Intim-Waxing: Nackte Tatsachen

BRIGITTE-Redakteurin Kristina Maroldt hat ein Intim-Waxing gewagt - und sich dabei gleich auf einen Trip durch die Kulturgeschichte der Enthaarung begeben.

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Nein, es war keine Wette. Ich wurde dazu auch nicht von meinem Freund genötigt. Und: Ich plane keinesfalls, den Sommer ausschließlich im bindfadenschmalen String-Bikini zu verbringen. Der Grund, weshalb ich trotzdem hier liege, in einem Hinterhofladen in Berlin Mitte, unter mir kaltes Papier, über mir noch kälteres Neonlicht und vor mir das erste Intim-Waxing meines Lebens, lautet: Neugier. Was ist dran am aktuellen Nacktschneckentrend? Warum wollen plötzlich so viele Menschen keine Haare mehr am Körper haben, noch nicht mal an Stellen, die außer ihnen nur ausgewählte Personen zu Gesicht bekommen? Fühlt sich das Resultat wirklich so fantastisch an, wie manche B-Liga-Promis uns weismachen wollen? Und vor allem: Wie sehr schmerzt so ein Kahlschlag namens Intim-Waxing tatsächlich?

Um das herauszufinden, bin ich heute hier, in einem der bisher noch sehr raren Waxing-Studios Deutschlands. Wo sich zwischen hippen Sitzmöbeln, Orchideen-Arrangements und Retro-Wandspiegeln trendbewusste Großstädterinnen nach brasilianischem Vorbild mit heißem Bienenwachs die Körperhaare rupfen lassen: vom Damenbart bis zur Beinbehaarung, von den Achseln bis zum Intimbereich. Das Motto dieser schönen neuen - vor allem aber glatten - Welt prangt in roten Lettern an der Wand des Warteraums: "Haare sind ein Schmuck, aber nur an der richtigen Stelle."

Kühn, wie Anfänger nun mal sind, habe ich mich gleich fürs große Ganze entschieden. Kein Pillepalle wie "Triangle" (Haardreieck auf dem Schambein) oder "Landing Strip" (schmaler Haarstreifen). Mein an der Rezeption diskret gehauchter Wunsch lautete: "Brazilian Hollywood Cut". Die "Untenrum-gar-nix-mehr"-Variante beim Intim-Waxing. Für mich, die schon beim Brauenzupfen ernsthaft mit den Tränen kämpft, eine richtige Mutprobe. Die ich mittlerweile fast bereue. Weil mir natürlich just beim Entkleiden eine frühe Folge aus "Sex and the City" eingefallen ist, in der die Heldinnen Carrie und Charlotte ein Intim-Waxing buchen: Heißes Wachs floss damals über empfindlichste Körperstellen, Haarwurzeln wurden brutal ausgehebelt, eine der Protagonistinnen schrie. Das Studio, in dem ich heute liege, heißt "Wax in the City". Ich habe Angst.

Es hilft nicht einmal, dass ich mich bestens informiert ins Abenteuer stürze: Erfahrungsberichte, kosmetische Ratgeber, kulturhistorische Abhandlungen, Menschen, die ihr Leben der Erforschung unserer Achsel-, Bein- und Schambehaarung widmen - ich habe sie alle konsultiert. Und dabei vor allem eines gelernt: Der aktuelle Trend zur Blöße ist überhaupt nichts Neues. Weder bei Frauen noch bei Männern. Oder haben Sie jemals eine römische Kriegerstatue gesehen, der der Achselpelz unter der Tunika hervorquoll? Oder eine steinerne Aphrodite gar mit Stoppeln an den Beinen? Glatt rasierte Beine und Genitalien bei Frauen und gestutzte Bart- und Achselhaare bei Männern waren nicht nur das Schönheits-Muss im alten Ägypten, sondern auch im antiken Rom und Griechenland. Zumindest in der Oberschicht. Für Sklaven und "Barbaren" galten andere Regeln. Teilweise waren die aber sogar noch rigoroser: Bei den sonst so wilden Kelten etwa musste vom Hals abwärts der gesamte Körper babypopoglatt sein - bei beiden Geschlechtern. Warum? Man wollte sich unbewusst absetzen von allem Tierischen, Unzivilisierten, Ungezügelten, vermuten die Anthropologen. Schließlich tragen unsere nächsten Verwandten, die Affen, am ganzen Körper Haare. Und von dieser animalischen Vergangenheit wollte selbst der animalischste keltische Krieger mit aller Kraft weg. In den wasserknappen orientalischen Ländern, die das Schönheitsideal des glatten Körpers bald übernahmen und perfektionierten, kam noch ein weiterer Grund hinzu: die Hygiene. Je weniger Haare, desto weniger Raum für Bakterien ...

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  • Text:Kristina Maroldt
    Fotos: PhotoAlto
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