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Sexualbegleiterin für Behinderte: "Ich bin Testpilotin, Vertraute und Wegbegleiterin "

  Edith Arnold, 26, lebt und arbeitet als selbstständige Sexualbegleiterin in Hamburg . Sexuelle Aufklärung, Beratung von Organisationen und die eigenständige Entwicklung ihrer Klienten sind ihre Schwerpunkte. Ein differenzierter Blick auf sexuelle Dienstleistungen ist ihr sehr wichtig. Ihr Leitsatz für die Arbeit als Sexualbegleiterin: "Happiness can exist only in acceptance." (George Orwell)

Sie hilft, Scham zu überwinden und mit Behinderung zu "sexperimentieren": Edith Arnold ist Sexualbegleiterin für Behinderte - und erzählt in der Leserkolumne "Stimmen", warum ihre Arbeit so wichtig ist.

Als Sexualbegleiterin arbeite ich größtenteils mit Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Behinderungen. Dabei richtet sich der Fokus auf die Entwicklung eines eigenen Körpergefühls, die Feststellung der eigenen Wünsche und das Sammeln von sexuellen Erfahrungen. Hierbei fungiere ich als Testpilotin, Vertraute und Wegbegleiterin zugleich. Ziel ist, dass der Klient eine eigenständige Sexualität entwickelt, um unabhängig und mit mehr Selbstvertrauen seine Lust umsetzen zu können.

Vielleicht ließ mich der integrative Kindergarten oder aber auch das Familienleben mit meiner Tante, die Trisomie 21 hat, weniger Hemmschwellen zu Menschen mit Behinderungen entwickeln. Es war aber konkret ein Bericht über die Sexualbegleiterin Catharina König, der mir zum ersten Mal das Thema "Sexualität mit Behinderung" näherbrachte. Nach meiner Ausbildung zur Schneiderin und dem Beginn eines Design-Studiums ließ mich dieser Aspekt des Lebens und die damit verbundene anspruchsvolle Arbeit nicht mehr los und ich begann zu recherchieren.

Wie mit Sexualität bei Menschen mit Behinderungen umgegangen wird, ist noch stark ausbaufähig. Scham und Unsicherheiten gibt es nicht nur bei den Betroffenen selbst, sondern auch bei den Leitungen von Einrichtungen und Organisationen. Lange lag dort das Augenmerk vorrangig auf der existentiellen Unterstützung. Ein strukturiertes Umfeld, Freizeitgestaltung und beispielsweise eine berufliche Beschäftigung sollten geboten werden. Der Pflegebedarf wurde festgestellt und die individuellen Bedürfnisse im besten Falle optimal betreut.

Die Entwicklung der eigenen Sexualität hat in diesem Rahmen allerdings wenig Raum und kann von den Betreuern der jeweiligen Träger kaum aktiv begleitet werden. Zum einen liegt das oft an der kirchlichen Leitung einer Einrichtung, zum anderen auch an mangelnden Möglichkeiten. Hier ist die Zusammenarbeit mit einem oder einer Sexualbegleiter/in möglich.

Sexualbegleitung ist keine neue Idee. Auch wenn weder der Bedarf noch das Berufsbild von der Öffentlichkeit bisher genug anerkannt werden, die alltägliche Umsetzung und Finanzierung noch nicht hinreichend sind. Schon vor siebzehn Jahren hat Nina de Vries als Sexualbegleiterin im weitesten Sinne gearbeitet. Sie bot zuerst sinnliche und erotische Berührungen an, aber als sich immer mehr Menschen mit körperlichen Behinderungen bei ihr meldeten, stellte sich heraus, dass dort ein großer Entwicklungsbedarf herrschte. Mittlerweile ist die Arbeit mit kognitiv behinderten Menschen ihr Schwerpunkt. Sie gilt dabei als eine der führenden Expertinnen und steht neuen Sexualbegleiter/innen wie mir, aber auch Einrichtungen oder Kongressen mit fundiertem Erfahrungsschatz zur Seite.

