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"Hilfe, ein Häkeldiplom!" Oder warum der DIY-Trend ein Ende haben muss

  Heide Fuhljahn, 40, ist Journalistin. Schon als Schulkind fand sie Handarbeiten langweilig und setze durch, dass sie als erstes Mädchen am Werkunterricht teilnehmen durfte. 2013 erschien ihr Brigitte-Buch "Kalt erwischt" über Depressionen. Aus diesem liest sie regelmäßig in Krankenhäusern und Bildungswerken.

Dass sie die Einzige ist, die Schminktäschchen, Mützen und Strampler nicht selbst bastelt, nervt Heide Fuhljahn. Warum der DIY-Trend für sie ein Abgesang auf den Feminismus und eine narzisstische Dauerbelästigung ist, sagt sie in unserer Leserkolumne "Stimmen".

Was ist schon ein herausoperierter Tumor gegen ein selbst genähtes Täschchen? Mit außen roten Kirschen, innen grünweiß kariert? Süß, oder? Echt süß! Meine Freundin Alex bekam zum Geburtstag sieben solcher Taschen. Obwohl sie nur Wimperntusche benutzt und ausgebildete Schneiderin ist. Das sind die Schenkenden leider nicht. Doch genau deswegen liegen Handarbeiten von Laien, cooler DIY, so was von im Trend. Strickanleitungen auf Youtube, stetig sprossende Blogs; sogar die BRIGITTE Woman präsentierte Anfang 2014 auf sechs Seiten Frauen mit ihren Bastelhobbys. Ein Zitat: "Beim Häkeln bin ich tiefenentspannt." Prima, könnte man jetzt sagen. Macht nach Feierabend, was ihr wollt. Frauen haben freie Zeit, ein feministischer Wert. Tja, wäre es so simpel, wäre diese Kolumne jetzt am Ende.

Doch die alpakaweiche Bewegung tritt die Gleichberechtigung ins Knie. Denn all die Blogs und Artikel und Prodüktchen, sie bedienen abwertende Mädchen-Klischees. Meist in Pastellfarben gestaltet, mit Mustern aus den 70ern. Dazu Schreibschrift und Schnörkel. Im Blog-Titel Worte wie Fräulein, Feen, Zauber und Seele; im Online-Shop das Versprechen, alles wurde "mit ganz viel Liebe hergestellt". Im Zentrum: das traute Heim. Gefühlsduselei, mangelnde Fähigkeit zur Abstraktion, Hausfrauen-Kleinklein, wenig Wissen: Das wurde Frauen, als sie noch darum kämpfen mussten, Wissenschafterlinnen zu werden, vorgehalten. Heute definieren sie sich stolz über Babyfotos und mit Äpfeln bedruckte Geschirrhandtücher: Loriots Jodeldiplom.

Basteln wird oft als Freizeitfreude betitelt, dabei möchten die meisten, seien wir ehrlich, gern davon leben, siehe dawanda.de und Co. Heute könnten Frauen Pilotin werden oder Verlegerin - aber das ist ja so anstrengend! Da muss man jahrelang lernen, durch Prüfungen fallen, sich aufrappeln, konkurrieren, Kompromisse machen, Frust aushalten - und wozu? Damit man sich eingestehen muss, leider keine bedeutende Künstlerin zu sein? Wenn ich das Grundstudium verkacke, lobt mich keiner. Wenn ich als weltbeste Zehnkämpferin fitter bin als die Profifußballer, interessiert es aber auch fast niemanden. Wie nur den Drang nach Publikum stillen? In einer Gesellschaft, die den Boulevard und das Proletariat feiert, wäre es richtig dumm, keine DIY-Queen zu werden, oder? So entstehen überall Wollmäuse.

Liberal gemeint könnte ich erneut sagen: Wie es euch gefällt. Doch da ist noch der mit dem Boom einhergehende Narzissmus. Es ist AD, ohne H, aber mit S. Das Wesen von Narzissten liegt darin, von der Umgebung konstant Bestätigung abzuschlürfen. Dabei geht es den Heimwerkerinnen nur begrenzt darum, Babysöckchen zu stricken oder "die weltbeste" Schokoladentarte zu backen (was Oma früher nebenbei erledigt hat). Die Taube in ihrer Hand ist die Aufmerksamkeit, mit der andere Frauchen und viele Medien sie pampern. Leider ist diese Trend-Welle so mächtig, dass auch ich mit Infos über Maulbeerseide und Klebedeko niedergeklöppelt werde. Obwohl ich (scheinbar) nur seriöse Medien lese und keinen Mutti-Blog abonniere. Da das nicht genügt, baue ich hiermit eine Mole, auf der steht: Bastelt gern, vor allem für euch. Aber lasst mich in Ruhe mit eurem selbstverliebten Pipikram!

