Neues in Sachen Botox

Jungbrunnen oder Teufelszeug für Körper und Seele? Der aktuelle Botox-Forschungsstand im Überblick.

Wohl kaum ein Wirkstoff löst so viele Debatten, Fantasien und Mythen aus wie Botulinumtoxin A - Botox ist nur sein Handelsname. Dabei ist er medizinisch bestens erforscht, wird er doch in der Neurologie schon seit mehr als 30 Jahren angewendet - bei Schielen, andauernden Muskelkrämpfen, aber auch bei übermäßigem Schwitzen. Als Kosmetikum wurde er vor 20 Jahren entdeckt; ganz frisch ist die Zulassung als Therapie bei chronischer Migräne.

Botulinumtoxin ist ein (Nerven-)Gift, ein Eiweiß, das von bestimmten Bakterien ausgeschieden wird, die zum Beispiel in verdorbener Wurst vorkommen. Daher hat der Stoff auch seinen Namen, von botulus, lateinisch für "Wurst". Bei Lebensmittelvergiftungen blockiert er die Verbindung von den Nervenzellen zu den Muskeln - was im schlimmsten Fall zum Ersticken führt. Doch eben diese muskellähmende Wirkung macht es so (ent-)spannend für die Schönheitsindustrie: weniger Muskelkontraktionen gleich weniger Mimik - weniger Mimik gleich weniger Falten.

Ein Gift gegen das Altern? Ist das nicht gefährlich?

Zahlreiche Ärzte halten das für Unsinn. Wie Dr. Boris Sommer, Hautarzt und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische BotulinumTherapie (DGBT): "Nach heutigem Stand wird das Mittel nach einigen Monaten vollständig wieder abgebaut und lagert sich auch nirgends im Körper ab." Das gilt gleichzeitig auch für das spezielle Transport-Eiweiß, welches das Botulinum umhüllt. Nebenwirkungen entstünden durch Anwendungsfehler: "Wenn ich es an die falsche Stelle spritze oder falsch dosiere, hängt die Braue, statt dass sie angehoben wird", so der Experte. Für Sommer ist das eine Frage der richtigen Ausbildung, weshalb er empfiehlt, sich nur bei erfahrenen Ärzten behandeln zu lassen. Auf www.dgbt. de kann man nach Medizinern suchen, die Mitglied bei der Gesellschaft sind und zertifiziert wurden. Auch Berichte über fälschlich als Allergie bezeichnete Abwehrreaktionen des Immunsystems (auf das Transporteiweiß) kann Dr. Boris Sommer relativieren: "Wir haben bei Millionen ästhetischen Anwendungen sehr wenige solcher Fälle." Von einem Prozent ist die Rede - bei denen die muskelblockierende Wirkung einfach überhaupt nicht eintritt. Problematisch würde das, wenn diese Menschen anschließend neurologisch mit Botulinumtoxin behandelt werden müssten.

Vielversprechend scheinen besonders "reine" Präparate (wie zum Beispiel Bocouture oder Xeomin), die das Eiweiß in Reinform bzw. besonders wenig umhüllendes Eiweiß enthalten. Kosmetikwissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Kerscher von der Uni Hamburg befürwortet dies: "Das Immunsystem muss sich mit jedem körperfremden Protein beschäftigen, und das sollte man so weit wie möglich reduzieren." Dem widerspricht Botox-Experte Boris Sommer: Im amerikanischen Zulassungsverfahren habe es trotzdem eine Antikörper-Bildung gegeben, vermutlich nicht auf die Hülle, sondern auf das Toxin selbst.

Und was "macht" Botox eigentlich mit unserer Psyche?

Auch hier gibt es gute und schlechte Nachrichten. Der amerikanische Psychologe David Neal etwa verglich Frauen, denen das Nervengift injiziert worden war, mit solchen, die ihre Falten mit einem Filler hatten unterspritzen lassen, ihre Gesichtsmuskeln also noch bewegen konnten. Beide Gruppen sollten anhand der Augenpartie auf Fotos deuten, in welcher Gefühlslage sich die jeweilige Person befand. Die BotoxAnwenderinnen waren schlechter in der Lage, Mimik und Emotion zu verstehen. "Wir gehen davon aus, dass wir unbewusst den Gesichtsausdruck unseres Gegenübers nachahmen und so besser begreifen, welche emotionale Botschaft er damit rüberbringen will", erklärt Neal. Botox verhindere diese Imitation.

Dass Botulinumtoxin sogar unglücklich machen kann, zeigt eine britische Studie. Die Forscher befragten Frauen, die sich die Partie um den Mund herum hatten behandeln lassen und weniger lächeln konnten. Diese Personen hatten Anzeichen einer Depression. Und einige Ärzte vermuten seelische Abhängigkeiten: Botox-Anwender könnten ein gestörtes Verhältnis zum Altern entwickeln, sich ohne faltenfreie Stirn oder geglättete Mundwinkel unattraktiv fühlen. Für den Kölner Psychologen Ulrich M. Schmitz ist der Falten-Killer dagegen eher wie ein Genussmittel, wie Rotwein: "Ein Glas davon täglich schadet nicht, eine ganze Flasche schon."

Erstaunlich Positives ergab eine Studie der Universitäten Basel und Hannover

Untersucht wurden depressive Patienten, bei denen Medikamente nicht gut wirkten. Bei ihnen legte man die Zornesfalte lahm; schon nach zwei Wochen waren sie weniger depressiv, nach sechs Wochen hatten sich bei über der Hälfte der Teilnehmer die Symptome deutlich gebessert. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen zwei Untersuchungen, die Forscherin Martina Kerscher 2012 und 2013 bei Botox-Nutzerinnen durchführte: "Die Frauen fühlten sich entspannter, weniger gestresst und zufriedener." Interessant ist dabei, dass dieses Gefühl schon eine Woche nach der Behandlung einsetzte und auch sechs Monate danach noch anhielt - also zu Zeitpunkten, an denen das Mittel noch nicht richtig oder kaum noch wirkte.

Wahrscheinlich ist es mit Botox so, wie es die US-Schauspielerin und bekennende Nutzerin Courteney Cox ("Friends", "Cougar Town") formuliert hat: "Ich denke, es ist fantastisch und schrecklich zugleich."

Text: Markus BrüggeIllustration: Blagovesta Bakardjieva/Carolineseidler.com BRIGITTE 05/2014

Wer hier schreibt:

Markus Brügge

Kommentare (2)

Kommentare (2)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Natürlich beschränkt sich die Attraktivität nicht nur auf das Aussehen. Dazu gehört auch die soziale Kompetenz, das Charisma usw. Wir werden aber gerne nach dem ersten Blick beurteilt und da spielt das Aussehen eine große Rolle. Nach den neuesten Studien z.B verdienen die schlanken Frauen signifikant mehr als die dickeren. Und das ist nur eine der Studien, die die Bedeutung der Attraktivität hervorhebt. Das kann man gut finden oder nicht, es lässt sich trotzdem nicht aus der Welt schaffen. Aber man kannn viel dafür tun, dass der "zweite Blick" positiv ausfällt und dass man seine Vorzüge anbringen kann. An sich arbeiten, heißt das Motto. Auf der Dauer werden die interessanteren Menschen gewinnen!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Der letzte Satz dieses Artikels mag stimmen. Ich finde es eher schrecklich. Auch ich stehe in der Öffentlichkeit, aber stehe zu meinem Alter, weil ich mich mag und genau das ausstrahle! Dafür danke ich meienr Seele und der Natur.

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