine* mit. Die jüngere Tochter brachte sie bei einer Freundin unter. Sabine erzählte von dem Abend, an dem Nina ihr schließlich das Geheimnis anvertraut hatte. Nina schaute nicht hoch, sagte kein Wort - aber sie nickte. Anna Kowalska, eine große, hübsche Frau mit kinnlangen Haaren, hatte vieles hingenommen in ihrer Ehe, doch in diesem Moment traf sie eine Entscheidung:

Sie musste die Kinder vor dem Mann schützen, mit dem sie verheiratet war. Sie sagte ihm am Telefon: "Wir wissen, was du Nina angetan hast, wir kommen nicht nach Hause." Mutter und Töchter wohnten vorübergehend bei Sabines Familie. Nach ein paar Tagen zog ihr Mann aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Auf der nächsten Seite: Keine Anzeige

Angezeigt hat Anna Kowalska ihn nicht. Die Psychologin Annette Knor von KiZ riet davon ab, dies voreilig zu tun. Ein missbrauchtes Kind komme nicht zur Ruhe, wenn es in Vernehmungen wieder und wieder von der Tat erzählen müsse, sagte sie. Gegen den eigenen Vater auszusagen sei nicht einfach. "Nina kann sich immer noch dafür entscheiden, wenn sie das eines Tages will", sagt Anna Kowalska.

Was davon stimmt und wie oft es passierte, weiß Anna Kowalska bis heute nicht. Nina hat es nie erzählt. Der Vater hat inzwischen eine Therapie bei KiZ gemacht. Er hat sich schriftlich entschuldigt. Nina zuckte nur mit den Schultern, als sie den Brief las. Sie möchte nichts mehr mit diesem Mann zu tun haben. Wenn sie ihn auf der Straße sieht, dreht sie sich weg.

Der jüngeren Tochter geht es anders: Sie vermisst ihren Vater und darf sich inzwischen alle zwei Wochen mit ihm treffen. Die beiden backen zusammen Pfannkuchen, spielen Brettspiele, reden. Ein Betreuer sitzt immer daneben.

Auch Anna Kowalska hat wieder Kontakt zu ihrem Mann. "Es gibt Frauen, die nach ein paar Monaten zurückkehren, weil sie sich einsam fühlen und glauben, dass es keinen weiteren Missbrauch geben wird", warnte die KiZ-Mitarbeiterin Annette Knor. Doch diese Gefahr bestand bei Anna Kowalska nicht. "Früher habe ich mir wenig zugetraut. Ich bin zum Beispiel nie Auto gefahren", sagt sie.

Ihr arbeitsloser Mann kümmerte sich um alles: Er fuhr die Kinder zur Schule, schmierte Brote, überwies die Miete. "Ich habe geglaubt, dass ich es als alleinerziehende Mutter mit Ganztagsjob nicht schaffen würde. Aber es klappt besser, als ich dachte." Klar gebe es manchmal Probleme. Für die Töchter ist die Geschichte auch zwei Jahre später keine "alte Kamelle".

Auch Anna Kowalska hat den Schock noch nicht ganz überwunden. Irgendwann hätte sie gern einen neuen Freund. Aber da sind immer diese Hintergedanken. Wenn sie im Supermarkt einen Mann sieht, der seiner Tochter einen Kuss gibt, fragt sie sich, was die beiden wohl noch alles machen. "Und wenn ich jemanden kennen lerne, ist da immer diese Angst, er könnte auf meine Töchter stehen."

* Namen von der Redaktion geändert

Auf der nächsten Seite: Was tun bei einem Verdacht?

Der schreckliche Verdacht - was tun?

Jede Situation ist anders. Dennoch lassen sich ein paar Grundregeln formulieren, die helfen, richtig zu reagieren, wenn der Verdacht aufkommt, dass der Partner sich an den Kindern vergreift. Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Annette Knor rät:

- Den Verdacht ernst nehmen. Wenn er von einem Außenstehenden stammt, kann man davon ausgehen, dass er Gründe hat, so etwas zu sagen. Und wenn ein Kind einen solchen Vorwurf äußert, ist es in Not. - Sich möglichst bald an eine Beratungsstelle wenden und die Situation schildern. Die Fachleute können besser beurteilen, was jetzt zu tun ist. - Das Kind schützen, wenn sich der Verdacht erhärtet. Bei einer Missbrauchsbestätigung sollte es unbedingt zu einer räumlichen Trennung kommen. - Das Jugendamt benachrichtigen. Es ist ein wichtiger Kooperationspartner für die Beratungsstelle. Außerdem klärt es Umgangsfragen. - Den Mann im Beisein von Jugendamt- oder Beratungsstellen- Mitarbeitern mit dem Vorwurf konfrontieren.

Text: Katrin Schmiedekampf Foto: Getty Images

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