Soziale Berufe - wo bleibt die Wertschätzung?

Kindergärtnerin, Altenpflegerin, Krankenschwester: Wer sich um andere Menschen kümmert, bekommt kaum Geld und wenig Anerkennung. Ein Unding, findet Kerstin Hentschel, selbst Sozialarbeiterin.

Anerkennung: Kerstin Hentschel, 58, ist Diplom-Biologin, Diplom-Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin.  Sie arbeitet mit meist psychisch kranken Erwachsenen, eine Arbeit, die ihr Spaß macht, weil sie anspruchsvoll und herausfordernd ist und man viel Verantwortung für das Wohlergehen seiner Klienten trägt.

Kerstin Hentschel, 58, ist Diplom-Biologin, Diplom-Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin. Sie arbeitet mit meist psychisch kranken Erwachsenen, eine Arbeit, die ihr Spaß macht, weil sie anspruchsvoll und herausfordernd ist und man viel Verantwortung für das Wohlergehen seiner Klienten trägt.

Was mich immer wieder umtreibt: Warum wird die Arbeit mit Menschen so wenig anerkannt? Einerseits in der Öffentlichkeit, wo Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Erzieherinnen, Altenpfleger nie im Ranking der wertgeschätzten Berufen auftauchen, andererseits im persönlichen Arbeitsumfeld, in dem ich es selbst erlebe.

Ich arbeite mit schwierigen, kranken Menschen, aber mit ihnen komme ich meist gut klar. Wirklich schwierig ist oft das Umfeld - die Angehörigen, die Institutionen, bei denen eine große Erwartungshaltung herrscht. Wenn man die nicht erfüllt, gibt es Ärger.

Ein Beispiel: Ich sollte einen Heimbewohner zum Arzt fahren. Das ist eigentlich Heimsache, aber da auch dort gespart wird, wo es nur geht, wurde ich gefragt. Ich kriege aber für meine Arbeit mit einem Klienten nur zwei Stunden im Monat bezahlt. Bei einmal zum Arzt fahren, arbeite ich den Rest des Monats umsonst. Das wissen die wenigsten - und schnell heißt es wieder, die Betreuer würden nichts leisten.

Sozialarbeiter sollen es richten - ohne Widerrede

Gern tragen mir auch Krankenhäuser auf: Bringen Sie mal Wäsche vorbei. Natürlich ist es nicht schön, wenn jemand als Notfall im Krankenhaus aufgenommen wird und keine Kleidung dabei hat - viele haben keine Angehörigen, die sich darum kümmern könnten. Ich bin dafür nicht zuständig, aber es wird erwartet, dass Sozialarbeiter alles machen und das sofort. Alles für wenig Bezahlung - unter den Akademikern sind Sozialarbeiter die Niedrigverdiener.

Ich habe mühsam gelernt, mich gegen diese Erwartungshaltung und den Druck zu stemmen. Leider gehörte diese Fähigkeit auch bei mir nicht zur Grundausstattung.

Wenn ich Altenpflegerinnen sehe - ich habe im Studium selbst im Altenheim gejobbt - weiß ich, wie anstrengend diese Arbeit physisch und psychisch ist. Fast täglich sieht man die Mühsal des Alters und den Tod, erlebt, dass das Leben nicht immer schön endet, dass die Kinder nicht mehr vorbeischauen, obwohl man selbst die Bewohner total nett findet.

Die Einsamkeit, die Rufe der Verwirrten, die unschönen Gerüche, das schwere Lagern der Bettlägerigen, das Wuchten in den Rollstuhl, das Behandeln von offenen Wunden am Fuß.

Ich selbst sah einen Dekubitus am Rücken (ein Geschwür durch Liegen - die Red.), der war so tief, das man die Wirbelsäule sehen konnte. Das konnte ich kaum ertragen. Andere Dinge, die ich gesehen oder erlebt habe, kann ich hier nicht aufschreiben, weil das soweit weg ist von dem, was wir für die Normalität halten, und doch ist es Teil des Lebens. All das, was in unserer Gesellschaft ausgelagert wird, Alter, Krankheit und Tod, all das erlebt man im Seniorenheim.

Hinzu kommt der Schichtdienst und das quasi nicht existente Renommee. Wovon vieles auch für Krankenschwestern und Kindergärtnerinnen gilt.

Wir alle können krank und pflegebedürftig werden

Ich kenne die Antworten: So ist eben der Kapitalismus, da werden und Maschinen höher bewertet. Oder: Das ist alles Frauenarbeit und die Welt wird von Männern gemacht. Heißt das etwa, die Männer sind alle doof? Sie können doch auch krank oder pflegebedürftig werden. Gerade wenn sie so viel arbeiten. Schlaganfall, zack, morgen schon im Pflegeheim.

Wissen die Gesunden nicht, wie dünn die Grenze ist und wie schnell sie wegbrechen kann? Die Zahl der psychisch Kranken steigt unaufhörlich, die Demenz wartet schon auf uns, weil wir so alt werden.

Wollen wir, wenn es soweit ist, dann nicht lieber gut ausgebildete und gut bezahlte Pflegekräfte, die ihre Arbeit gerne machen? Wollen wir unsere Kinder nicht Erzieherinnen anvertrauen, die stolz auf sich sind, weil ihre Arbeit anerkannt und gut bezahlt ist? Wollen wir unsere Eltern und später uns selbst nicht lieber jemandem anvertrauen, dessen Arbeit wertgeschätzt wird und bei dem sich dies auch finanziell ausdrückt?

Soziale Berufe gründen auf Selbstausbeutung

Warum verdient jemand, der ein deutsches Auto zusammenschraubt, so viel mehr als jemand, der einen hilflosen Menschen füttert? Sind wir uns so wenig wert? Was nützt die deutsche Ingenieurskunst, mit der so viel Geld verdient wird, wenn wir krank oder alt oder beides sind?

Es nützt doch nichts, das immer zu verdrängen, Alter und Tod warten doch auf uns alle, auch Krankheit vielleicht, und dann brauchen wir Hilfe.

Es kann doch nicht sein, dass pflegerische und pädagogische Berufe auf Selbstausbeutung gründen. Wer hat das größte Burnout-Risiko? Pflegekräfte und Sozialarbeiter. Bei der Bezahlung ein Skandal, finde ich.

Was ich mit diesem Artikel bewirken möchte? Aufmerksam machen, sensibilisieren und Mitstreiter finden. Wo man am besten ansetzt und welche Lösungen es geben kann, weiß ich leider auch (noch) nicht. Vielleicht weiß die Leserin mehr?

Teaserfoto: Vine/Blend Images/Corbis

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