Führungspositionen nur für Frauen? Die Männer schlagen zurück

Es reicht mit der Gleichberechtigung: Das finden zwei Drittel der Männer. Seit Führungspositionen in großen Firmen gezielt mit Frauen besetzt werden, sehen sie ihre eigenen Chancen schwinden. Und machen ihrem Frust oft lautstark Luft.

Wie reagieren Männer in Ihrem Unternehmen auf Frauenförderung? Erzählen Sie uns Ihre Erfahrungen!

Karriere? Vergesst es! Wir Männer haben doch überhaupt keine Chancen mehr", rief der 44-Jährige empört. Ihm brannten die Sicherungen durch, als er auf einer Veranstaltung für Führungskräfte Dutzende von gut ausgebildeten Frauen beisammen sah. "Ihr habt keine Erfahrung, ihr seid nicht gut qualifiziert. Ihr fahrt auf dem Frauen-Ticket und nehmt uns die Jobs weg", pöbelte er. Betretenes Schweigen.

"Alle Anwesenden fanden den Auftritt peinlich, aber sein Hass war so groß, dass er sich nicht bremsen konnte", erzählt eine Frau, die dabei war und den Mann gut kennt. Die Vorgeschichte des ungewöhnlichen Ausbruchs: Jahrelang hatte es für den Abeilungsleiter in einem Dax-Unternehmen nur eine Richtung gegeben: nach oben. Bis der nächste Posten, auf dem er sich schon sicher sah, ausgerechnet an die Frau vergeben wurde, der er als Mentor die Tricks der Männer beigebracht hatte. Er begegnete ihr und anderen potenziellen Konkurrentinnen auf der Veranstaltung und begriff, dass die Arbeitswelt nie mehr so sein würde, wie sie mal war.

Es entsteht ein Gefühl von Ungerechtigkeit

"In großen Firmen gibt es einen massiven Druck, den Anteil von Frauen in zu erhöhen", sagt Andreas Halin von der Frankfurter Unternehmensberatung Global-Mind. "Wenn sich vier Männer und eine Frau um einen Führungsposten bewerben, bekommt die Frau den Job. Dadurch entsteht das Gefühl von Ungerechtigkeit - und das macht die Männer unterschwellig aggressiv."

Viele Männer glaubten, ihr Fortkommen sei für alle Ewigkeiten gesichert, und merken nun, dass es auf dem Arbeitsmarkt weniger Jobs und mehr Mitbewerber gibt. Ein heftiger Verteilungskampf ist entbrannt. Seit zwei, drei Jahren besetzen große Konzerne und öffentliche Arbeitgeber Führungspositionen gezielt mit Frauen. Zwar gibt es noch immer keine gesetzliche Quote, aber Dax-Unternehmen wie Telekom, Bayer AG oder Deutsche Bank reagieren auf den wachsenden Druck aus der Politik. Und sie haben begriffen: Eine Firma, die global auftreten will, braucht dringend weibliche Chefs.

Bei Lufthansa sind inzwischen sogar zwei Frauen im Vorstand, eine in der früheren Männerdomäne Finanzen. "Diese Besetzung hatte eine starke Signalwirkung nach innen - und ist im Unternehmen gut angekommen", sagt die Schwedin Åsa Lautenberg, die seit einem Jahr bei dem Unternehmen für Frauenförderung zuständig ist. Und die Männer? "Die waren lange im Vorteil, die müssen das jetzt aushalten", sagt sie. Tatsächlich sollten die jetzt sehr tapfer sein. "Die großen Konzerne sind sogar bereit, Vakanzen zu schaffen, wenn es besonders kompetente Kandidatinnen gibt", sagt die Unternehmensberaterin Anke Hoffmann, Geschäftsführerin der Kienbaum Berlin GmbH.

