"Wir müssen über Sex sprechen"

Die deutsch-türkische Anwältin Seyran Ates kämpft für die Rechte muslimischer Frauen in Deutschland. BRIGITTE hat mit der Wahl-Berlinerin über Zwangsehen und Integration gesprochen.

Zwangsehe: "Wir müssen über Sex sprechen"

BRIGITTE: Über tausend Frauen sind in Deutschland jedes Jahr von Zwangsehe bedroht. Die meisten von ihnen sind Musliminnen. Warum hält sich diese Tradition so hartnäckig?

Seyran Ate: Das liegt am bizarren Verständnis der Fundamentalisten von Sexualität. Für Frauen gibt es demnach einfach keine freie, selbst bestimmte Sexualität. Stattdessen herrscht die Vorstellung, die Ehre des Mannes befinde sich zwischen den Beinen der Frau. Und diese Ehre muss unter allen Umständen geschützt werden, vor allem vor außerehelichem Sex. Deswegen wird ja so früh wie möglich geheiratet.

Notfalls gegen den Willen der Beteiligten?

Ja, denn man geht davon aus: Wenn eine Frau und ein Mann sich allein in einem Raum befinden, kann es innerhalb von Sekunden zum Geschlechtsverkehr kommen. Das wäre eine Katastrophe, wenn die beiden nicht miteinander verheiratet wären. Erst wenn wir über dieses Verständnis von Sexualität offen sprechen, können wir die Situation der Frauen verbessern.

Wie soll das konkret geschehen?

Die sexuelle Unterdrückung der Frau im Islam muss ein öffentliches Thema werden! Wir müssen den Menschen klar machen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen so einem Frauenbild und einem Verbrechen wie dem Ehrenmord. Wieso fragen Lehrer ihre muslimischen Schüler nicht einfach mal, warum sie deutsche Frauen grundsätzlich als Huren bezeichnen? Und warum sprechen sie die Eltern nicht darauf an, welch fragwürdiges Sexualitätsverständnis sie ihren Kindern vermitteln? Dieses Thema darf kein Tabu sein.

Ein anderer Weg, den Frauen zu helfen, wären Gesetzesänderungen. Das neue Zuwanderungsgesetz zum Beispiel verbietet den Nachzug von Ehepartnern unter 18 Jahren. Halten Sie das für eine sinnvolle Strategie?

Gesetze sind ein erster Schritt. Deshalb fordere ich ja auch, dass ein eigener Straftatbestand wird. Das würde den Frauen ein Verteidigungs-Instrument in die Hand geben. Doch damit sie es auch benutzen, müssen wir sie aufklären. Schon im Kindergarten sollte den Mädchen klar gemacht werden, dass sich die Prinzessin ihren Prinzen selbst aussucht. Und wir müssen in die Familien gehen und uns einmischen. Das Konzept einer Multi-Kulti-Gesellschaft, in der alle einfach nebeneinander her leben, ist gescheitert.

Als Familienanwältin waren Ihre Auseinandersetzungen mit streng gläubigen Muslimen ja eher ernüchternd. Sie wurden angepöbelt, bedroht, fast getötet. Vor einem Jahr gaben Sie deshalb sogar ihre Anwaltslizenz zurück ...

Ich habe mit der muslimischen Gemeinde zwar beruflich viel zu tun, privat jedoch nicht mehr. Deshalb gab es keine Gelegenheit für Anfeindungen. Ich weiß aber, dass meine Art zu leben von den Strenggläubigen nicht gerne gesehen wird. Unverheiratet zu bleiben und alleinerziehend zu sein ist im fundamentalistischen Islam kein gängiges Lebensmodell.

Womit müsste denn eine ledige Mutter rechnen, die stärker als Sie in der Gemeinde verwurzelt ist?

Sie würde wohl ein recht isoliertes Leben führen. Man würde sie zwar nicht verstoßen wie in Marokko, doch sie gälte als Gefahr für die verheirateten Männer. Schließlich ist sie keine Jungfrau mehr und könnte ihre Sexualität ohne Ehemann völlig unkontrolliert ausleben. Das kann von den Fundamentalisten nicht geduldet werden.

