"Haare sind nicht die Persönlichkeit!"

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BRIGITTE.de: Die Ärzte sind ja nicht die einzigen Ansprechpartner. Wie gehe ich selbst mit dem Thema Haarausfall um - zum Beispiel gegenüber Bekannten und Kollegen?

Professor Gieler: Wichtig ist ein möglichst offener und selbstbewusster Umgang damit. Am besten legt man sich einen Satz zurecht. Wenn jemand guckt, sagt man zum Beispiel: "Du hast wahrscheinlich gerade gesehen, dass ich Haarausfall habe. Der Arzt hat gesagt, das ist…" Danach wartet man einfach ab, wie der andere reagiert. Viele Menschen haben einfach Scheu, von sich aus nachzufragen. In der Regel hat das Umfeld damit aber weniger ein Problem als der Betroffene.

Aufklärung ist wichtig. Viele Leute denken nach wie vor, dass Haarausfall ansteckend ist oder die Folge einer Chemotherapie bei Krebs. Tatsächlich ist nur etwa ein Prozent der Haarerkrankungen infektiös. Es handelt sich dann um seltene, meist tropische Pilzkrankheit.

Allerdings sollte man auch ein Gespür dafür entwickeln, mit wem man besser nicht über das Thema spricht. Hat eine Frau mit Perücke zum Beispiel eine Bekannte, von der sie weiß, dass diese Haarausfall ganz eklig findet, sollte man das Thema besser meiden.

BRIGITTE.de: Die Universität des Saarlandes zeigte für eine Untersuchung Männer mit Glatze und mit Toupet. Die Männer mit Toupet wurden fast durchgehend als attraktiver eingestuft. Kein sehr ermunterndes Ergebnis - zumal bei Frauen Haare ja noch eine größere Rolle spielen.

Professor Gieler: Gesichter mit Haaren werden auf den ersten Blick attraktiver eingeschätzt als Gesichter ohne Haare, das stimmt. Im täglichen Umgang spielt das aber in der Regel keine Rolle. Auch der Partner hat normalerweise kaum Probleme mit dem Haarausfall der Partnerin, das ergab eine repräsentative Umfrage, die wir zusammen mit dem Deutschen Grünen Kreuz durchführten.

BRIGITTE.de: Wann ist dennoch eine Perücke sinnvoll?

Professor Gieler: Das hängt vom Schweregrad des Haarausfalls ab. Wenn bei einer Patientin mehr als 60 Prozent der Haare ausgefallen sind, spreche ich sie auf das Thema an. Es gibt mittlerweile qualitativ sehr hochwertigen Haarersatz, viele Leute kommen damit hervorragend zurecht.

BRIGITTE.de: Wie kann man trotz Haarausfall ein selbstbewusstes Leben führen?

Professor Gieler: Nach einer medizinischen Abklärung sollte man sich bei allen Formen des Haarausfalls klar machen, dass Haare nicht die Persönlichkeit bedeuten. Nach dem ersten Schock kommen die meisten Frauen gut mit der äußerlichen Veränderung zurecht. Nur bei bereits schlummernden Konflikten können sich Probleme ergeben, aber auch die sind heute recht gut behandelbar und es gibt genügend Psychotherapeuten, die mit dem Thema vertraut sind. Menschen wie Jenny Latz sind ein Beispiel dafür, dass der Haarverlust keinerlei Bedeutung für das Leben als Frau haben muss.

Professor Uwe Gieler

Professor Uwe Gieler

Zur Person:

Uwe Gieler ist Professor für Dermatologie und Psychosomatik. Die Psychosomatik beschäftigt sich mit der Wechselbeziehung zwischen seelischen, körperlichen und sozialen Vorgängen. Forschungsfragen sind zum Beispiel, inwiefern Stress körperliche Reaktionen (zum Beispiel Haarausfall, Neurodermitis) beeinflusst, und wie ein Patient solche Krankheiten seelisch verarbeitet.

Als Facharzt für Dermatologie früher an der Universitäts-Hautklinik Marburg und jetzt in der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Gießen und Marburg behandelt er häufig Patienten mit Haarausfall - die Klinik hat sich vor allem mit der Behandlung des so genannten kreisrunden Haarausfalls (Alopecia Areata) einen Namen gemacht.

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  • Artikel vom 20.09.2006
  • Interview: Monika Herbst
    Foto: privat
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