Auch ein Direktor für Qualitätsmanagement bei Siemens musste der weiblichen Konkurrenz weichen. Der Ingenieur, der selbst Frauen bewusst fördert, wurde zunächst ermuntert, er solle sich doch bewerben. Es ging um eine Stelle, in der er an einen Business Unit Leiter mit mehreren Tausend Mitarbeitern und mehreren Milliarden Euro Geschäftsvolumen berichten würde. Von 20 Bewerbern in der Vorauswahl schaffte er es unter die letzten drei. Unter der Hand erfuhr Tobias Schrader, der seine Geschichte nicht unter seinem richtigen Namen erzählt haben möchte, dass er nach einem "Supergespräch" mit dem Leiter als Nummer eins platziert war. "Dann kam am Auswahltag ein Rundschreiben raus, nach dem die Anzahl von Frauen in Führungspositionen erhöht werden sollte. Das war's dann", sagt der 43-Jährige. "Ein paar Wochen lang war ich traurig, habe aber meinen Frieden mit der Entscheidung geschlossen. Zumal die Kollegin ihren Job gut macht."

Nicht alle gehen mit der neuen Konkurrenz so souverän um. Vielleicht, weil die wenigsten wie Tobias Schrader eine lebensbedrohliche Krankheit knapp überlebt haben. Und darum nicht wie er verstanden haben, dass es bedeutendere Krisen im Leben gibt, als mal nicht befördert zu werden. "Und wo bleiben wir?", fragen vielmehr in Deutschland die meisten Männer frustriert. Sie fühlen sich diskriminiert. Dass jahrhundertelang die Frauen diskriminiert wurden, geben sie zwar zu. Aber dass sie nun die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit ausbaden sollen, sehen sie nicht ein, schon gar nicht, wenn es konkret um den eigenen Posten geht.

Mehr für Frauen? Nein, es reicht doch langsam, finden zwei Drittel aller deutschen Männer, 41 Prozent gaben an, sich schon mal benachteiligt oder diskriminiert gefühlt zu haben. Das ergab eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, die im Herbst letzten Jahres veröffentlicht wurde. Tatsächlich sind Männer die Verlierer auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt. In der Schule haben Jungs sehr häufig schlechtere Noten als Mädchen, viele junge Männer brechen ihre Ausbildung ab. Sie sind verunsichert, das hat auch die große BRIGITTE-Studie "Frauen auf dem Sprung" ergeben.

Männer sehen, dass Frauen gut sind im Job - und dass ihre eigenen Perspektiven schwinden. In den Medien werden sie ständig mit sorgenvollen Diagnosen konfrontiert. Von "Verlierer Mann" ist da die Rede, von der "Krise der Männer", und die amerikanische Soziologin Hanna Rosin schreibt gar vom "Ende der Männer". Wahrlich keine Titel, die Laune machen. In frauenfeindlichen Internetforen verschaffen sich denn frustrierte Anti-Feministen auf meist unerträgliche Weise Luft. Und nicht nur dort.

"Chef oder Chefin? Ist doch egal": So nannte eine Angestellte beim Autohersteller Daimler im vergangenen Frühjahr ihren konzerninternen Blog. Sie freute sich darin, dass Frauen endlich die Chance haben, aufsteigen zu können - bis 2020 sollen 20 Prozent der Chefposten bei Daimler mit Frauen besetzt sein. Dem eher harmlosen Beitrag folgte ein Aufschrei von Männern, anachronistisch, bösartig und zynisch: "Eine Frau sollte lieb und nett sein, so wollen wir Frauen sehen", schrieb einer. Von zickigen Frauen und solchen, die in Wahrheit keine Karriere wollten und nun dazu gezwungen würden, war die Rede und davon, dass Macht Frauen nur "verderben" würde.

Die Nerven liegen blank. Dass die meisten in dem Daimler-Blog mit vollem Namen wetterten, ist dabei eher allerdings eine Ausnahme. Das sagt auch Oliver Maassen, der als Personalchef bei der Hypo Vereinsbank ein Frauenförderer war, bevor er ein Sabbatical nahm, um die halbe Welt segelte und einen Roman schrieb. Seine Geschlechtsgenossen sieht er kritisch: "Männer trauen sich meist nicht, öffentlich über ihren Frust zu reden. Aber sie werfen den Frauen immer wieder Knüppel zwischen die Beine. Es ist höchste Zeit für einen neuen Dialog der Geschlechter."

