"Ich bin hochsensibel"

In derKolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Kathrin Sohst über Hypersensibilität und warum das etwas anderes ist, als "einfach nur ein bisschen empfindlich sein".

Kathrin Sohst, 34, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Als Dokumentarin und PR-Beraterin ist sie seit 2005 selbständig und arbeitet heute als Texterin und Autorin. Sie versteht sich als Botschafterin für Sensibilität und Emotionen und hat jüngst ihre Leidenschaft für die Fotografie entdeckt. Mehr über Kathrin Sohst unter >www.empathisch-kommunizieren.de und bei Facebook.

Ohrenbetäubend – der Lärm der Welt Ich hole meine Töchter ab und wir gehen noch schnell zur Bäckerei - Brot einkaufen. Auf einmal schrillt neben uns ein Martinshorn. Meine Große lässt ihre Tasche fallen und hält sich die Ohren zu. In mir schreit alles, weil ich meine Kleine auf dem Arm habe und meine Ohren nicht zuhalten kann. Es ist, als ob mein Körper sich gegen die Intensität der Wahrnehmung sträubt - kein Schmerz aber sowas ähnliches. Meine Tochter hebt ihre Tasche wieder auf und ich atme zweimal tief durch. Meine Kleine zieht die Stirn kraus und schüttelt den Kopf, was so viel heißt wie: "Das mag ich nicht, Mama!" Sie hat nicht angefangen zu weinen. Vielleicht hat sie nicht ganz so viel Sensibilität abbekommen wie meine Große. Duftexplosion – Gerüche, Gestank & Co. Ein Abend mit einer Freundin steht an. Endlich treffen wir uns mal wieder ohne Kinder und gehen essen. Wir umarmen uns zur Begrüßung und da passiert es: Ihr Parfum heftet sich an meine Wange und meine Kleidung. Es ist intensiv und ich muss niesen - mehr als einmal. Das Niesen hört nach einer Weile auf, das Kribbeln nicht. Denn meine Nase nimmt den Geruch lange wahr. Ihr Parfum beschäftigt mich mindestens eine Stunde lang. Obwohl es ein schöner Abend ist, hat meine Nase ihre ganz eigene Wahrnehmung und sorgt dafür, dass es selbst in dieser entspannten Situation für mich einen Stressfaktor gibt. Reinhard May hat dazu ein schönes Lied geschrieben: Der Nasenmann. Die Nasenfrau bin dann wohl ich. Die Gefühle der anderen Was ist denn hier los? Die Stimmung im Raum ist unerträglich. Bis eben ging es mir gut. Ich habe ein wichtiges Projekt erfolgreich gemeistert und war heute Morgen schon laufen. Doch seit ich dieses Zimmer betreten habe, sitzt ein dicker, fetter Kloß in meinem Bauch und ich will nur noch raus. Ich nehme die Stimmungen der Menschen im Raum wahr und kann fühlen, wie es den anderen geht, selbst, wenn die es für sich behalten. Ich hab einmal eine Kollegin auf eine schwierige Situation in einem Meeting angesprochen. Sie war völlig entsetzt, dass ich gemerkt hatte, wie es ihr in dieser Situation gegangen war. Für mich war das ein Schlüsselerlebnis. Großraumbüros, Massendemos, überfüllte Busse und Bahnen, Volksfeste, volle Schwimmbäder - all das sind Orte, die mich stark herausfordern und schnell überreizen. Überall Geschichten und Gefühle um mich herum. Dazu fliegen wie von selbst Gedanken in meinen Kopf, für die ich mir schon mehr als einmal einen Knopf zum Abschalten gewünscht habe. Ach ja - und dann sind da ja noch meine eigenen Gefühle, die ich aus dem Kuddelmuddel erst einmal heraussortieren muss. Wenn ich das geschafft habe, dann sind sie oft stärker und weniger "kontrollierbar" als bei vielen anderen Menschen.

  Mein Lieblingsplatz liegt in Dänemark zwischen Ringkøbing-Fjord und Nordsee etwas südlich von Hvide Sande. Es ist eine hohe Düne, die zwischen den Wassern in einer wunderschönen Dünenlandschaft liegt. Ein absoluter Kraftplatz für mich.

