"Haare sind nicht die Persönlichkeit!"

Was bedeutet es für eine Frau, wenn ihr plötzlich die Haare ausfallen? Wie geht sie mit der Situation am besten um? BRIGITTE.de hat bei Uwe Gieler nachgefragt, Professor für Dermatologie und Psychosomatik.

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BRIGITTE.de: Haare sind vor allem für Frauen ein wichtiges Schönheitsmerkmal. Was geht in einer Frau vor, wenn die Haare ausfallen?

Professor Gieler: Fast jede Frau erlebt Haarverlust als Katastrophe. Die Haare werden als Merkmal für Weiblichkeit, Schönheit, Selbstbewusstsein und sexuelle Potenz wahrgenommen und kaum eine Frau kann sich diesem gesellschaftlichen Anspruch entziehen. Der Haarausfall – gleich welcher Ursache – wird von der Frau deshalb auch immer als Verlust der Attraktivität gesehen.

Jede dritte oder vierte Betroffene hat mit deutlichen psychischen Problemen zu kämpfen. Diese Frauen kommen mit der Veränderung nicht zurecht und reagieren mit sozialem Rückzug. Sie sind zum Teil gar nicht mehr arbeitsfähig. Das geht bis hin zu Selbstmordgedanken.

Auffällig ist, dass es keinerlei Zusammenhang gibt zwischen der Schwere des Haarausfalls und der Art der Verarbeitung. Jenny Latz ist das beste Beispiel dafür, dass es selbst bei einem Leben ohne Haare keine Einschränkungen geben muss. Andere trauen sich schon nicht mehr auf die Straße, weil ihnen an zwei, drei Stellen am Kopf die Haare ausgefallen sind, manchmal noch nicht mal für die Umgebung wahrnehmbar.

BRIGITTE.de: Die niedergelassenen Ärzte sind in der Regel die erste Anlaufstelle für Betroffene. Wie gehen sie mit dem Thema um?

Professor Gieler: Die Ärzte allgemein gehen zu wenig auf die psychosozialen Konflikte ein, die der Haarausfall mit sich bringt. Patientinnen erzählen mir oft, dass sie nie gefragt wurden, wie sie mit der Situation fertig würden. Wenn ich diese Frage stelle, fangen viele an zu weinen.

BRIGITTE.de: Ist ein Dermatologe in so einer Situation nicht überfordert?

Professor Gieler: Nein. Jeder Arzt hat in seinem Studium einen Psychosomatik-Kurs gemacht. Er muss wissen, welche Lebenskonflikte eine solche Erkrankung mit sich bringen kann. Und er muss eine Depression diagnostizieren können. Niemand erwartet, dass er sie selbst behandelt. Aber er kann zumindest begleitende Therapien empfehlen - beim Psychotherapeuten oder in einer Klinik. Auch Selbsthilfegruppen sind eine gute Anlaufstelle.

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  • Interview: Monika Herbst
    Foto: privat
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