Widerstand ist da, wo es ohnehin wenig Frauen gibt

In einer Umfrage aus dem Jahr 2012 des Verbands VAA, der Fach- und Führungskräfte der Chemiebranche vertritt, klagt ein Drittel der männlichen Manager über den negativen Einfluss der Frauenförderung auf die eigene Karriere; über die Hälfte glaubt, dass Männer es künftig noch schwerer haben werden. Und das in einer Branche, die wahrlich nicht vor Frauen strotzt. Überhaupt scheint da der Widerstand am größten, wo die geringste Gefahr von Frauen droht - nämlich in den Branchen, in die es Frauen am wenigsten zieht.

, in einem großen Energiewirtschaftsunternehmen eine von nur fünf Prozent Frauen in einer Führungsposition, kann dazu viel erzählen. Auch sie will ihren richtigen Namen nicht gedruckt sehen, und man würde der ehrgeizigen 32-Jährigen auch nicht dazu raten. Als Abteilungsleiterin im Bereich Personal ist sie seit einem halben Jahr für knapp 200 Mitarbeiter zuständig. Die Wirtschaftsjuristin macht ihren Job gut. Und setzt sich - fast ebenso bedrohlich - mit ihrer modisch-weiblichen Kleidung von anderen Führungsfrauen des Unternehmens ab. "Wenn eine Frau mit Flatterröcken auftritt, statt sich mit dunklem Hosenanzug als Arbeitsuniform und herbem Auftritt den Männern anzupassen, hat sie einen schweren Stand", sagt sie.

Die junge Frau erlebt gerade, wie zuverlässig die Seilschaften der Männer funktionieren. Noch bevor sie den Job angetreten hatte, kochten die Gerüchte hoch: Die kann es nicht, das ist eine Gans ohne Erfahrung. Wie die schon rumläuft. Das ist nur ein Experiment, bald ist die wieder weg... "Ich habe sogar über Ecken gehört, ich hätte eine Beziehung mit einem Vorstand", sagt Marie Lorenz. Sie zwang sich, cool zu bleiben, fest entschlossen, ihren Weg zu gehen. Als in der ersten Besprechung ein Kollege spöttisch sagte: "Ah, hier kommt unsere Chefin. Die sagt uns jetzt mal, wo's langgeht", steckte sie auch diese Unverschämtheit weg. Bis heute enthalten ihr missgünstige Kollegen wichtige Informationen vor, manchmal erfährt sie erst von einem Meeting, wenn es vorbei ist.

Konkurrentinnen werden als inkompetent dargestellt

Alltag in vielen Firmen. Die Männer schlagen zurück, mit aller Kraft. "Mein Eindruck ist: Es werden neue Strategien gegen Frauen erarbeitet - und die sind nicht immer fein", sagt Unternehmensberaterin Gabriele Hoffmeister-Schönfelder von Kontor5. Mit offenem Visier kämpfen die wenigsten. "Wenn wir Referenzen für Frauen einholen, müssen wir sehr genau aufpassen, nicht ausgerechnet den Wettbewerber zu erwischen, der vorher mal gegen sie verloren hat", sagt Anke Hoffmann von Kienbaum. Sie hat schon manchen Mann erlebt, der die Konkurrentin als inkompetent, launisch oder entscheidungsunfähig darstellte, weil er sie auf dem Weg nach oben ausbremsen wollte.

Eine einfache Art, Frauen zu diskreditieren, ist, guten Willen zu zeigen, aber die Kompetenz der Bewerberinnen infrage zu stellen: "Wir wollen ja, aber es gibt einfach keine guten Frauen", stöhnen Manager, die von ganz oben den Auftrag haben, die Frauenquote zu erhöhen. Und die Kollegen jammern, es würden wahllos Frauen eingestellt, nur wegen ihres Geschlechts, ob sie nun fähig seien oder nicht. Quatsch, meinen dazu Experten. "Ich habe noch nie erlebt, dass eine Frau, die nicht genügend qualifiziert ist, genommen wird. Im Gegenteil, es wird in den Rekrutierungsprozessen besonders genau hingeguckt", sagt Regina Ruppert, Vizepräsidentin des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater.