Mein Lieblingsplatz liegt in Dänemark zwischen Ringkøbing-Fjord und Nordsee etwas südlich von Hvide Sande. Es ist eine hohe Düne, die zwischen den Wassern in einer wunderschönen Dünenlandschaft liegt. Ein absoluter Kraftplatz für mich.

Von den Sinnen überflutet Klassenfahrten waren für mich der Horror schlechthin, denn es gab dort kaum Rückzugsmöglichkeiten. Heimweh war oft das Ergebnis. Das Gefühl anders zu sein, begleitet mich seit meiner Kindheit. Über die Jahre mutierte es zu der Selbsteinschätzung, dass mit mir etwas nicht stimmt. Sei doch nicht so sensibel. Nun stell Dich doch nicht so an. Immer nimmst Du Dir alles so zu Herzen. Entspann Dich doch mal. Solche Sätze habe ich viel zu oft gehört – nicht nur von meinen Eltern sondern auch von Freunden, Partnern und Chefs. Ich zweifelte an mir und warf mir selber vor, dass ich nicht in der Lage bin, mich Situationen und Begegnungen des Alltags zu stellen – sowohl im Beruf als auch privat. Das kratzt am Selbstbewusstsein. Parallel stiegen die Anforderungen an mich selbst immer weiter. Der Druck sich anzupassen war hoch.

Die Erkenntnis - ein Wendepunkt Lange wusste ich nicht, was mit mir los ist und habe an mir gezweifelt. Heute weiß ich, dass ich einfach anders bin als 80 bis 85 Prozent der Menschen. Ich war 27, als ich in einer Buchhandlung stand und mir ein Buch entgegenzwinkerte. Ein Buch, das offenbar jemand geschrieben hatte, der mich ganz genau kennt, brachte mir die Erkenntnis: Ich bin hochsensibel. Und ich bin damit nicht allein auf dieser Welt! Inzwischen habe ich begriffen, dass ich nicht in irgendeinem Unternehmen arbeiten kann - womöglich noch in einem Großraumbüro. Einfach einen Job machen und damit Geld verdienen funktioniert für mich nicht. Erst recht nicht, wenn Aufgaben und Zusammenhänge nicht mit meinen Werten und Überzeugungen übereinstimmen. Selbst wenn ich das versuche (was ich oft getan habe), zieht mein Körper mir spätestens nach einem halben Jahr einen Strich durch die Rechnung. Nie wirklich schlimm, aber immer so, dass ich aufhorchen muss und Pause brauche. Magenschleimhautentzündung, Erschöpfungszustände oder einfach nur jeden Morgen das Gefühl, mich unter der Decke verkriechen zu wollen, damit ich mich wieder fühlen kann. Station Zuversicht Das Zwinkern des Buches war ein echter Glücksfall. Genau wie mein Mann, denn der ist auch hochsensibel und weiß genau, wie ich mich fühle, wenn gerade gar nichts mehr geht. Unsere beiden Töchter sind ein Geschenk. Sie spiegeln uns jeden Tag, wie wir ticken und erweitern unsere sensiblen Grenzen - schonungslos. Und sie zeigen uns immer wieder, was wirklich wichtig ist. Ich bin dankbar, dass ich jetzt weiß, was ich brauche um mich wohl zu fühlen und mein Leben aktiv zu gestalten. Seit ich den Mut habe, so zu sein wie ich bin, gibt es in meinem Leben immer mehr Menschen, die die Tiefe meiner Empfindungen zu schätzen wissen - sowohl Freunde, als auch Kunden. Ich habe mir meinen Beruf so eingerichtet, dass ich selbst entscheiden kann, wann ich Pause mache und welche Jobs mir gut tun. Und wenn wieder irgendeine Energie durch den Raum poltert, die überhaupt nichts mit mir zu tun hat, dann gelingt es mir immer öfter, sie einfach poltern zu lassen. Infos zum Thema Hochsensibilität ist ein junges Forschungsfeld. Elaine N. Aron war die erste, die sich unter diesem Titel mit dem Phänomen auseinandergesetzt hat, dass es Menschen gibt, die sensibler sind als andere. Wer mehr wissen will - hier drei Empfehlungen, die gut tun: "Zart besaitet" von Georg Parlow (Mein Buch der Erkenntnis); HSP-Test: www.zart-besaitet.net; Coaching für Hypersensible

