Die Sache mit dem Glück - wie ging das noch gleich?

Die Sache mit dem Glück

BRIGITTE.de-Leserin Lisbeth ertappt sich oft dabei, wie sie andere um ihr Glück beneidet. Bis sie feststellt: Es kommt auf etwas ganz anderes an.

"Die hat gut reden - bei dem Glück!"

Schon komisch, von wie vielen glücklichen Menschen wir umgeben sind. Zumindest fühlt es sich so an, wenn ich zusammen mit meinen Freundinnen beim Kaffeeklatsch alle „Frauenbekanntschaften“ in der Umgebung unter die Lupe nehme und auf ihren Glücksfaktor überprüfe.

Unter Berücksichtigung aller wesentlicher Elemente kommen wir bei den meisten zu untersuchenden Subjekten zu dem einen Ergebnis: „Die müssen glücklich sein!“ Die Kriterien sind rasch definiert: hausmännische Qualitäten des Partners, finanzielle Situation, Freizeit und wohl am wichtigsten: schulische Talente und Kompetenzen der Kinder.

Wenn die Analyse dieser Punkte für die zu testende Zielperson weniger als zwei Minuspunkte ergibt, und die schulischen Leistungen positiv zu bewerten sind, schnellt das Glücksbarometer in die Höhe und der Lästerfaktor ebenso: „Die hat gut reden! Bei dem Leben kann man ja nur glücklich sein. Da bleiben ja keine Wünsche offen!“

"Und dann beklagt sie sich auch noch!"

Besonderes Kopfschütteln lösen dann immer Berichte aus, die davon erzählen, dass die glückliche Zielperson es trotz ihrer perfekten Voraussetzungen mit Glücksgarantie dennoch wagt, ihr Glück öffentlich anzuzweifeln und sich über eine banale Imperfektion in ihrem Leben zu beschweren. „Und dann beklagt sie sich auch noch!“

Nachdem dann das Leben anderer aufs Gründlichste durchleuchtet worden ist, folgt die praktische Anwendung der aus obiger Analyse gewonnenen Erkenntnisse: die Übertragung der Daten auf das eigene Leben. Man kann es mir und meinen Freundinnen dann nicht verdenken, wenn wir uns die eigene Situation, die im Vergleich eher bescheiden ausfällt, mit Neid, Selbstmitleid und ein wenig Gehässigkeit versüßen.

Ist Glück für andere tatsächlich leichter als für uns?

In letzter Zeit jedoch ertappe ich mich dabei, wie ich diese aufgestellten Formeln in Frage stelle: Ist das tatsächlich Glück, was da unter empirischen Voraussetzungen von meinen Freundinnen und mir ermessen wurde? Oder ist es viel mehr das, was jede von uns sich gerade so wünscht und womit sie gerade ihren Traum vom Glück erfüllt sehen würde? Ist Glück für andere tatsächlich so viel leichter, als für einen selber? Warum glauben wir eigentlich, dass wir im Leben einer unserer Testpersonen tatsächlich glücklicher wären?

Natürlich wissen wir, dass Glück so viel mehr ist als das Ergebnis einer Berechnung mit vorgegebenen Bewertungskriterien. Dass man vom eigenen nicht auf das Leben anderer schließen kann. Und dass sich alle etwas vormachen, wenn sie tatsächlich glauben, dass sie im Leben anderer glücklicher wären.


Eigentlich weiß ich allzu gut, dass ich mich selbst belüge, wenn ich mir vormache, dass dieses standardisierte Glück, über das ich mit meinen Freundinnen gerne lästere, tatsächlich in mein Lebenskonzept passen würde. „Schon seltsam“, beginne ich dann zu erkennen, „wie wenig ich eigentlich vom Glück anderer weiß.“ Träume, Pläne, Wünsche, die für andere Erfüllung bedeuten, kämen mir nie in den Sinn.

Glücklich wird man nur im eigenen Leben

Wenn ich eines in der Zwischenzeit verstanden habe, dann, dass man nur im eigenen Leben glücklich werden kann. Natürlich ist es leicht, die Tatsache, dass die eigene Glücksrechnung nicht aufgeht, darauf zu schieben, dass man halt nicht das Leben führt, das andere führen und das man sich immer erträumt hat. Glück kann man wohl überall suchen und auch finden … außer im Leben anderer.

Es ist zwar bequem, Glück zu abstrahieren und es wie Bausteine von einem Leben in das andere einzubauen. Aber realistisch ist dieses Vorhaben nicht. Mein Glück lässt sich nicht ver- oder einpflanzen. Mein Glück ist einzigartig, kein anderer Mensch auf der Welt wird jemals in der Lage sein, mein Glück zu empfinden. Und auch wenn ich mit meinen Freundinnen noch so angestrengt nach dem Glück anderer strebe - glücklich werde ich sicherlich nur dann, wenn ich mein eigenes Glück finde.

Unsere Autorin: Lisbeth (41) lebt zusammen mit ihren drei Söhnen und ihrem Mann in einem kleinen Städtchen in Südtirol. Sie ist begeistert von ihrem Teilzeit-Job als Verbraucherschützerin, hat es aber noch keine Sekunde bereut, ihre Familie als das Wichtigste in ihrem Leben anzusehen. Was nicht bedeutet, dass sie alle vier Männer nicht manchmal auf den Mond schießen möchte. Und gerade in solchen Momenten beginnt sie immer häufiger, über das Glück und seine mannigfaltigen Facetten nachzudenken.

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Kommentare (1)

Kommentare (1)

  • JosieBlacyik
    JosieBlacyik
    Lebenskunst ist ein Begriff aus der Philosophie, der nicht etwa das leichte und unbekümmerte Leben beschreibt, sondern eine bewusste Lebensführung.


    An der TU Darmstadt wurde dieses Konstrukt nun in die Psychologie übertragen. Dabei wurde ein Fragebogen erstellt, der unterschiedliche Aspekte von Lebenskunst erfasst und misst.


    Derzeit läuft ein Forschungsprojekt, in dessen Rahmen man ein Lebenskunst-Individualprofil erhält, wenn man einen Fragebogen ausfüllt. Das Profil gibt Auskunft darüber, in welchen Aspekten man schon ein Lebenskünstler ist und wo man sich verbessern kann. Das kann der erste Schritt zu einem zufriedeneren und glücklicheren Leben sein!


    https://ww3.unipark.de/uc/bschmitz_TU_Darmstadt_Institut_f/9298/


    Lebenskunst hängt nachweislich positiv mit Wohlbefinden und physischer Gesundheit sowie negativ mit Stress und psychischen Störungen wie Depressionen zusammen. Außerdem ist Lebenskunst erlernbar. Insofern kann das Befassen mit eigenen Stärken und Defiziten zu weniger Stress und einem glücklicheren Leben führen!

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