Es wird viel für Frauen getan, aber auch viel dafür, dass sie nicht wirklich bedrohlich werden. Nur so ist es zu erklären, dass sich trotz aller Förderungsprogramme weibliche Führungskräfte eher in den unteren und mittleren Leitungspositionen finden, in den Top-Etagen aber kaum vertreten sind. Das sieht man in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen, und das ist auch das Ergebnis einer Befragung von 100 Arbeitgebern in Norddeutschland, die der NDR durchgeführt hat. Männer halten meistens die für am besten geeignet, die ihnen ähnlich sind. Und so sorgen die Jungs ganz oben dafür, dass Frauen sich an der gläsernen Decke in den oberen Stockwerken Beulen stoßen. So können die Männer unter sich bleiben, ihre Witze reißen, mal einen Ausflug ins Vergnügungsviertel machen - und vor allem ihre Netzwerke pflegen.

Die Medien spielen häufig mit. "Die bringen es nicht", hieß es, als die Siemens-Vorstände Barbara Kux im Juli 2013 und drei Monate später Brigitte Ederer ihren Posten räumten. Oder als Regine Stachelhaus aus privaten Gründen von ihrem Vorstandsposten bei E.ON zurücktrat. Dabei ist es völlig normal, die Reißleine zu ziehen, das kommt bei Männern dauernd vor, nur ist bei weiblichen Vorständen die öffentliche Aufmerksamkeit viel größer als bei männlichen.

Mehr Frauen müssen Entscheidungen treffen

Vielleicht liegt es an den Umständen, dass Frauen tatsächlich immer wieder "Nein" sagen zum Aufstiegsangebot und damit ihre Vorgesetzten, die Frauen ranschaffen sollen, zur Verzweiflung bringen. Manche Frauen fühlen sich zu jung, andere wollen erst noch Erfahrung sammeln oder haben schlichtweg keine Lust auf Karriere. Sie wollen sich der Familienfeindlichkeit und dem rauen Klima nicht aussetzen. Sind sie also selber schuld? "Nein. Ich glaube, Frauen sind nur nicht bereit, unter den Männerbedingungen Chefin zu werden. Sie schätzen die Einsamkeit nicht und wollen weniger Präsenzpflicht, weniger Profilierungssucht und mehr Sachlichkeit", sagt Sigrid Janetzko, Vorstand beim Verband Die Führungskräfte.

Barbara Naumann, die in Wirklichkeit ebenfalls anders heißt, arbeitet seit fast 20 Jahren als Abteilungsleiterin in einem großen Versicherungsunternehmen in München. Jahrelang war sie die einzige Frau neben vier Männern. Heute ist das Verhältnis umgekehrt. "Wir nennen den Kollegen unseren ‚Quotenmann'", sagt die 48-Jährige. Die Mutter eines erwachsenen Sohnes, die viele Jahre lang gute Miene zu anzüglichen Witzen und den "dienstlichen" Sauftouren ihrer Kollegen machen musste, gerät ins Schwärmen, wenn sie von ihrer neuen Vorgesetzten spricht. "Wenn die um halb fünf ihre Kinder abholen muss, delegiert sie ihre Arbeit. Toll! Hätte ich vor 20 Jahren solch ein Vorbild gehabt, hätte ich heute bestimmt zwei Kinder. Und weiter aufgestiegen in der Hierarchie wäre ich wahrscheinlich auch."

Vieles ändert sich, wenn Frauen mit in den Konferenzen der Entscheider sitzen. Und es gibt inzwischen auch Männer, die diese Entwicklung gut finden. Weil sie hoffen, dass dem extremen Leistungsstreben und den aberwitzigen Überstunden ein Ende gesetzt wird, dass eine Kultur entsteht, in der auch ein Mann eine Auszeit nehmen kann, ohne gleich als Weichei zu gelten. Ein paar Jahre noch, und kein Mensch wird sich eine Arbeitswelt ohne Frauen im Management vorstellen können. Egal, wie sehr sich die Männer dagegen wehren.

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BRIGITTE 03/2014

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