Mit dem "Heimwegtelefon" sicher nach Hause kommen

Wer nachts allein unterwegs ist, hat oft ein mulmiges Gefühl. Dagegen hilft das "Heimwegtelefon": eine kostenlose Telefon-Hotline, gestartet von zwei Berlinerinnen. Was steckt hinter der Idee?

Warum ist es nur so verdammt weit bis zur U-Bahn? Es ist spät geworden auf der Party. Auf dem Weg nach Hause fühlt es sich an, als würde sie beobachtet. Sie sieht sich immer wieder um, lauscht: Sind das Schritte hinter ihr? Als ihr ein Mann entgegenkommt, wechselt sie die Straßenseite, beschleunigt den Schritt.

Viele Frauen kennen Situationen wie diese - auch Frances Berger und Anabell Schuchhardt aus Berlin. Deshalb haben sie das "Heimwegtelefon" gestartet: eine Telefon-Hotline gegen das mulmige Gefühl, wenn man nachts allein unterwegs ist.

"Das Heimwegtelefon bringt dich nachts sicher nach Hause!", lautet ihr Versprechen. Und so funktioniert's: Die Anruferinnen - meist sind es junge Frauen - sagen, wo sie sind und wohin sie gehen. Berger und Schuchhardt unterhalten sich mit ihnen, bis sie zu Hause sind. Das soll mögliche Täter abschrecken, schließlich könnte im Fall eines Überfalls die Person am anderen Ende der Leitung mithören.

Müssen wir in Deutschland wirklich so viel Angst vor Straßenräubern oder sexuellen Gewalttätern haben, dass wir ein Angebot wie das "Heimwegtelefon" brauchen? "Es geht gar nicht mal unbedingt um die konkrete Angst, dass mich jemand ins nächste Gebüsch ziehen könnte. Ich fühle mich einfach unwohl, weil es dunkel ist und ich allein bin", sagt Schuchhardt. "Nachts begegnen einem manchmal komische Leute. Manche stört es nicht, wenn ihnen angetrunkene Kerle entgegenkommen. Andere sind nicht so selbstbewusst." Wenn sie mit jemandem reden, fühlen sich die Anruferinnen sicherer - und treten auch so auf. Womöglich hält auch das Angreifer auf Distanz.

Freitags und samstags sitzen die Frauen am Telefon

Bisher sitzen Frances Berger und Anabell Schuchhardt allein am Telefon, freitags und samstags von 22 bis 2 Uhr. "Wir wollen das Angebot ausbauen, länger erreichbar sein, und hoffentlich auch jede Nacht. Aber dafür brauchen wir mehr Leute", sagt Berger. Da das "Heimwegtelefon" eine kostenlose Callcenter-Software nutzt, können ehrenamtliche Helfer aus ganz Deutschland mitmachen - man braucht nur einen Computer und eine gute Internetverbindung. Einige Freiwillige haben sich schon gemeldet. Aber die müssen sorgfältig ausgesucht und eingearbeitet werden, schließlich sollen die Anruferinnen unter der Nummer des "Heimwegtelefons" nur absolut vertrauenswürdige Gesprächspartner erreichen.

Die Macherinnen des "Heimwegtelefons": Frances Berger (links) und Anabell Schuchhardt

Einen ähnlichen Service wie das "Heimwegtelefon" gibt es auch in Schweden, allerdings betrieben von der Polizei. Schon vor zwei Jahren hatten die beiden Frauen die Idee, eine solche Hotline auch in Deutschland einzurichten. Über die Spendenplattform Betterplace.org begannen sie Geld für die Gründung zu sammeln. Richtig in Schwung kam die Spendensammlung allerdings nicht.

