Steffi von Wolff: "Warum ich den Paketboten töten möchte"

Steffi von Wolff

Bestsellerautorin Steffi von Wolff über den Fluch des modernen Lebens: Das sinnlose Warten auf den Paketboten.  

Manisch kontrolliere ich den Sendungsstatus 

Der Satz: „Die Sendung wurde in das Zustellfahrzeug geladen. Sie wird dem Empfänger voraussichtlich heute zugestellt“ verursacht bei mir Herzrasen. Weil ich weiß, dass es mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit wieder nicht funktionieren wird. Weil der Auslieferer nicht ausliefert.

Die Bezeichnung „Aufkleber“ für die Auslieferer wäre treffender. Es ist leider so: Immer kleben an der Haustür Abholzettel, obwohl ich nachweislich zu Hause war und bin und meine Klingel funktionierte, was ich natürlich mehrfach überprüft habe. Nachbarn waren und sind auch daheim. Aber niemand klingelt bei mir. Niemand. Ich sitze teilweise manisch und mit irrem Blick da und kontrolliere den Sendungsstatus.

Bei einem Unternehmen ist es besonders grausam: Da kann man online das verfolgen. Ich sehe also den Wagen auf dem Monitor herumgurken, er kommt näher und näher, biegt in unsere Straße ein, ich frohlocke und freue mich auf die neuen Klamotten, aber wenn sich an der Haustür nichts tut und ich zwei Minuten später auf „Aktualisieren“ klicke und sehe, dass das Fahrzeug sich von meiner Straße wieder entfernt hat, bin ich willig zu töten.

Dann kommt irgendwann die Mail, dass die Sendung leider nicht zugestellt werden konnte und ein weiterer Zustellversuch unternommen wird, und wenn das nicht klappt, wird die Sendung in irgendeinen entfernten Paketshop gebracht, zu dem ich dann hinbuckeln kann.

Ich bin immer daheim. Immer.

Ich weiß, dass „Paketzusteller“ kein Traumjob ist, und dass er undankbar ist, weil die wenigsten Kunden Trinkgeld geben, auch wenn sechs Pakete in den fünften Stock getragen werden mussten. Aber es ist einfach nervig, wenn man daheim ist und wartet und dann nur so ein Scheißzettel unten klebt. Mann!

Unfassbar, wieviel Macht so ein Paketbote hat, wenn man auf was wartet.

Ja, ich könnte an eine Packstation oder direkt in einen Paketshop liefern lassen, das stimmt. Aber ich bin bockig. Ich bezahle ja fürs Zustellen. Vielleicht ist das ein beginnender Altersstarrsinn, wer weiß das schon.

Ich bin tagsüber immer zu Hause. Ich bin immer zu Hause. Ich kann Pakete annehmen. Bringt mir meine Pakete, ich warte auf sieben. Ich will sie haben und keine Zettel.

GEBT! SIE! MIR!

Es klingelt.

ES. KLINGELT!

Ich erwarte niemanden außer den Paketboten. Ich werde freundlich sein. Nicht meckern, weil es so lange gedauert hat. Er bringt mir die heiß ersehnte Ware. Himmel, ich fühle mich ja schon wie ein Drogendealer.

„Ich habe hier sieben Pakete“, sagt der Auslieferer und ich bin versöhnt und kurz davor, ihm einen Kuchen zu backen. 

„Klasse“, sage ich froh und unterschreibe. Das Leben ist schön.

Das Leben ist nicht mehr schön, nachdem ich feststelle, dass keins der Pakete für mich ist.

„Äh, ich erwarte auch Pakete.“ Er nickt. „Ich weiß. Aber das schaffe ich heute nicht mehr. Ich hab die in die Filiale gebracht.“

Er reicht mir ein Bündel gelber Abholscheine. „Ab morgen Nachmittag können Sie die abholen.“ Ich starre ihn an. „Ach noch was“, er strahlt. „Ich hab Sie mal als Wunschnachbar fürs Haus angegeben. Sie sind ja immer da. Schönen Tag noch.“

Er dreht sich um und rast die Treppe runter. Sehr klug. Mit einem Messer im Rücken wäre das nicht mehr so gut gegangen.

Steffi von Wolff: "Später hat längst begonnen"

Die AutorinSteffi von Wolff war lange Jahre beim Radio, bevor sie 2003 ihren ersten Roman herausbrachte. Ihr neuestes Werk heißt "Später hat längst begonnen"; darin geht es um zwei Frauen, die es zusammen nochmal richtig krachen lassen, bevor das Unabänderliche passiert.

Steffi von Wolff selbst lässt es mittlerweile fast nur noch beim Schreiben krachen. Sie ist am liebsten daheim und macht es sich gemütlich mit Rotwein, einem leckeren Essen - und einer schönen Serie!

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