Tabu Selbstbefriedigung: "Es war, als hätte ich endlich die Erlaubnis, mir selbst Lust zu verschaffen"

Nila E. Sebastian, 78, lebt seit 1969 in Berlin-Kreuzberg. Sie war Ländl. Hauswirtschaftsgehilfin, alleinerziehende Mutter (zwei Söhne) und 29 Jahre an TFH und TU Berlin im Büro tätig. Sie malt und schreibt, 2005 wurde der erste Teil ihrer Biografie veröffentlicht. Wer mehr über sie wissen möchte, kann sie unter Nila E. Sebastian googeln.

Nila E. Sebastian musste 74 Jahre alt werden, um zu realisieren: Es ist in Ordnung, sich selbst zu befriedigen. Seither genießt sie ihre Sexualität mehr denn je - mit ihrem Mann, aber auch allein. Wieso sie es schade findet, dass "Selbstliebe" noch immer ein Tabu ist, erzählt sie in den "Stimmen".

Allgemein gilt, dass Solosex in einer guten Partnerschaft nicht unbedingt einen Platz hat. Das mag für einen Mann gelten, wenn er dabei ejakuliert, bei einer Frau erhöht die Selbstliebe aber eher die sexuelle Erlebnis- und Genussfähigkeit. Doch die wenigsten Frauen reden darüber. Meine Erfahrungen mit der Selbstliebe ziehen sich über ein langes Leben hin. In den Jahren ohne festen Partner erlebte ich zwar Orgasmen mit mir selbst, den Freudenfluss und einen besonderen Geschmack auf der Zunge. Aber es hatte immer den Geruch von etwas Verbotenen, obwohl ich Filme von Betty Dodson und Lonny Barbach gesehen hatte. Auch fühlte ich mich oft traurig, weil ein Mann an meiner Seite fehlte.

Im Sommer 1978 fand ich meine große Liebe, einen 14 Jahre jüngeren Mann. Kaum jemand gab unserer Partnerschaft eine Zukunft. Doch wir sind immer noch ein Paar und seit Nikolaus 2001 verheiratet. Ich genoss die Sexualität mit meinem Liebsten, war aber nach der Selbstliebe, obwohl er mich dazu ermunterte, oft in einem Gefühlszustand, den ich nicht mochte. So gingen die Jahre dahin. Ich musste 74 werden, bis sich das änderte. Der Satz von Doris Christinger in einem Interview in der Brigitte Woman, "... die besten Orgasmen hat eine Frau ohnehin mit sich allein. Solo-Sex ist kein Ersatz-Sex, bei dem Frau sich einsam oder schuldig fühlen muss, sondern echte, bewusst zelebrierte Lust - sehr gute Nahrung für sinnliche Ausstrahlung im Alltag", eröffnete mir eine völlig neue sexuelle Dimension. Es war, als hätte ich endlich die Erlaubnis erhalten, mir selbst Lust zu verschaffen. Wie Doris Christinger es in ihrem Buch "Auf den Schwingen weiblicher Sexualität" Frauen vorschlägt, in Selbstlieberitualen ihren Körper zu erkunden. Ohne Vibrator, mit reichlich Gleitgel nicht nur die Klitoris zu stimulieren, sondern den ganzen Vulva- und Vaginalbereich zu berühren, ohne sich allein auf den Orgasmus zu konzentrieren.

Eigentümlich fand ich nur, dass es zu diesem Thema bei "Brigitte Woman" online keinen einzigen Kommentar gab. Ist das letzte Tabu? (Ich mag den Begriff Masturbation nicht. Er wird auch als "Schändung mit der Hand" gedeutet.) Ich hatte gerade nach langen Jahren die Hormone abgesetzt und Angst, dass die Lust, wie damals in den Wechseljahren, wieder versiegte. Doch das Gegenteil geschah. Ich spürte (vielleicht infolge einer Behandlung der überaktiven Blase?) eine stärkere sexuelle Lebensenergie in meinem Körper als jemals zuvor.

Seitdem sind vier Jahre vergangen und die Sexualität ist für uns immer noch die Quelle der Lebensenergie. Die Sicherheit in unserer Partnerschaft trägt dazu wesentlich bei. Bietet sie doch den Spielraum, uns immer wieder neu zu erfahren und einander ohne Scheu hinzugeben. Wir haben nach einigen Tantra-Trainings unseren eigenen Weg gefunden. Obwohl wir uns für alles viel Zeit lassen, ist Slow Sex nichts für uns. Bevor wir uns lieben, stimmen wir durch gegenseitige, sanfte Massage unsere Körper und Seelen aufeinander ein. Und danach stellen wir jedes Mal fest, dass unsere Begegnung wieder so beglückend und ganz anders war als alle vorhergehenden. Das hält die Neugier aufeinander wach.

