"Ich bin eine Transfrau"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Andrea Krieger über ihr Leben als Transfrau, Stiefmama und Hausbesitzerin.

60 Stimmen: Andrea Krieger, 35, ist Systemadministratorin und wurde mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren. Nach Jahren großer Unsicherheit über das, was sie ist, bekannte sie sich mit 27 als transsexuell, begann eine begleitende Psychotherapie und in der Folge die Einnahme gegengeschlechtlicher Hormone. 2011 ließ sie ihren Vornamen und ihr Geschlecht auch rein rechtlich ändern. Sie lebt seither mit ihrer Freundin, die sie noch aus der Schulzeit kennt, und deren Kindern zusammen und ist ehrenamtliche Sprecherin bei SchLAu NRW.

Andrea Krieger, 35, ist Systemadministratorin und wurde mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren. Nach Jahren großer Unsicherheit über das, was sie ist, bekannte sie sich mit 27 als transsexuell, begann eine begleitende Psychotherapie und in der Folge die Einnahme gegengeschlechtlicher Hormone. 2011 ließ sie ihren Vornamen und ihr Geschlecht auch rein rechtlich ändern. Sie lebt seither mit ihrer Freundin, die sie noch aus der Schulzeit kennt, und deren Kindern zusammen und ist ehrenamtliche Sprecherin bei SchLAu NRW.

Als man mich bat, eine einmalige Kolumne für die BRIGITTE zu schreiben, war ich gleichzeitig erfreut und überrascht. Noch vor zehn Jahren hätte ich nicht erwartet, dass ich von der BRIGITTE-Redaktion angefragt werden könnte, eine der sechzig Frauen zu sein, die zum sechzigsten Geburtstag der BRIGITTE über sich selbst schreiben sollen.

Ich bin eine Transfrau. Oft betitelt als "Frau, gefangen im Körper eines Mannes". Wenn dies auch nicht ganz die Essenz dessen ist, was ich bin, kann diese Metapher Außenstehenden zumindest ansatzweise meine Gefühlswelt beschreiben.

Nun möchte ich ungern das schreiben, was vermutlich schon oft genug in den Medien abgedruckt wurde, wenn es um das Thema geht: Das immer vorhandene Gefühl der Andersartigkeit, die Probleme in der Pubertät, die langsam eintretende Erkenntnis und dann der lange, medizinische und rechtliche Weg, um als Frau leben zu können. Ich möchte von mir im Jetzt schreiben.

Ich bin hauptberuflich IT-Systemadministratorin in einer großen, gemeinnützigen Organisation. Ich lebe unweit der Städte Düsseldorf und Essen mit meiner Freundin und ihren zwei Kindern in einem schönen, etwas ländlicher gelegenen, kleinen Haus. Ein Fachwerkhaus mit Holzfassade. Erst vor kurzem haben wir viel investiert, um es zu sanieren und ihm unsere eigene Note zu geben.

Ich habe vieles in meinem Leben nicht erwartet. Dass ich wie selbstverständlich mit "Andrea" angesprochen werde, Geschäftskontakte als Frau Krieger knüpfe, im Abendkleid auf Hochzeiten gehe oder wie selbstverständlich von meinen Freundinnen zu Junggesellinnenabschieden eingeladen werde. Aber dass ich (wenn auch nur Stief-)Mama und Hausbesitzerin sein würde, habe ich für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten.

60 Stimmen: "Ich bin eine Transfrau"

Das Leben als lesbisches Paar, von denen eine der beiden zusätzlich trans ist, ist spannend und herausfordernd. Wir machen uns Gedanken darum, wie wir dies mit den Kindern leben. Gerade im Umfeld der Schule und Freunde ist uns wichtig, dass die Kinder nicht Schwierigkeiten ausgesetzt werden, nur wegen unserer besonderen Form der Familie. Gleichzeitig wollen wir jedoch nicht die Botschaft senden, dass das Ganze abnormal oder gar falsch sei. Wir reden darüber und leben den Kindern und ihren Freunden und deren Familien vor, dass unsere Liebe und Familie funktioniert, dass sie schön und wie jede andere Familie ist - und das klappt tatsächlich ganz ausgezeichnet!

Als der Wechsel auf die weiterführende Schule für den Großen anstand, ging ich einige Tage vor der Einschulungsveranstaltung zu ihm und fragte ihn, ob er mich gerne mit dabei haben möchte. Ich erklärte ihm, dass es sein kann, dass andere komisch gucken, und ihm dies bewusst sein sollte. Daraufhin sagte er - mit ein wenig Stolz in der Stimme - dass er dann antworten würde, dass ich aber viel toller sei als deren Papas!

Auch die Freunde der Kinder kommen regelmäßig zu uns und stellen vielleicht bei den ersten Besuchen die eine oder andere Frage, die wir gerne beantworten. Aber dann ist das Thema auch schon durch und es geht wieder um Pokemons, Barbies, Star Wars, Gregs Tagebuch, YouTube und all die anderen Dinge, die Kinder eigentlich viel interessanter finden.

Durch das Zusammenleben mit den Kindern wurde mir klar, dass man Vorurteilen und Stereotypen am besten durch Erleben und Vorleben sowie frühe Aufklärung entgegen wirken kann. Ich überlegte schon, ob ich nicht in die Schulen gehen sollte und dort mit den Kindern über mich und das Thema Transsexualität sprechen. Leider war mir schnell klar, dass mir dafür das didaktische und pädagogische Hintergrundwissen fehlt.