Kommentare (24)

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  • Anonymer User
    Anonymer User
    @Clarissa: Ich wünsche Dir eine gute Schwangerschaft, ein gutes Geburtserlebnis, viel Freude mit deinem Baby und den Mut alles, was passiert anzunehmen :-) Ja, Kinder sind eine Herausforderung. Und gleichzeitig sind sie eine Chance sich zu entwickeln und mit der Hochsensibilität besser umgehen zu lernen und neue Strategien zu entwickeln. Denn es gibt keine andere Chance ;-) In der ersten Zeit helfen Dir die Hormone, wenn Du stillst. Nach dem Abstillen ist es bei mir immer anstrengender geworden. Da ist es wichtig, sich ausreichend Ruhe zu nehmen. Mir gelingt das nicht immer. Aber ich merke schnell, wenn ich das vergesse. Dann geht nämlich nix mehr ;-) GlG sendet Kathrin Sohst
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Vielen Dank für den schönen und mutmachenden Text! Selbst hochsensibel, mit hochsensiblen Ehemann und schwanger, habe ich manchmal Angst, wie das "funktionieren" kann, mit Kindern. Ich weiß selbst erst seit einigen Jahren, dass ich hochsensibel bin und nicht einfach unpassend und anders und freue mich darüber, dass das Thema immer öfter in den Medien auf den Tisch kommt!
  • Anonymer User
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    @Andrea Brinkmann: Danke für Deinen Kommentar und den Buchtipp. Hochsensibilität und Hochbegabung gehen häufig miteinander einher. Es gibt die Vermutung, dass nicht jeder Hochsensible der Definition nach auch hochbegabt ist. Bei Hochbegabten scheint es aber sehr häufig zu sein, dass die Hochsensibilität dann auch gleich noch mit im Boot sitzt ;-) Wir sind über die Hochsensibilität darauf gekommen, dass das Thema Hochbegabung in unserer Familie auch eine Rolle spielt - und auch diese Erkenntnis war sehr wichtig und hilft enorm dabei, die Themen Kindergarten, Schule & Co. so zu bewältigen, dass unsere Große sich wohlfühlt. LG, Kathrin
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Danke für den Text. Ich selber übe und übe, mich abzugrenzen.

    Nun habe ich auch eine hochsensible und hochbegabte Tochter, die lange Schwierigkeiten in der Schule hatte. Seit wir wissen, wie sie ist, haben wir einen guten Raum für sie geschaffen und sie ist aufgeblüht.

    Da hochsensible Menschen auch manchmal hochbegabt sind, möchte ich hier noch dieses besondere Buch empfehlen, das uns die Augen geöffnet hat und von Kindern für Kinder geschrieben wurde. Unsere Tochter hat es verschlungen und auch für mich war es ganz toll:

    "Hilfe, ich bin hochbegabt", heisst es und es ist viel besser als der etwas seltsame Titel.

    Viele grüße,

    Andrea

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich habe gerade zum ersten Mal bewusst einen Test gemacht. Dass ich eher sensibel bin wusste ich schon immer, auch wenn es mich selten stark einschränkt. Ich brauchte schon als Kind viele Pausen für mich alleine und nach längeren Gruppensachen (Klassenfahrt & Co) sowieso. Menschenmassen, Lärm etc. überfordern und nerven mich. Die Gefühle anderer kann ich zwar auch in gewissem Maße mitfühlen, belasten mich aber eher weniger.



    Vermutlich kein Tipp für extrem hochsensible, aber ich habe gelernt mich besser abzugrenzen. Ich habe mir ein Beispiel an meinem Freund genommen, der in stressigen Situationen immer sehr relaxed ist. Ich mache das nicht bewusst, aber ich konzentriere mich dann auf mein "Anliegen" und meistere die Situation so besser.

    Zusätzlich hilft mir mein Freund, der in Menschenmengen quasi als Schutzschild fungiert, rempelt mich keiner an ists gleich halb so schlimm.



    Außerdem "die Dosis macht das Gift". Einigeln macht auf Dauer auch nicht glücklich, aber lan
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