Steffi von Wolff: "Warum können die Leute sich nicht entschuldigen!?"

Steffi von Wolff

Bestsellerautorin Steffi von Wolff wundert sich: Kann heutzutage eigentlich niemand mehr einen Fehler eingestehen?

Die Schuld von sich schieben - das tun fast alle

Erst gestern wieder: „Entschuldigen Sie, es tut mir leid.“ Die Frau beim Edeka sah mich an, als hätte ich „Hau ab, du Sau“ oder so was gesagt. Ich war ihr mit dem Einkaufswagen in die Hacken gefahren. Natürlich hätte ich auch sagen können: „Wieso sind Sie denn nicht vorgegangen?“ oder „Sie standen schließlich im Weg“, und hätte somit das getan, was der Großteil der Menschen tut: Die Schuld von sich zu schieben.

Es ist ein Phänomen, das, so finde ich, mit den Jahren immer schlimmer geworden ist. Egal bei was.

Letztens auf der Autobahn: Auf der linken Spur zuckelt ein Golf mit 90 vor mir her, ich blinke irgendwann auf, weil sich hinter mir schon eine Schlange gebildet hat, und ich will auch nicht rechts überholen, weil man das ja nicht darf. Irgendwann wacht der Fahrer vor mir auf, fährt rechts rüber, ich fahr vorbei und er zeigt mir den Stinkefinger.

Genauso beim Radfahren: Ich fahre auf dem Radweg entlang und da stehen zwei Mütter mit ihren Kindern, ich klingle und werde angeblafft, anstatt dass die einfach vom Radweg runtergehen. Was bitte, ist so schlimm daran, zu sagen: „Tut mir leid, Sie haben recht“ oder einfach nur „Entschuldigung“?

Denken die Leute, sie machen sich angreifbar?

Denken die Leute, sie machen sich angreifbar oder werden nicht ernstgenommen, wenn sie zugeben, einen Fehler gemacht zu haben? Fehler macht man nun mal und anstatt sie einzusehen, wird noch dämlich contra gegeben. Eine völlig überflüssige Rechtfertigungshaltung.

Ich mache mir – so traurig das eigentlich ist – mittlerweile einen Spaß daraus, höflich zu sein, Türen aufzuhalten und „Entschuldigung“ oder „Sie haben recht“ zu sagen, allein schon wegen der Reaktionen. Ich habe das Gefühl, manche Menschen kämen mit einer Ohrfeige besser klar als mit einem lächelnden um Vergebung bitten.

Ich entschuldigte mich für IHR Missgeschick

Gut, manchmal muss ich mich sehr in Toleranz üben. Wenn einer Frau, die den Ehrgeiz hat, 19 Hipp-Gläser auf den Armen zu balancieren, zwei runterfallen (natürlich Karotte), zerspringen und mir der Inhalt an die Hosenbeine klatscht, muss ich durchatmen. Noch unschöner ist es allerdings, wenn die Frau dann sagt: „Tja, glauben Sie mal nicht, dass ich mich dafür entschuldige, da können Sie sich beim Herrn Hipp beschweren, der hätte ja schon längst bruchsichere Gläschen herstellen können.“

Und damit nicht genug. Ich: „Äh, aber meine Hose ist verdreckt, ich dachte, Sie könnten mir vielleicht die Reinigung …“ Sie: „Diese Hose kann man bestimmt in der Maschine waschen.“ Bäm. Nicht schön. Ich hätte natürlich „Entschuldigung, es tut mir leid, Sie haben recht“, sagen können. Oder Herrn Hipp schreiben. Ein Marktmitarbeiter kam, um die Scherben aufzusammeln und den Möhrenbrei aufzuwischen. Die Frau entschuldigte sich nicht. Ich sagte: „Entschuldigung, es tut mir leid“, weil ich mich so für die Frau schämte.

Ich weiß nicht – war es früher anders, besser? Oder verklärt man die Vergangenheit? Meine Oma sagte bei allen möglichen Gelegenheiten: „Wie sagt man?“ Und man sagte „bitte“, „danke“ oder eben „Entschuldigung.“ Und das war auch gar nicht schlimm.

Letztens fuhr ich mit dem Fahrrad auf dem Gehweg (ich weiß, das macht man nicht, aber die Straße ist da so holprig) und mir kam eine Frau, auch radfahrend, entgegen. Wir kamen uns näher und näher und auf einmal blaffte sie mich an: „Das ist ja wohl das letzte, das ist hier kein Radweg!“ und fuhr wütend weiter.

Äh. Tschuldigung.

Steffi von Wolff: "Später hat längst begonnen"

Die Autorin: Steffi von Wolff war lange Jahre beim Radio, bevor sie 2003 ihren ersten Roman herausbrachte. Ihr neuestes Werk heißt "Später hat längst begonnen"; darin geht es um zwei Frauen, die es zusammen nochmal richtig krachen lassen, bevor das Unabänderliche passiert.

selbst lässt es mittlerweile fast nur noch beim Schreiben krachen. Sie ist am liebsten daheim und macht es sich gemütlich mit Rotwein, einem leckeren Essen - und einer schönen Serie!

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