Kopftuch tragen ist für mich Herzenssache

Amal, 29, ist 2009 zum Islam konvertiert und bloggt (www.hijabiblog.com) seither über das Leben als deutsche Muslimin. Tagsüber ist sie Assistentin der Geschäftsleitung und nach Feierabend Ehefrau, Hobbybäckerin, Freizeitphilosophin - und neuerdings auch Mama.

Als sie zum Islam übertrat, war ihr irgendwann klar: Sie will Kopftuch tragen, sagt Amal in der Leserkolumne "Stimmen". Auch, wenn man ihr das nicht immer leicht macht.

Eigentlich bin ich ja ein ziemlich langweiliger und gewöhnlicher Mensch. Deshalb möchte ich Sie jetzt schon vorwarnen: Das hier könnte ein genauso langweiliger und gewöhnlicher Artikel werden. Ich bin 29 Jahre alt, seit sieben Jahren verheiratet und seit April diesen Jahres Mutter eines fabelhaften Jungen. Ich backe für mein Leben gerne, mag Schnulzen und Disneyfilme, vor allem Mary Poppins und ihre tanzenden Pinguine. An verregneten Samstagnachmittagen sitze ich am liebsten mit meinen Freundinnen bei Kaffee und Kuchen zusammen und philosophiere über dies und jenes, während die Stunden wie im Flug vergehen. Momentan bin ich in Elternzeit, aber normalerweise arbeite ich als Assistentin der Geschäftsleitung in einer kleinen Werbeagentur und schaue, dass der Laden läuft. Ziemlich gewöhnlich eben. Eigentlich. Wenn da nicht mein Kopftuch wäre.

Ich will ehrlich sein: Ich wünschte, ich müsste nicht extra ein Blog führen und Artikel schreiben, um zu betonen, dass ich ein ganz normaler Mensch bin, der auch mal zwei verschiedene Socken trägt. Okay, nein, das würde ich nicht aushalten. Aber Sie wissen, worauf ich hinaus will. 2009 habe ich nach reiflicher Überlegung den als meine Religion gewählt. Bis heute gibt es keinen einzigen Tag, an dem ich diese Entscheidung bereue. Ganz im Gegenteil. Ich bin zufriedener, ausgeglichener und zuversichtlicher als ich es jemals zuvor in meinem Leben war. Dennoch vergeht keine neue Begegnung, ohne dass ich mich erklären müsste.

Den Nichtmuslimen muss ich erklären, dass ich so deutsch bin, wie man nur sein kann, und dass ich das Kopftuch nicht für meinen Mann trage. Und auch nicht für ihn konvertiert bin. Und es auch nicht tragen muss, wenn ich dusche oder schlafe. Den Muslimen muss ich erklären, dass meine Familie nicht muslimisch ist. Dass ich Weihnachten bei ihnen verbringe, weil ich ein Teil dieser Familie bin und sie mir auch zu unserem höchsten Fest gratulieren und uns sogar Geschenke machen. Und dass ich mich europäisch kleide, weil ich eben Europäerin bin.

Wir schreiben das Jahr 2014 und die Welt steht uns dank Internet und Globalisierung so offen wie nie zuvor. Und dennoch fühle ich mich manchmal wie ein Alien in meinem eigenen Land, dessen Menschen und Sprache ich so liebe. Ich bin hier geboren, meine Eltern und Großeltern sind hier geboren und ich glaube, deren Eltern auch - so gut kenne ich unseren Stammbaum leider nicht. Und trotzdem: Sobald ich mit dem Hijab (das ist das arabische Wort für ) aus dem Haus gehe, scheine ich meine Staatsbürgerschaft zu verlieren und werde zum "Kopftuchmädchen". Jedenfalls ist es das, was mir von Medien und Menschen, die nur darüber vom Islam wissen, suggeriert wird. "Du bist anders!"