Glücklicherweise ist jedoch mit SchLAu in NRW ein Aufklärungsprojekt in Schulen und Jugendeinrichtungen zu den Themen schwul, lesbisch, bi und trans* sehr aktiv. Ich setzte mich mit dem Projekt in Verbindung und bin inzwischen ehrenamtlich bei SchLAu NRW (der Koordination aller Lokalprojekte) Sprecherin für das Thema trans* und engagiere mich dort viel im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, der politischen Arbeit, beim Aufbau neuer Teams und bei der Fortbildung der Lokalteams. Arbeit, die meine Freizeit in gewissem Maße einschränkt, aber Arbeit, die ich gerne tue, die mir Spaß macht und Möglichkeiten eröffnet, etwas zu bewegen. Sei es im Gespräch mit Politikern, bei Vorträgen oder Podiumsdiskussionen, auf den CSDs oder bei der Vernetzung mit anderen Projekten.

Ich trat darüber hinaus vor einigen Jahren einem Stammtisch bei, bei dem sich Transpersonen, deren Freunde und Angehörige treffen und in lockerer Atmosphäre austauschen können. Inzwischen habe ich die Leitung und Organisation zusammen mit einer Freundin dafür übernommen und der Stammtisch ist eine feste Institution in unserer monatlichen Planung. Über die monatlichen Treffen haben schon viel Hilfe erfahren und Kontaktadressen bekommen, auch Freundschaften haben sich daraus entwickelt. Zusammen mit einer Selbsthilfegruppe werden wir dieses Jahr auch einen Stand beim örtlichen CSD haben.

Es gibt trotzdem weiterhin viele Kämpfe zu kämpfen. Das teilweise sehr unwürdige und inzwischen hoffnungslos veraltete Transsexuellengesetz - das durch das Bundesverfassungsgericht in vielen Punkten als verfassungswidrig erklärt wurde. Die medizinischen Vorgaben und Maßnahmen, verbunden mit der Tatsache, dass wir noch als krank gelten. Probleme an Arbeitsplätzen oder Kämpfe mit den Krankenkassen ...

Ich werde manchmal gefragt, ob mir lieber gewesen wäre, direkt körperlich als Frau geboren worden zu sein, anstatt diesen Weg gehen zu müssen. Inzwischen verneine ich die Frage. Die Einsichten und Perspektiven, die ich auf diesem Weg erlangt habe, genauso wie all die tollen - und auch schlimmen - Begegnungen und Erlebnisse, all das sind Dinge, die ich sonst nie erlebt und erfahren hätte.

Und wer weiß, ob ich dann die wäre, die ich heute bin, und ob ich jetzt hier säße? Mit meiner Freundin, ihren zwei Kindern in unserem schönen Fachwerkhaus und mit unseren zwei Hunden.

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Kommentare (8)

Kommentare (8)

  • Johanna Christine Arnold
    Johanna Christine Arnold
    Wie ein User hier einmal sehr richtig anmerkte, ist dieses "Alles wird gut" ein Überlebensmotor. Denn schlechter kann es in der Situation nicht mehr werden. Man könnte auch sagen, Augen zu und durch. Kein heteronormativ geprägter Mensch kann auch nur ansatzweise die Lebenssituation der Betroffenen und ihrer Angehörigen nachvollziehen. Obwohl mittlerweile 2017 sind kaum positive Veränderungen in der Wahrnehmung dieser Klientel festzustellen. Gottseidank mehren sich aber Aktionen von transnahen Verbänden und Interessengruppen, um das Thema tagespolitisch zu bewerben. Die Gesellschaft muß von der Stigmatisierung loskommen, denn TS sind Menschen, aus allen gesellschaftlichen und beruflichen Schichten, da gibt es vom Richter über den Arzt bis hin zu Arbeitern und den unterschiedlichsten Gruppen. Normale Menschen wie jeder hier auch. Nur durch verzerrte Bilder und reißerischen Berichten darüber, ist das Thema Transsexualität/Transidentität in ein vollkommen falsche Licht gerückt worden. Und da gilt es, endlich einmal öffentlich für Klarheit zu sorgen.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich finde es sehr schön das Sie so offen reden , denn ich bin auch in einer ähnlichen Situation und suche hilfe dringend denn ich halte es einfach nicht mehr aus als normaler mann zu leben ,
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Schön so "total Normal". So soll es sein! Dafür stehe ich auch in der Firma ein, für die ich arbeite.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe Britta,



    vorab ein Dankeschön!



    Es sollte nicht zwingend ein pauschales "alles wird gut" sein. Aber doch die Möglichkeit aufzeigen, dass es gut werden kann. Mir fehlten einfach die positiven Texte. Die Berichte aus dem "danach", statt immer nur den Weg zu beschreiben mit all seinen Hürden und Zweifeln.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Weißt du, was ich beim Lesen deines Textes als sehr angenehm empfunden habe? Dass du nicht von den sicherlich schlimmen Jahren deiner Pubertätszeit geschrieben hast, sondern von deinem jetztigen Leben, deinem Alltag, deinen Gedanken über die Kinder. Darin steckt ein "alles wird gut" und sollte denen Mut machen, die vielleicht noch nicht wissen, in welche Richtung sie gehen sollen.

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