Da geht's rund: Wenn Helikoptereltern eine Klassenreise planen

BRIGITTE.de-Leserin Juliane ist Mutter eines Schulkindes - und bestürzt darüber, welches Drama Eltern aus einer Klassenreise machen. 

Juliane Schütterle

Dr. Juliane Schütterle wurde 1978 in Thüringen geboren und ist seit 15 Jahren Wahl-Berlinerin. Mit Mann und zwei Kindern (7 und 3 Jahre alt) lebt sie in Neukölln, wo sie auf eine ökologisch korrekte Lebensweise ohne Einwegfotoapparate achtet. Die Historikerin arbeitet beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. 

Wie war es eigentlich, als meine Eltern mich zum ersten Mal auf Klassenreise fahren ließen? Das dürfte ungefähr 1986 gewesen sein. Sie unterschrieben irgendeine Einverständniserklärung, packten eine kleine Reisetasche, legten ein paar belegte Brote in den Rucksack und schickten mich morgens wie immer zur Schule, wo der Ikarus-Reisebus seine Ziehharmonikatüren für mich öffnete. So zumindest stelle ich sie mir vor, die guten, alten, unkomplizierten Zeiten.

Klassenreise? Ohne Informationsabend geht gar nichts

Heute ist es schwieriger. Das erfuhr ich beim Informationsabend, der die Eltern in der Grundschule meines Sohnes auf die Klassenfahrt vorbereiten sollte. Mit ungefähr 100 anderen Müttern und Vätern zwängte ich mich in eine stickige, riechende Schulturnhalle. Mitten in Berlin-Neukölln, dem neuen Bezirk der hippen, ewig jungen Ökoeltern, dem akademischen Gegenentwurf zu den Latte-Macchiato-Muttis des Prenzlauer Bergs.

Wo fährt der Bus los?

Die ersten zehn Minuten wurden von der Diskussion darüber bestimmt, wo der Bus am Abreisetag halten solle. Vor der Schule sei es viel zu eng – die vielen parkenden , die Fahrräder. An der Straßenecke vorn? Kein Platz zum Wenden. Oh Gott, ist das wirklich eine Debatte für uns Eltern?

Was passiert bei Läusebefall?

Auch das Thema Kopfläuse nahm einen großen Raum ein. Muss man das Kind wirklich sofort abholen, wenn es von Kopfläusen befallen ist? Eindeutige Anwort: Ja. Braucht man ein ärztliches Attest, um zu beweisen, dass die Läuse wieder weg sind? Ja. Könnte man dann nicht vor Ort zum Arzt gehen, sich dieses Attest besorgen und das Kind dann wieder zur Klassenreise zurückbringen, damit es nicht traurig ist, vorzeitig abgeholt zu werden? Eine Mutter wandte ein, dass der Lausbefall oft nicht so schnell verschwindet und ein ärztliches Attest noch lange nicht bedeutet, dass die Tierchen wirklich weg sind. Auch wieder wahr. Es blieb also dabei: Die Kinder sind abzuholen.

Was, wenn der Bus früher kommt?

Apropos abholen: Rückkehr der Kinder am Freitag um 11:30 Uhr. Man bemühe sich, versicherten die Lehrerinnen, um absolute Pünktlichkeit. Im letzten Jahr sei der Bus zu früh angekommen und einige Eltern konnten ihre Kinder nicht sofort direkt aus dem Bus heraus in den Arm nehmen. Das sei für einige sehr traurig gewesen. Für die Eltern wohlgemerkt, nicht für die Kinder.

Wie bitte? Die Eltern sind traurig, weil der Bus zehn Minuten früher kommt? Haben die am Freitagvormittag nichts anderes zu tun? Als berufstätige Frau muss ich krampfhaft überlegen, wie das Abholen organisiert werden kann. Natürlich könnten die Kinder nach der Fahrt noch ein paar Stunden in den Hort gehen – aber diesen eiskalten Rabenmutter-Gedanken verdränge ich sofort wieder.