Seit ich konvertiert bin, ist viel passiert. Mit mir und in mir. Ich habe bewiesen, dass ich im Grunde dieselbe Person geblieben bin. Habe über skurrile Begegnungen gelacht und aus Verzweiflung geweint. Ich habe gelernt, gelassener zu werden, mit mir und mit meiner Religion und mit den immer wiederkehrenden Fragen zu meinem Kopftuch. Manchmal ist es ein Kraftakt, sich selbst treu zu bleiben. Aber geht das nicht allen Frauen so? Jetzt fragen Sie sich sicher, warum ich mich denn überhaupt für das Kopftuch entschieden habe, wenn es so viel Energie zehrt.

Der Wunsch das Kopftuch zu tragen war schon sehr früh in mir, aber es hat mich mehrere Jahre gekostet, bis ich mich entschieden habe, das Kopftuch konsequent zu tragen. Der Weg dorthin war gepflastert von inneren Kämpfen, Zweifeln, Zurückschrecken und doch wieder Anlauf nehmen. Es hat seine Zeit gedauert, bis ich mich von der Meinung anderer und meiner Angst davor befreien konnte. Aber jede Reise hat ihren Segen. So hat sich mein Glaube, der sich mit der Zeit immer weiter entfaltete und festigte, Bahn gebrochen und sich auch äußerlich bemerkbar gemacht.

Ich weiß, dass es auf dieser Welt fast so viele Spielarten und Ausdrucksformen gibt, um sich der Welt mitzuteilen, wie es Menschen gibt. Deshalb habe ich auf meinem Blog eine Umfrage gestartet, um zu verstehen, was das Kopftuch für andere Musliminnen bedeutet. "Nenne mir in einem Wort die Bedeutung des Hijab für dich." Hier eine kleiner Auszug: Glaube, Ehre, Stolz. Zufriedenheit, Gehorsamkeit und Schönheit. Demut, Schutz und Freiheit. Pflicht, Gottesdienst und Identität. Ich persönlich finde mich in all diesen Antworten wieder. Das Kopftuch ist für mich ein Ausdruck meines Glaubens. Es ist kein Symbol, sondern einfach meine persönliche Freiheit, mich aus Demut vor meinem Schöpfer zu bedecken. Es gibt mir Schutz vor den Blicken anderer, da ich meine Schönheit nur meinem Mann zeigen will. Es ist meine Pflicht als Muslimin, es ist Teil meines Gottesdienstes für Allah. Es ist im Koran festgeschrieben und ist für mich bindend. Ich fühle mich schön mit dem Hijab, ich trage ihn mit Stolz. Er ist Teil meiner Identität. Ich bin Deutsche. Ich bin Muslimin. Und ja: Das lässt sich gut miteinander vereinen.

Ok, vielleicht bin ich doch nicht so gewöhnlich, wie ich immer denke. Aber unter meinen Freundinnen bin ich kein Einzelfall. Da tummeln sich Vollzeitmamas, Bilanzbuchhalterinnen und Studentinnen, die trotz Kind(ern) auf Lehramt studieren oder ihren Master in Bildungswissenschaften machen. Und sie alle tragen Kopftuch. Frauen wie Sie und ich, die versuchen Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen und deren quälendste Frage jeden Tag aufs Neue ist, was sie heute Abend kochen sollen. Ich könnte jetzt voller Pathos schreiben, dass ich einen Traum habe, so wie Martin Luther King Jr. damals.

Dass ich davon träume, dass wir Musliminnen einfach nur sein können, ohne uns zu erklären. Ohne auf der Straße bespuckt und beleidigt zu werden. Denn auch das passiert in meinem Umfeld. Aber bis es soweit ist, wird mir eben doch nichts anderes übrig bleiben, als extra ein Blog zu führen und Artikel zu schreiben, um zu erklären, dass ich ein ganz normaler Mensch bin. Und, dass Glaube eben mehr ist, als ein Stück Stoff auf dem Kopf.