Wir müssen bekannter werden, beschlossen Berger und Schuchhardt - und starteten Ende Dezember eine zweiwöchige Testphase. Am ersten Abend rief niemand an. Aber Berliner Medien begannen, sich für das Projekt zu interessieren. Seit die ersten Berichte erschienen sind, wählen zwei bis drei Anrufer die Nummer des Heimwegtelefons - jede Nacht, wenn Berger und Schuchhardt Bereitschaft haben. "Und das wird ganz sicher noch zunehmen", sagt Schuchhardt. Denn das "Heimwegtelefon" macht weiter: Aus der Testphase wurde ein Dauerbetrieb - auch wenn immer noch 495 Euro an Spenden fehlen.

Es geht um Partys, Kochrezepte und den Mauerfall

Und worüber redet man danach nachts mit völlig Fremden? "Die erste Frage ist immer, wo kommst du her, wo gehst du hin?", sagt Berger. Zwar ist bisher keinem Anrufer etwas passiert, bei einem Überfall wären die Informationen aber wichtig, um die Polizei informieren zu können.

Daran lässt sich leicht ein Gespräch anknüpfen: Wie war der Abend? Aber auch über Kochrezepte wird gesprochen oder übers Segeln. "Letztes Wochenende habe ich am Telefon mit jemanden über den Mauerfall geredet", erzählt Berger. Zwischen zehn und zwanzig Minuten dauern die Gespräche im Schnitt. "Immer wieder entschuldigen sich Anruferinnen dafür, dass sie uns so lange aufhalten. Denen müssen wir erst einmal erklären: Wir sind wirklich dazu da, mit euch zu telefonieren", sagt Schuchhardt. "Und wir freuen uns über jeden Anruf."

Kommentare (13)

Kommentare (13)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Es gibt Neuigkeiten vom Heimwegtelefon! Wir sind jetzt immer Donnerstags von 20 bis 24 Uhr und Freitags und Samstags von 22 bis4 Uhr für euch erreichbar. Wir suchen immer noch Sponsoren, Spender und Unterstützer.Alle Informationen über Heimwegtelefon gibt es auf unserer Facebookseite.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Man muss sich ja nur mal die Statistiken ankucken: Wie viele Frauen werden Opfer häuslicher Gewalt? Wie viele Frauen werden Opfer irgendwelchen Überfälle? Sind diese Opfer alle jung und schön? Haben die Täter den Überfall geplant oder erfolgte er "spontan"?

    All das müsste doch Frauen eher dazu bringen, nicht sooo viel Angst vor dem "unbekannten Verbrecher" aus dem Busch zu haben. Klar: es kann immer alles passieren. Es wird immer vereinzelt Frauen geben, die von Fremden vergewaltigt werden. Das ist furchtbar. Aber eben im Vergleich zur Gesamtzahl sexualisierter Gewalt ein geringer Teil. Es ist viel wahrscheinlicher, zuhause vom eigenen Freund missbraucht zu werden, rein statistisch. Und wenn dann doch relativ unwahrscheinlicherweise ein Angriff eines Unbekannten "nachts im Park" stattfindet, hilft mit hoher Wahrscheinlichkeit KEIN Handy. Aber eine Ausbildung in Kickboxen beispielsweise könnte es tun, da sich dadurch die Reflexe und das Körpergefühl verbessern.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich lauf halt und versuche nicht hinzufallen. :)
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Also, ich bin in Berlin aufgewachsen und war nie eine Stubenhockerin. Und ich habe noch nie eine bedrohliche Situation erlebt. Natürlich kuckt man ein bisschen, wer so rumläuft, wenn man nachts alleine ist, aber von ANGST, wirklicher Angst, habe ich bsiher nichts gespürt. Meine Güte, Berlin ist ja auch nicht Mexiko-City! DORT war es nachts als Frau alleine gefährlich.

    Frauen, die Angst haben, würde ich einen Kurs in einer Kampfsportart empfehlen. Oder Wendo. Menschenkind, Frauen, lasst euch nicht so einschüchtern!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    So begleite ich oft meine Tochter abends (17 Jahre) nach Hause :-) da sie noch einen kleinen Bruder (21 Monate) hat, kann ich sie abends & nachts schlecht abholen. Ist sie nach 23:00 auf dem Weg nach Hause soll sie ein Taxi nehmen.

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