Leider sind narzisstische Frauen sehr manipulativ. Da wird das Kind vorgeschoben, um das von Mama genähte Kleidchen zu präsentieren. Da wird kokettiert, dass alles "ganz einfach" ist - man kann sich ja trotzdem als Expertin fühlen. Um sich Designerin zu nennen, braucht man kein Studium, Kunst-Leistungskurs reicht. Und überhaupt, Raumgestalterin, Grafikerin, Köchin, Fotografin, da kann frau nicht authentisch kreativ sein, sprich: sich ausleben. So huscht sie lieber ins Kämmerchen, wo jenseits der Haustür keine klugen Kolleginnen, gläsernen Decken und Testosteron-Meetings lauern.

Kreativ-Sein ist der neue vorgetäuschte Orgasmus - wenig Anstrengung, viel Bohei. Die Aufmerksamkeit scheint das zu kurz gekommene Kind-Ich zu befriedigen. Wenn mir die Tochter einer Freundin ihr Krickelkrackel zeigt, ("Guck, hab ICH gemacht!") lobe ich sie aufrichtig. Sie ist vier. Aber 35-Jährige? Die stöhnen, dass ihr Alltag soooo stressig ist; im Job fehlt die Erfüllung, nachts der Schlaf. Auch müsste man viel mehr Zeit haben, um mit den Kids zu spielen. Und das mit den Näherinnen in Bangladesch, ganz, ganz schrecklich. Also posten die Gestressten: "Ich liebe meine neue Brille!".

Die weibliche Mittelschicht strebt offensichtlich nach einem Sinn, privat und beruflich. Früher hieß der: Cafébesitzerin, Yogalehrerin, Coach oder Heilpraktikerin. Heute: selbst gemacht. Die Frauen der Medienbranche bringen die richtige Qualifikation mit. Sie können Befindlichkeiten organisieren, wissen, wie man niedere Instinkte anspricht und ein überteuertes Produkt verkauft. Logischerweise folgen sie ihrer Berufswahl: Wo sonst erreicht man so viel Öffentlichkeit für so wenig Können? Jede Blondschleiche kommt ins Fernsehen, jede weiß, wie man sich vermarkten muss. Kinderbücher, Kochfibeln, Shows; Ratgeberin, Laien-Fotografin - dem muss kein Diplom oder Bewerbungsgespräch im Wege stehen! Alles ein bisschen vegan oder fair oder regional, schwupp, ist die Sinnfrage beantwortet.

Gleiche Rechte, Blogs, Artikel, Öffentlichkeitsarbeit - das könnten Grundlagen von Revolutionen sein. In Nordkorea, Saudi-Arabien, der Ukraine ... In Deutschland schreiben meist Männer politische Blogs. Die aktive, unbequeme Gestaltung unserer Gesellschaft ist bei zu vielen Frauen out, ob es nun um ihre Freizeit, Rente oder die Bezahlung von Altenpflegerinnen geht. Das System lässt sich eh nicht ändern, und alles ist kompliziert. Diese Kriege überall, schlimm, schlimm.

Der Widerstand motzt jetzt: Die Welt ist nicht gerecht! Engagement und Leistung werden zu selten belohnt! Stimmt. Leider! Der zehntausendste Verbandswechsel - sich dafür im Klinikalltag aufreiben? Einen an Kinder dealenden Heroinhändler anklagen - dafür 50 Ordner lesen? Einen größeren Zusammenhang erkennen, genau deshalb kämpfen? Kann Vatti doch machen. Strickliesel liket derweilen eine Poetry-Slammerin, die an die Endlichkeit erinnert, und macht sich dann auf den Weg zum Yoga-Bauch-Beine-Po.

Gerade weil es noch so viel zu erringen gibt, interessieren mich Frauen wie Dr. Anne Merkt. Die kennt kaum jemand. Obwohl die Psychologin, 29, nett aussieht und semi-professionell Mixed Martial Arts beherrscht. Am 27. September kämpfte sie in Hamburg. Im Käfig. Für die Papierfetischistinnen: zu viel Schweiß, zu hart, zu gefährlich, zu unweiblich, zu extrem. Darüber diskutiere ich gern. Aber woher kann Anne wohl so gut für sich einstehen? Wie groß sind ihre Chancen gegen eine versuchte Vergewaltigung? Wird sie später dazu beitragen, dass Jobs frauenfreundlicher werden - wovon eure Töchter profitieren? Und was wäre passiert, wenn ihre Mutter sie nicht beim Ballett ab- und beim Ju-Jutsu angemeldet hätte?

Eine Kursbeschreibung des Wollfestes in Hamburg endete mit dem Satz: "Ihr werdet danach Frau über Schere und Wolle sein!" Liebe Mütter, sagt bitte nie über eure Tochter: "Die will ja nur Aufmerksamkeit." Guckt vorher mal ins Internet - dann seht ihr, wo das endet.

Kommentare (1000)

Kommentare (1000)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Sie hat so recht!