Es kann der Bewohner eines Pflegeheims, Behindertenheims oder aber auch das Personal einer Einrichtung sein, die sich an mich wenden. Oftmals geht es um erste sexuelle Erfahrungen. Wie riecht ein anderer Mensch? Wie fühlt er sich an? Was gefällt mir? Was gefällt meinem Gegenüber und wie erkenne ich es? Wie entsteht ein Moment von Nähe?

Aber auch Menschen, die keine Behinderung im klassischen Sinne haben, wenden sich an mich. Menschen, die noch wenig körperliche Erfahrung haben und sich scheuen, ein Bordell zu besuchen, oder aber auch Menschen, die extrem schüchtern sind, sich aber trotzdem nach Körperkontakt sehnen. Ich sage "Menschen" aus einem ganz bestimmten Grund: Mein Angebot richtet sich nicht nur an Männer, es richtet sich auch an Frauen. Natürlich ist aufgrund der vorwiegenden Heterosexualität hier weniger Bedarf, allerdings gibt es auch die Möglichkeit, dass ich beispielsweise einer Frau an mir zeige, wie sie sich selbst befriedigen kann. Denn obgleich die theoretische sexuelle Aufklärung in Wohnheimen durchaus vermittelt wird und die Bewohner zuweilen auch Pornos und Magazine konsumieren und/oder eine Partnerschaft untereinander führen, ist es vielen Klienten nicht möglich, ihre persönlichen Bedürfnisse in die Praxis aktiv umzusetzen. Auch ist es schwierig, einen nicht behinderten Partner in das Leben in einer Einrichtung einzubinden. Hauptsächlich wenden sich jedoch Männer an mich, die aufgrund einer körperlichen Behinderung Unsicherheiten verspüren, die erfahren möchten, wie sie ihre eigene Sexualität in ihren Alltag einbinden können: Was ist möglich trotz oder idealerweise genau mit meiner Behinderung? "Sexperimentieren" also.

Die dreigliedrige Hand als Logo, soll die Zusammenarbeit zwischen Organisation, Klient/in und Sexualbegleiter/in symbolisieren. Kissability ist eine Seite rund um Sexualität und Behinderung.

Am Anfang war ich von der Vielzahl der Interessenten überfordert. Mittlerweile kann ich alle Anfragen aufgreifen. Wenn sich ein Betreuer oder Angehöriger eines geistig behinderten Menschen an mich wendet, ist ein erstes Kennenlernen ratsam. Die Arbeit beginnt für mich allerdings schon vor dem ersten Treffen. Sich ein erstes Bild des Gegenübers machen, die aktuelle Situation erfassen, vielleicht schon erste Wünsche feststellen. Und sie endet in der Regel auch nicht nach dem Treffen. Der Ablauf wird festgehalten, reflektiert und ich ermittle, was noch möglich ist, wenn weitere Treffen vereinbart werden. Bei den Treffen kann alles passieren, was beiden Beteiligten Spaß macht. In meiner Arbeit als Sexualbegleiterin schließe ich nichts aus. Wobei ich auch Kolleginnen und Kollegen verstehen kann, die ihre Grenzen klar formulieren und zum Beispiel den Geschlechtsverkehr oder das Küssen ausschließen. Auch kommt es vor, dass bei der Sexualbegleitung eines kognitiv behinderten Klienten nicht die klassische Sexualität im Vordergrund steht, da manchmal schwer festzustellen ist, was aus eigenem Antrieb gewünscht wird. Übergriffe meinerseits müssen dabei grundsätzlich ausgeschlossen werden.

Es ist keine Prostitution mit Mehrwert, aber ich spiele auch niemandem den Orgasmus vor und biete bestimmte Services an. Für mich ist Sexualbegleitung eine authentische Begegnung zwischen zwei Menschen.