Buch zum Thema

Zwangsehe: "Wir müssen über Sex sprechen"

Von Frauen, dem Islam und einem besseren Integrationskonzept handelt auch Seyran Ates neues Buch "Der Multikulti-Irrtum" (Ullstein-Verlag, 256 Seiten, 18,90 Euro). Von Ehrenmord bis Kopftuchstreit analysiert die Frauenrechtlerin darin alle brisanten Themen der aktuellen Debatte und kommt zu dem Schluss: Die als Toleranz verkleidete Gleichgültigkeit einer Multikulti-Gesellschaft führt letztendlich nur zu Parallelgesellschaften, Ghettobildung und Gewalt. Wenn verschiedene Kulturen wirklich zusammen leben wollen, müssen sie sich immer wieder in den Alltag der anderen einmischen und gemeinsame Werte entwickeln. Nur so kann Integration gelingen.

Zur Person

Seit über 20 Jahren kämpft Seyran Ate in Deutschland für die Rechte türkischer Frauen. Sie selbst ist in einer streng traditionellen Familie aufgewachsen, zunächst in Istanbul, dann ab ihrem sechsten Lebensjahr in Deutschland. Sie durfte kaum das Haus verlassen, wurde geschlagen und gedemütigt. Mit 18 Jahren floh sie aus dem Elternhaus und lebte in Wohngemeinschaften. 1984 überlebte sie nur knapp einen Anschlag auf eine Beratungsstelle für türkische Frauen, in der sie als junge Studentin arbeitete. Eine Frau, die sich dort beraten ließ, wurde dabei erschossen, Seyran Ate lebensgefährlich verletzt. Nach ihrer Genesung schloss sie ihr Jura-Studium ab und begann 1997, als Anwältin zu arbeiten. Sie vertrat Türkinnen in Scheidungs- und Familienprozessen und engagierte sich in der Integrationspolitik. Als eine der ersten machte sie auf das Problem der Zwangsheirat, der Ehrenmorde und der häuslichen Gewalt in Migrantenfamilien aufmerksam. Jahrelang wurde sie deshalb angefeindet - im vergangenen Jahr wurde der Druck so groß, dass sie ihren Job als Familien- und Scheidungsanwältin aufgab. Mittlerweile hat sie ihre Anwaltslizenz neu beantragt und wird ab Anfang 2008 wieder in ihrem Beruf arbeiten - allerdings aus Angst vor Angriffen nicht mehr als Familienanwältin. Als Publizistin und Expertin möchte sie weiter auf die Situation muslimischer Frauen aufmerksam machen. So war sie unter anderem auch beim Integrationgipfel der Bundesregierung in diesem Jahr dabei.

Zwangsheirat in Deutschland

Das Phänomen Zwangsheirat ist in wenig erforscht. Bislang stützt sich das Bundesfamilienministerium lediglich auf die Erfahrungen einzelner Beratungsstellen, Rechtsberater und Wissenschaftler sowie auf ausländische Studien. Im September hat der Bund dieses wenige Wissen erstmals in einem Forschungsband zusammengetragen.

Man schätzt, dass jedes Jahr rund 1000 Frauen und Mädchen in Deutschland zwangsverheiratet werden. Laut Fachleuten handelt es sich vor allem um Migrantinnen - allerdings kämen diese nicht ausschließlich aus der Türkei und Arabien, wie es die Öffentlichkeit oft wahrnimmt. Es seien auch Frauen aus Süd- und Osteuropa, aus Asien und Afrika darunter. Genauso wenig sei die Zwangsehe auf Muslime beschränkt. So gehörten laut einer Studie von 2005 in Hamburg 16 Prozent der Ratsuchenden anderen Religionen oder gar keiner Religion an. Die Forscher warnen darum davor, sich bei diesem Thema nur auf die ethnischen und religiösen Hintergründe der Beteiligten zu konzentrieren. Dadurch würden rassistische Vorurteile verstärkt und diese Bevölkerungsgruppen noch weiter ausgegrenzt.