Für mich ist es immer noch sehr wichtig, dass ich unabhängig von meinem Partner Lust erlebe. Meine Erfahrungen dabei unterscheiden sich von dem, was Betty Dodson praktiziert. Der Vibrator bleibt in der Schublade. Er vermindert die feinen Empfindungen beim Sex, nicht nur mit einem männlichen Partner. Eine Stimulation kann auch ohne Vibrator geschehen. Meistens habe ich bei der Selbstliebe innerhalb einer Viertelstunde einen Orgasmus, der durch den ganzen Körper bis unter die Augen geht. Kreuzweh und andere Schmerzen verschwinden. Als vor zwei Jahren trotz vorhandenen Verlangens buchstäblich die Luft entwich, haben wir ohne Viagra die Kurve gekriegt. Ich konnte geduldig warten, bis die Flaute vorüber war, weil mein Körper keinen Mangel leiden musste.

Teaserbild: Randy Faris/CORBIS

Kommentare (22)

Kommentare (22)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    In eigener Sache

    Zu meinem Text bekam ich nur 21 Kommentare, von denen 7, also ein Drittel zustimmend, einer kritisch und die anderen 13 organisatorisch sind. Da mein Text oft zu anderen Artikeln sexuellen Inhalts vorgeschlagen wird und von der Redaktion nach bald einem Jahr ein neues (süßes und witziges) Teaserbild bekam, scrollte ich letzten Monat das erste Mal nach unten und war erstaunt über die fast 100 likes, zu den immer noch weitere dazu kommen. Dass das Thema offensichtlich immer noch aktuell ist, freut mich. Herzlich Dank an alle, die like, love und lustig anklicken oder angeklickt haben.

    Nila Sebastian
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe Micaela,

    die Sendung wird ab 22.00 Uhr jeden Tag beim MDR unter Make love gezeigt. Außerdem im MDR

    Sonntag, 23. November 2014, 22 Uhr

    Sonntag, 30. November 2014, 22 Uhr

    Im SWR

    SWR

    Mittwoch, 26. November 2014, 22 Uhr

    Mittwoch 3. Dezember 2014, 22 Uhr

    Mittwoch, 10. Dezember 2014, 22 Uhr

    Für das Brigitte-Forum kann man einen Strang eröffnen, wenn man angemeldet ist und kann sich dazu Anleitung holen. In den Foren herrscht ein reger Austausch, manchmal innerhalb eines Tages oder einiger Tage.

    Viele Grüße

    Nila

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Hallo Nila, leider habe ich die Sendung verpasst und im Netz wurde der Film auch unter "Sendung verpasst"nicht gezeigt(Jugendschutz). Auf you tube gibt es aber gute Filmbeiträge zu diesem Thema und am Montag habe ich auf 3 sat"Altenglühen" gesehen. Auch hier ging es um Liebe, Sex und Einsamkeit jenseits der 60/70 Jahre. Dieses Thema wird doch zunehmend präsenter in den Medien. Eine Plattform 60 plus wäre sicher eine gute Idee. Wie? Wer macht dies? Brigitte?

    Gibt es eigentlich eine Senioren- Frauen-Zeitschrift? Aber ich denke all dies würde auch viel Zeit in Anspruch nehmen. Zeige mir einen Rentner, bzw. Retnerin die Zeit hat.:-

    Ich werde jetzt erst einmal dein Buch lesen.

    Viele Grüße Micaela
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe Micaela,

    vielleicht wäre es ein Weg im Brigitteforum Über 60 eine Plattform für dieses Thema ins Leben zu rufen.Übrigens: Mit meinem Mann bin ich seit 1978 zusammen, aber erst seit 2001 verheiratet. Am Sonntag ist im MDR um 22.00 Uhr die Sendung Make love. Sex über 40. Es wird auch über Sex über 60 und älter gesprochen.

    Viele Grüße

    Nila
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe Micala, vielen Dank für deine Kommentare. Leider habe ich dieses WE viel um die Ohren. Sobald ich Zeit habe, werde ich ausführlich antworten.

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Nila E. Sebastian musste 74 Jahre alt werden, um zu realisieren: Es ist in Ordnung, sich selbst zu befriedigen. Seither genießt sie ihre Sexualität mehr denn je - mit ihrem Mann, aber auch allein. Wieso sie es schade findet, dass "Selbstliebe" noch immer ein Tabu ist, erzählt sie in den "Stimmen".

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