    Mag ich es selber zu kochen backen, nähen? Ja! Aber ich bewerfe nicht alle meine Freunde damit sondern schenke etwas das sie wirklich haben wollen. Es geht mir tierisch auf den Senkel wenn gestandene Frauen nach der Herstellung eines Kuchens so tun als hätten sie in Physik promoviert. DIY ist ein Hobby! Nicht mehr. Kein Lebensphilosophie keine super Errungenschaft sondern nett, das war's. Man darf/ sollte als Frau vielleicht noch andere Erwachsenere Ziele haben. Wenn eine Mutter sich unterbezahlt 40 Stunden an der Kasse eines Supermarktes abschuftet, jemand Ärztin wird oder irgendwas anderes Essentielles zu Wege bringt: die hat meinen Respekt verdient. Wir sollten uns als Frauen gut überlegen: was sind unsere Vorbilder? Wen wollen wir beklatschen?
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Einmal ganz abgesehen von meinen eigenen Interessen, ist das ein suuuper Artikel. Wie auch immer ich dazu stehe, ich liebe es wenn logische und sachlich richtige Sätze so gut formuliert und aufgeschrieben... vielen Dank dafür
  • Anonymer User
    Anonymer User
    @Anja,



    es geht doch gar nicht darum AUCH etwas zu häkeln, zu kochen oder was auch immer.



    Es geht darum, dass die Identifikation vieler Frauen darüber läuft, dass sie "häkeln" und darin kann man schon ein Problem sehen, das am Ende dann darin gipfelt, dass es eine Lohnlücke gibt und Altersarmut bei Frauen.



    Wenn ich meine volle Konzentration auf das "Häkeldiplom" setze und nebenbei mal eben so erwerbstätig bin, kann ich natürlich für meine Stickarbeit, das zeitraubende Menü für 10 Personen oder anderes Komplimente erhalten.



    Nähren tut es nicht, denn für das Lob der Betrachter gibt es nichts und auch die Einkünfte der Bloggerinnen sind marginal + weder wirtschaftlich absichernd noch für die Rentenfrage der Frauen die Lösung.



    So lange Frauen sich auf diese Weise verhalten, werde ich immer, wenn es heißt "Frauen verdienen weniger" gute Argumente haben, wieso ich als Frau und Mutter genau das nicht habe + diese Grundidee ihre Wurzeln bei den Beteiligten hat
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Wie kann man nur so schwarz-weiß malen? Eine Frau ist also ENTWEDER beruflich stark ODER sie macht Handarbeiten, ja? Was hat es denn mit einem modernen Frauenbild zu tun, wenn ich meine Klamotten NICHT selbst machen oder reparieren kann? Wenn ich zwar total erfolgreich in meinem Job bin, aber mein Essen NICHT selbst kochen kann? Denn beides gleichzeitig geht der Autorin nach ja nicht. Dass die Pilotin vielleicht privat eine exzellente Köchin ist und hunderte Projekte bei ravelry hat - unvorstellbar. Entweder - oder! Emanzipation heißt demnach noch immer, dass Frauen genau so sein müssen wie Männer und wird maßgeblich dadurch definiert, was frau NICHT tut und NICHT kann. Wenn die Autorin schon zu Schulzeiten zu grobmotorisch für Handarbeiten veranlagt war, dann hat sie ja jetzt eine tolle Plattform gefunden, das auch noch als Stärke darzustellen. Statt einfach zu sagen, dass es ihr nicht liegt und fertig. Aber nein, sie macht lieber andere klein um selbst größer zu sein. Wie
  • Anonymer User
    Anonymer User
    bin zwar selbst keine DIY-Expertin, habe es aber nicht sonderlich kritisch gesehen.

    ich dachte mir immer: "jeder mache was er möchte"

    - aber ich kann der Autorin folgen und kann verstehen, was sie meint! sehr gut argumentiert, und sehr spannend; die frage ist tatsächlich: wieso bekommt Selbst-genähtes teilweise so viel mehr Anerkennung als ein uni-Abschluss und beeinflusst das doch mehr, als wir alle zugeben wollen? Danke, dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben, Frau Fuhljahn - ein wichtiger Gedankenanstoß! Schön geschrieben!

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  Heide Fuhljahn, 40, ist Journalistin. Schon als Schulkind fand sie Handarbeiten langweilig und setze durch, dass sie als erstes Mädchen am Werkunterricht teilnehmen durfte. 2013 erschien ihr Brigitte-Buch "Kalt erwischt" über Depressionen. Aus diesem liest sie regelmäßig in Krankenhäusern und Bildungswerken.
"Hilfe, ein Häkeldiplom!" Oder warum der DIY-Trend ein Ende haben muss

Dass sie die Einzige ist, die Schminktäschchen, Mützen und Strampler nicht selbst bastelt, nervt Heide Fuhljahn. Warum der DIY-Trend für sie ein Abgesang auf den Feminismus und eine narzisstische Dauerbelästigung ist, sagt sie in unserer Leserkolumne "Stimmen".

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