Kommentare (112)

Kommentare (112)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Sehr geehrte Brigitte-Redaktion,

    da sie sich so für religiöse, verfolgte Minderheiten einsetzen, würde ich über eine Reportage über die Jesidinnen/assyrischen Christen in den syrischen/irakischen Flüchtlingslagern begrüßen.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ach ja und was passiert, wenn eine Muslima zum Christentum konvertiert. Ach ja, das wird ja mit dem Tode bestraft. Hatte ich ganz vergessen. Aber wir sind ja eine Muslima-Versteher- Nation, besonders einige Zeitungen.

    Freue mich schon auf die nächste Kopftuch-Reportage//Ironie off

    Wahrscheinlich soll und "vorurteilsbehafteten" Leserinnen mal wieder nahegebracht werden, wie toll und "liberal" der Islam ist.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Was mich immer wieder erstaunt, ist die Ebene, auf der diese Diskussion stattfindet. Nun habe ich die Brigitte noch nie für anspruchsvolle Journaille gehalten, aber solchem Dummfug sollte man wirklich keinen Raum in einer Zeitschrift geben. Was auch immer diese Religion predigen mag, so liegt die Realität davon weit entfernt. Bei jedem statistischen Amt der europäischen Ämter kann man nachlesen, wie Moslems sich zu Themen wie Gleichberechtigung, Zwangsheirat, Ehrenmord, Kriminalität verhalten. Und wer mir Vorurteile unterstellt: Ich arbeite seit 13 Jahren als Sozialarbeiterin und habe noch kein muslimisches Mädchen / Frau getroffen, die nicht unterdrückt, misshandelt, zwangsverheiratet oder auch mal erschossen worden wäre. Was mich überdies immer wieder wundert, ist, warum Muslimas soviel Zeit und Energie darauf verschwenden, ihr Kopftuch zu verteidigen, wenn man sich doch viel besser für die Gleichberechtigung der Frau einsetzen könnte.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ein sehr interessanter Artikel, allerdings glaube ich kaum dass eine deutsche OHNE fremdeinwirkung zum islam konvertiert. warum auch wenn es dafür keinerlei anreiz durch z.B. einen ausländischen mann gibt? desweiteren steht i Koran NICHT dass Frau Kopftuch tragen soll! außerdem beherrschen viele Muslime den koran schlechter als ich, dnn ich weiß dass drinsteht: befindet sich indemselben raum wie ich auch eine andere person, die meiner Sprache nicht mächtig ist, so unterhalte ich mich bitte nur in der Sprache, der wir beide mächtig sind... ÖHM JA... das tun die wenigsten Muslime. und zum Thema demut vor dem schöpfer: wenn er dich angeblich geschaffen hat, kennt er dich, ergo musst du dich nicht verschleiern 7 verstecken. außerdem, deine schönheit nur deinem mann zeigen? Warum schminkst du dich dann? entweder oder!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Warum will sich eine Muslima nicht den deutschen Gepflogenheiten unterordnen? Kopftuch auf der Straße ist ok, im Gebäude ist es eine Verletzung des Anstands.

    Wer mit den Wölfen lebt muß mit den Wölfen heulen.

    Das müssen auch wir Deutsche in fremden Ländern beachten.

Unsere Empfehlungen

KlickstarterNewsletter
Bild Montagsnl

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Amal, 29, ist 2009 zum Islam konvertiert und bloggt (www.hijabiblog.com) seither über das Leben als deutsche Muslimin. Tagsüber ist sie Assistentin der Geschäftsleitung und nach Feierabend Ehefrau, Hobbybäckerin, Freizeitphilosophin - und neuerdings auch Mama.
Kopftuch tragen ist für mich Herzenssache

Als sie zum Islam übertrat, war ihr irgendwann klar: Sie will Kopftuch tragen, sagt Amal in der Leserkolumne "Stimmen". Auch, wenn man ihr das nicht immer leicht macht.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

E-Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden