Ganztagsbetreuung in der Schule: Was macht das mit der Kindheit?

Unsere "Stimme" macht sich als Mama notes Notizen. Muttersein ist für sie toll, nur oft auch ziemlich aufreibend. Sie teilt ihre unperfekten Momente genauso wie die wunderschönen. Weil für sie beides zum Leben dazu gehört. Was aber jeder wissen sollte: Helicopter Parenting ist ihr zu anstrengend.

Durch Wiesen stromern, Freunde treffen, frei spielen: Für die berufstätige Bloggerin "Mama notes" gehört das zum Kindsein dazu - bleibt angesichts der Ganztagsbetreuung in der Schule aber auf der Strecke. Ihre "Stimme" zu einem kaum lösbaren Dilemma.

"Kommst Du runter zum Spielen?" Ob es diesen Satz noch oft geben wird, wenn das Kind zwangsweise bis 16 Uhr in der Schule ist? Ja, ich gebe es zu, der Gedanke an die Schulzeit meiner Kinder macht mich zwiegespalten. Zum einen freue ich mich mit Kind1 auf die tolle Zeit, wenn sie "ein Schulkind" sein wird. Eigentlich haben wir noch zwei Jahre Zeit und ich muss mich erst in anderthalb Jahren für eine Schule entscheiden. Das sehe ich alles noch recht entspannt und ich lasse Infos erst mal auf mich zukommen. Meine Tochter findet Schulkinder "cool" und will auch mal eines sein. Lesen und Schreiben sind spannend und allgemein lockt die Schule. Das ist wunderbar und erinnert mich an damals, als ich so alt war wie sie und mich auf die Schule gefreut habe.

ABER! Als ich mich letztens mit einer Mutter unterhielt, deren Tochter in diesem Sommer eingeschult wird, sank mein wehes Mutterherz doch gehörig in die Hose. Ihres war dort wohl auch längere Zeit, bis sie sich einen pragmatischen Ruck geben konnte, "weil es eben so ist und ich es nicht ändern kann!" Aber der Reihe nach: Betreuungsstruktur "am Nachmittag" ?Wir leben in Nordrhein-Westfalen und in unserer Stadt bieten die Grundschulen folgende Betreuungsmöglichkeiten an: 1.Keine: die Kinder kommen direkt nach der Schule nach Hause. 2.Betreuung bis 14 Uhr im internen oder externen Hort. 3.Betreuung bis 16 Uhr. Das ist dann eine geschlossene Unterrichtsreihe, also kann man nicht vor 16 Uhr abholen, denn es gibt auch schulrelevanten Unterricht am Nachmittag. Mal nennt sich das Ogata (offene Ganztagsschule), mal Ganztagsschule, Fakt aber ist, dass ich mein Kind nicht flexibel abholen kann.

Zwischen diesen Abholzeiten kann man nicht wählen. Man entscheidet sich bei der Anmeldung für eine Betreuungsform, that’s it. Es hat wohl mit der Lehrerzuteilung zu tun.

Abholen bis 14 Uhr werde ich niemals mit meinen Arbeitszeiten und Kundenwünschen unter einen Hut bringen können, ich könnte es nur tageweise versuchen. Bis 16 Uhr ist es mit einem Teilzeitjob schon möglich, aber hier fehlt mir die Flexibilität der Schule/des Systems für offene Abholzeiten. Eine Flexibilität, die ansonsten ständig von Arbeitnehmern, Eltern, Familien erwartet wird, aber Familien so selten gewährt wird. Schön und wichtig, dass überhaupt eine Betreuung angeboten wird. Natürlich! Vor noch wenigen Jahren waren die (zumeist) Mütter in der Grundschulzeit noch an Heim und Herd gebunden. Nicht gerade berufsfördernd. Was mich gerade so beschäftigt, ist der Gedanke, dass mein Kind von morgens 8 Uhr bis nachmittags um 16 Uhr in der Pflicht sein wird. Ja, die Unterrichtsfächer wechseln sich ab mit Spiel, Kreativitätsblöcken, Sport, Gruppenarbeit, aber schulrelevante Fächer finden auch am Nachmittag statt, weswegen flexible Abholzeiten nicht möglich sind. Das ist das, was ich unfassbar schade finde! Meine Kinder nur von frühestens 16 bis 20 Uhr zu sehen und zu erleben beziehungsweise frei spielen zu lassen, finde ich zu wenig für eine Kindheit.