Und wer hatte die Idee mit den Einwegfotoapparaten!?

Apropos absurd: Wer hatte eigentlich die Idee mit diesen unökologischen Einwegfotoapparaten, fragte ein Vater mit Entrüstung in der Stimme. Sein Sohn habe zu Hause erzählt, die Kinder seien in der Schule dazu ermuntert worden, einen unökologischen Einwegfotoapparat mitzunehmen (ja, er wiederholte exakt diesen Begriff noch einmal). Meine Augenbrauen schnellten reflexartig nach oben, die Lehrerinnen hingegen verzogen keine Miene. Da die Mitnahme sämtlicher elektronischer Geräte grundsätzlich verboten sei, erklärten sie, hätte man den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit eingeräumt, mit den billigen Knipskisten zu fotografieren.

An dieser Stelle muss ich den Damen des Lehrkörpers übrigens meinen größten Respekt aussprechen. Sie parierten jede noch so – pardon – dämliche Frage mit stoischer Geduld. Denn sie erkannten, dass es nur einen Weg gibt, pünktlich in den Feierabend zu kommen: Man muss den Eltern das Gefühl geben, man nehme sie ernst.

Auch die Lehrerinnen haben Forderungen

Andererseits stellten auch die Lehrerinnen Ansprüche an die auf pädagogische Perfektion getrimmte Elternschaft. So forderten sie nachdrücklich dazu auf, dass jedes Kind Post von den Familie bekommt, am Besten gleich zwei Mal. In fünf Tagen! Sonst seien die Kinder traurig.

Außerdem baten sie um Verständnis, dass ein Mädchen von seiner Großmutter begleitet werde. Normalerweise ist es nicht erlaubt, dass Angehörige mitfahren, aber diese Schülerin traute sich nicht ohne Begleitung. Sofort schnellte die Hand eines angegrauten Endvierzigers in die Höhe: Ob man das den anderen Kindern "kommuniziert" habe (ja genau: KOMMUNIZIERT)? Sie könnten ansonsten vielleicht traurig sein, dass sie selbst ohne Eltern fahren müssten. Häh?! Ist die Klassenreise nicht genau dafür da – ohne Eltern zu verreisen? Ich stellte mir das entsetzte Gesicht meines Sohnes vor, wenn wir ihm erklärten, dass Papa oder Mama mitfahren.

Wir sind ein Heer ökologisch korrekter Helikoptereltern

Warum können wir unsere Kinder nicht einfach ein paar Tage verreisen lassen, ohne jedes erdenklich mögliche (Wohlstands-)Problem durchzuspielen? Warum sind wir so von der Panik getrieben, dass unsere Kinder mit negativen Gefühlen konfrontiert werden könnten? Warum fällt der Begriff "traurig" in einer Stunde mehr als dreimal?

Meine Theorie: Für die ökologisch korrekten Helikoptereltern der Großstadt sind Kinder das, was auch Jobs für sie sind: Projekte. Nachdem sie sich jahrelang an Studium, Praktika, Reisen und Karriere abgearbeitet haben, ist jetzt der Nachwuchs dran. Nun werden die Kinder - in biologisch abbaubare Watte gepackt - zur Selbstverwirklichungs- und Projektionsfläche. Die Sorge, die Kleinen könnten einmal traurig sein, Heimweh haben oder sich ungerecht behandelt fühlen, wiegt stärker als der Wunsch nach deren Selbständigkeit. Dabei sind diese Erfahrungen elementar wichtig fürs Erwachsenwerden.

Ich nehme mich aus dieser Kritik übrigens gar nicht aus: Auch ich bin in ständiger Sorge vor potenziellen Alltags-Traumatisierungen, die meine Kinder ereilen könnten. Aber seit diesem Elternabend arbeite ich daran, Stück für Stück locker zu lassen. Auch wenn's nicht immer einfach ist.

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