Weitgehend unbekannt ist, dass auch Männer von der Zwangsheirat betroffen sind - oft würden Familien die Verheiratung als Strafe für Ungehorsam oder Homosexualität einsetzen. Wenige wissen außerdem, dass nicht nur Männer erzwungene Hochzeiten arrangieren. Häufig seien die Frauen in den Familien genauso daran beteiligt.

Je jünger die Mitglieder der Einwandererfamilien sind, desto weniger akzeptieren sie die Tradition der arrangierten Ehe. In Österreich beobachtet man bereits einen Rückgang der Zwangsverheiratungen. Allerdings: Die Abkehr der Jungen von den alten Traditionen führt auch zu Konflikten - die nicht selten in Gewalt enden. 48 Menschen wurden in Deutschland nach Angaben des Bundeskriminalamts zwischen 1996 und 2005 Opfer von Ehrenmorden, 22 weitere überlebten Anschläge. In vielen Fällen waren Zwangsehen der Auslöser.

Wie können solche Eskalationen verhindert werden?

Das Problem ist, dass sich viele Mädchen und Frauen nicht trauen, anderen von ihrer Not zu erzählen. Zwar ist der Anteil der Migrantinnen, die sich an Frauenhäuser wenden, in den vergangenen Jahren gestiegen (2005 machten sie 48% der Besucherinnen aus). Doch vielen Frauen ist die Hürde, zu einer Beratungsstelle zu gehen, immer noch zu hoch - zum einen, weil sie nicht gut Deutsch sprechen, zum anderen, weil sie den Beratern misstrauen. "Bei vielen deutschen Frauen und Migrantinnen herrschte völlige Unklarheit, was Beratung bedeutet, was Beratungsstellen tun, was sie von einer Beraterin erwarten könnten. Sie hegten starke Befürchtungen, dass die Beraterin ihnen etwas einreden und eigene Entscheidungen nicht respektieren würde", so Barbara Kavemann in dem Forschungsbericht des Familienministeriums.

Es sei darum wichtig, dass Berater bei Familien, die auffällig geworden sind, behutsam auf die Mädchen und Frauen zugehen. Dazu gehöre, dass sie ihre Sprache sprechen, ihren kulturellen Hintergrund kennen und akzeptieren. Wichtig ist auch die Vernetzung von Jugendämtern, Schulen und Beratungsstellen. Um den Frauen entgegen zu kommen, hat das Land Nordrhein-Westfalen vor drei Monaten eine anonyme Online-Beratung gestartet. Unter www.zwangsheirat-nrw.de können die Betroffenen den mehrsprachigen Betreuerinnen des Mädchenhauses Bielefeld ihre Sorgen erzählen. Sobald die Mädchen Vertrauen gefasst haben, geht die Beratung am Telefon weiter. Auch die Kriseneinrichtung Papatya in Berlin bietet eine Online-Beratung für Migrantinnen an. Sie verfügt außerdem über geheime Notfallplätze, wo die Frauen und Mädchen unterschlüpfen können.

Den gesamten Forschungsband zu Zwangsverheiratungen in Deutschland können Sie auf der Website des Familienministeriums herunterladen.

Interview: Kristina Maroldt Foto: Müjgan Arpat

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt

Kommentare (1)

Kommentare (1)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ein guter und informativer Bericht! Inzwischen gibt es auch ein spezielles Hilfsangebot für junge Frauen (18- 21 Jahre) in Süden Deutschlands, in Bayern: www.scheherazade-hilft.de

    Scheherazade, eine Art Mini-Frauenhaus, hilft speziell jungen Frauen, die an einem familären Konflikt um eine Eheschließung oder eine nicht erwünsche Beziehung leiden, die Druck oder sogar Gewalt erfahren und die Hilfe brauchen.

    Die jungen Frauen erhalten im Schutz einer geheimen Adresse Unterstützung beim Start in ein eigenständiges Leben. In der Schutzwohnung ist immer eine Ansprechpartnerin für sie und die jungen Frauen werden intensiv betreut und beraten. Einen Finanzierung über das Jugendamt ist nicht erforderlich. Kostenlose Beratung: 0800 4151616

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