Ich finde, das ist zu wenig Familienzeit, zu wenig freie Zeit. Zu wenig selbstbestimmtes Verabreden der Kinder in selbst gewählten Räumen oder Orten. Vielleicht könnte ich es irgendwie hinbiegen, dass ich meine Kinder nur zur Halbtagsbetreuung anmelde und um 14 Uhr abhole? Aber dann werden die meisten ihrer Freunde bis 16 Uhr in der Schule/Schulbetreuung sein und für Spiele und selbstbestimmtes Verabreden gar nicht zur Verfügung stehen. Ich gestehe, ich vergleiche das alles mit meiner Kindheit in den 70ern und 80ern. Und ich gestehe weiter, dass sich Folgendes nicht mit meiner feministischen Grundeinstellung deckt. Tja, das ist einer meiner Widersprüche. Meine Mutter blieb zu Hause (ich weiß, dass natürlich auch in dieser Zeit viele Frauen berufstätig waren!) Und so hatte ich jeden Tag nach der meine Mutter, die präsent war, für Gespräche, Nähe, Home-Base. Nach dem Familien-Mittagessen, an dem sogar mein Vater teilnehmen konnte, machte ich Hausaufgaben und traf mich dann mit Freund*innen. Wir trafen uns mal hier, mal dort, hatten ein bestimmtes Gebiet draußen, in dem wir uns frei bewegen konnten. Wie bauten uns Geheimgänge in hochgewachsenen Wiesen, spielten Pferdereiten auf Stromkästen, machten Schnitzeljagden in großen Kinderbanden. Ja, ich weiß ich idealisiere, aber es ist alles so gewesen. Und obwohl ich das nicht so wie meine Mutter leisten wollte, weil ich gerne arbeite und meinen Job weiter verfolgen möchte, wünsche ich es mir paradoxerweise doch für meine Kinder. Das Dilemma bleibt für mich erstmal ungelöst.

Dass eine glückliche Kindheit davon abhängt, ob die Mutter mittags kocht oder nicht, halte ich für Blödsinn. Aber dass ein Kind zeitnah nach der Schule eine Home-Base hat, mit der Möglichkeit zu Gesprächen, der, sich zurückzuziehen, mal allein zu sein, in Ruhe zu lesen, das schon.... Wenn ein Kind jeden Tag erst um 16 Uhr aus der Schule gehen kann, bleibt für all das, auch für freies Spielen, das selbstbestimmte Verabreden mit Freund*innen, zu wenig Zeit. Abgesehen von Kursen wie Musik oder Sport, die ein Kind auch noch interessieren könnte. Ich frage mich wirklich, was das für eine Kindheit ist, wenn man den Großteil des Tages in einer Einrichtung verbringt und dort angeleitet wird. Auch wenn dort die meisten Freunde sind und es neben Lernfächern tolle Angebote wie Chor, Malen und Sport gibt. Es hat doch auch eine Bedeutung, wenn die Kinder nachmittags in einen außerschulischen Kurs gehen und dort neue Kinder kennen lernen. Und, nein, ich finde, diesen in die Zeit nach 17 Uhr zu quetschen, irgendwie zu viel und nicht ideal. Zumindest im Alter von sechs bis gefühlt elf.

Was macht das aus unseren Kindern? Was macht das mit der Privatheit in sich selbst? Mit der Konzentration? Mit der Selbstfindung und Sozialisierung außerhalb von Einrichtungen? Was macht es mit der Selbstständigkeit und mit ihrem Selbstbewusstsein?

Was ist Kindheit heute??Aufgrund unserer Jobsituation kann ich nicht nur bis 13 Uhr arbeiten, um dann mein Kind für den Nachmittag in Empfang zu nehmen. Geht einfach nicht. Meine Vorstellung von einer Kindheit mit Freiheit, Selbstversuch, Entdeckung und selbstgewählten sozialen Verbänden muss ich revidieren und neu finden. Das stimmt mich traurig, zumindest sentimental. Und schwierig finde ich es auch. Ich kenne auch die Gegenstimmen aus einer Blitzrecherche in meinem Umfeld und via Twitter, die die Betreuung ab der Grundschule sehr begrüßen, weil sie die Möglichkeit der Frauen zur Berufstätigkeit fördert und die Bildungschancen von Kindern aus so genannten "bildungsfernen" Schichten erhöht. Und selbstverständlich finde ich das wichtig und richtig. Es gibt auch Stimmen, die daran erinnern, dass Rufe wie "Oh weh, die Kindheit geht in Ganztagsschulen flöten" in Deutschland besonders laut sind, vor allem im Vergleich zu Frankreich, Belgien, Großbritannien, Skandinavien. Das sollte ich auch noch mal überdenken. Was ich mir wünsche:

•Flexible Abholzeiten nach der Schulzeit

•Schulrelevante Fächer nicht mehr am Nachmittag

Das sind meine aktuellen Bauchschmerzen und ich werde mich definitiv noch weiter in das Thema Schule, Schulformen, Unterrichtsformen einarbeiten. Mir schwebt ungefähr vor, welche Schulform ich gut finde, will das aber noch verifizieren. So soll die tolle Schule mit dem guten Ruf und dem mir angenehmen Pädagogik-Konzept angeblich nicht so engagierte Lehrer/Pädagogen haben, wie die "Norm-"Schule nebenan, die neben dem Frontalunterricht noch kulturelle und soziale Probleme unter den Kinder bearbeiten muss. All dies sind Fragen, die ich mir erst noch wirklich stellen und dann beantworten muss.