Kommentare (26)

Kommentare (26)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Liebe Edith,

    ich sag einfach mal du.

    Ich hab den Artikel gelesen und finde deine Arbeit wirklich toll. Ich hab als relaitv leicht behinderter Mann genug erleben müssen, dass Frauen eben vor solch relativ leichten Behinderungen sehr schnell abgeschreckt und verschreckt sind. Ich habe mal aus Neugierde versucht eine "Professionelle" zu finden, die sich eben nicht abwendet und weigert einen behinderten Menschen zu empfangen. Aber entweder wird man abgewimmelt oder es wird das gleich das doeppelte verlangt.



    Also jemanden zu wissen, der einem ohne Vorurteile begegnet, dies scheint mir schon wirklich bewundernswert zu sein. Man fühlt sich zeimlich bei dir als Mensch mit Bedürfnissen und Wünschen. Und nicht als "jemand" oder "etwas", was eben behindert und in den meisten Fällen von geringerem Wert geschätzt wird.



    Ich kann nur meinen Hut vor dir ziehen, liebe Edith. Sollte ich es mal einrichten können in Hamburg zu sein, würde ich mich gerne in deine zarten Hände begeben wolle
  • Anonymer User
    Anonymer User
    *anerkannt wird.



    Liebe Grüße,

    Edith

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Lieber Alexander, vielen Dank für dein Kommentar!



    Ich bestreite nicht, dass es sich um eine sexuelle Dienstleistung handelt. Jedoch möchte ich klar zum Ausdruck bringen, dass dies überhaupt nichts Schlechtes bedeuten muss.



    Es ist ein Angebot, welches ich auch klar für Menschen ohne körperliche und/oder geistige Behinderungen anbiete. Aber es beinhaltet eben auch die Arbeit mit Einrichtungen, Familienangehörigen und Betreuern.



    In meiner Arbeit spielt der Fetisch für Behinderungen keine Rolle. Ich möchte den Menschen im Vordergrund sehen, mal mit und mal ohne die Behinderung.



    Es zu einem Ehrenamt zu machen suggeriert meines Erachtens dem Klienten mit Behinderung, dafür dankbar sein zu „müssen“. Und das empfinde ich als falsch.

    Es ist eine Dienstleitung, die jemand selbstbestimmt in Anspruch nehmen darf.

    Ich freue mich, wenn meine Arbeit irgendwann überflüssig wird und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen endlich gänzlich a
  • Anonymer User
    Anonymer User
    in meinen Augen ist es nichts anderes als das was eine Prostituierte macht, egal ob mit oder ohne vorspiel(n). Man könnte sogar meinen, das es eine Art von Fetisch ist wenn man eine Person mit "geistig" order "körperlich" benachteiligt haben möchte.

    Man könnte es aus dem Aspekt betrachten wenn es ehrenamtlich so durchgeführt würde, wird es aber mit Sicherheit nicht.

  • Anonymer User
    Anonymer User
    b)



    Für mich ist die Sexualität in der Partnerschaft immer noch ganz anders, als die Sexualität mit meinem Klienten.

    Das eine oder andere ist nicht besser oder schlechter, es ist einfach anders.

    In der Beziehung ist es vielleicht privater, vertrauter und intimer. Und im besten Falle gespickt mit viel Gefühl und Liebe.



    Für den Klienten stellt sich vielmehr die Frage, sammle ich Erfahrungen mittels einer Dienstleistung oder sammle ich (meist erst später) Erfahrung mit meiner Partnerin. Für viele dient mein Angebot auch einfach der Selbstsicherheit.

    Zu wissen, was man kann und was man mit der eigenen Behinderung anders machen muss, schafft Erfahrungswerte und nimmt Befangenheit. Man ist somit etwas freier von den Ängsten nicht zu genügen und kann herausfinden, was einem gefällt.



    In der Hoffnung, deine Frage zumindest ansatzweise beantwortet zu haben,



    Edith

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