Kommentare (22)

Kommentare (22)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich verstehe deinen Zwiespalt ganz gut. Wir sind im Mai umgezogen und die Kinder gehen seit August beide den ganzen Tag in Schule und Kindergarten, kommen also zwischen 16 und 17h nach Hause. Ich hatte im Vorfeld ein ganz grauenhaftes Bauchgefühl dabei. Allerdings muss ich nun nach einem Monat gestehen: All meine Befürchtungen haben sich in Wohlgefallen aufgelöst. Meine Kinder sind beide total glücklich uns ausgeglichen, kommen mit den Veränderungen viel besser zurecht, als ich mir das je hätte träumen lassen. Zeit für Familie bleibt trotzdem. Anders als früher achte ich jetzt natürlich darauf, alles "abzuarbeiten" solange die Kinder aus dem Haus sind. In der Familienzeit wird also weder zum Supermarkt gefahren, noch irgendeine Hausarbeit getätigt. Meine Kinder gehen um 21h ins Bett. Bleiben also 4 Stunden jeden Abend, in denen wir bewusst "Qualitätszeit" miteinander verbringen können.

    Ich wünsche dir, dass sich auch deine Kinder wohlfühlen und deine Bauchschmerzen ve
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Nur Mut: Kind1 (2. Klasse) möchte oft erst um 16 Uhr vom Hort abgeholt werden, denn das freie Spielen findet teilweise dort statt. Dort sind auch die meisten Freunde. Und weil im Hort auch die Hausaufgaben gemacht werden, geht er meist zuhause direkt rüber zu den Nachbarskindern, bis zum Abendbrot. Oder die kommen zu uns. Spontan und mitten in der Stadt.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich kann die Gefühle sehr gut nachvollziehen. Schlimm war das zwei Jahre nach der Einschulung meiner Jüngsten die Ganztagsschule bis 16 Uhr verbindlich war - ab der 1. Klasse. Ich habe mein Kind früher geholt, und da war ein toller Spielplkatz direkt vor dem Haus - nur waren keine Kinder da. Was nutzt es also wenn das Kind daheim ist, aber die Freunde sind noch in der Schule? Es fehlt die Kindheit außerhalb der von Erwachsenen gestalteten Schonräume. Aber vielleicht ist dies auch nur ein nostalgisches Gefühl.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Hallo, es gibt auch andere Möglichkeiten. Wir sind ein gemeinnütziger Schülerhilfeverein und betreuen Kids von 6 bis 15 Jahren nach der Schule. Die Kinder kommen nach der Schule, essen, machen Hausaufgaben, üben für Arbeiten und haben auch Freizeit. Wir spielen Fußball, gehen auf Spielplätze und haben sogar im Sommer einen Pool. Wir sind immer die Hälfte aller Ferien da. Ich glaube nicht, dass die Kids bei einer solchen Art der Betreuung schaden nehmen. Wenn sie nach Hause gehen ist schulisch alles abgedeckt und der Rest des Tages oder die Wochenenden sind reine Familienzeit.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Hallo Ihr Lieben,



    vielen Dank für Eure Kommentare. Ich freue mich über den regen Austausch hier.



    @Nicola: Anscheinend gibt es unterschiedliche Regelungen. Die Schulen aus meinem Wohn-Einzugsbereichs haben genau die Regelung, wie ich sie beschrieben habe. Enweder Schule bis 14 Uhr, für eine Nachmittagsbetreuung muß man sich dann gesondert bemühen und die erfolgt dann auch nicht im Klassenverbund. Oder Schule bis 16 Uhr inkl. schulrelevanter Fächer am Nachmittag.



    Das Brigitte-Team hatte mit der Recherche übrigens nichts zu tun, das Ganze schrieb ich ja für meinen privaten Blog. ;)



    @heike und alle anderen mit lieben Tipps und Erzählungen aus Eurer Erfahrung: mittlerweile habe ich weiter recherchiert, und ja, es gibt auch gute Beispiele. Zum Glück! Und ja, mir die Einrichtungen vorher genau anzuschauen, steht ganz oben auf der Liste.



    Liebe Grüße - und vielleicht bald ein Wiederlesen bei mir auf dem Blog? Das würde mich sehr freuen.



    Eure Mama notes

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