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Sniffapalooza: Schnüffeln für Fortgeschrittene

"Sniffapalooza" - so nennt sich die größte Parfüm-Fangemeinde der Welt. Die Mitglieder wollen die Kunst des richtigen Schnüffelns lehren. Wir waren auf einer ihrer Duftsafaris in New York dabei.

  Karen Dubin, 51, hat den Club Sniffapalooza vor drei Jahren in New York gegründet

Karen Dubin, 51, hat den Club Sniffapalooza vor drei Jahren in New York gegründet

Frittendunst. Das ist das Erste, was man riecht, wenn man sich an einem New Yorker Wintermorgen mit Karen Dubin trifft, um mit ihr den Olymp der Düfte zu erklimmen. Wie Sirup legt er sich den Gästen des Coffeeshops in der Madison Avenue auf die Schleimhäute. Verdrängt die Würze von Kaffee und gebratenem Speck. Und hängt einem noch Stunden später in Haar und Kleidung.

"Warum gerade hier?", würde man am liebsten fragen. Ist die zierliche New Yorkerin mit den gepflegten Haaren nicht Schöpferin von Sniffapalooza, der größten Parfüm-Fangemeinde der Welt? Und wollten wir heute nicht Fliedernoten statt Frittengestank schnüffeln? Man schluckt die Frage schnell herunter. Denn sobald Karen anfängt zu erzählen, mit wilden Gesten und ohne Punkt und Komma, und dabei ebenso rasant ihr Frühstücksomelett verputzt, wird klar: Bei "Sniffapalooza" geht es nun mal nicht um Geruchssnobismus oder um die feierabendliche Pflege eines glamourösen Hobbys. Es geht um Entwicklungshilfe. Im globalen Stil. Und da zählt vor allem eins: Pragmatismus.

"Da drüben ist Barneys", sagt Karen und zeigt zur anderen Straßenseite. "Und nur einen Block weiter Bergdorf Goodman. Wir haben die ideale Startposition!" Bis elf sollen sich hier rund 50 Menschen versammeln. Frauen und Männer, Studenten und Professoren, Managerinnen und Hausfrauen. Zusammengetrommelt über Karens Website www.sniffapalooza.org, auf der rund tausend registrierte Mitglieder und unzählige Gäste so leidenschaftlich über Parfüm diskutieren, als handele es sich um Wein oder Bücher.

Eine Sniffapalooza, wie sie gleich über die mondäne Bühne des Edelshopping-Karrees zwischen Fifth und Madison Avenue toben wird, ist eine kuriose Mischung aus Familientreffen, Schnäppchenjagd und Duftseminar. Stundenlang werden die Sniffas heute durch die Parfümerien pilgern. Sie werden teure Flakons in den Händen wiegen und erlesene Essenzen auf Unterarme träufeln, Verkäuferinnen mit Fragen löchern, über Rosenöl diskutieren und am Ende eine Batterie von Probefläschchen wie Trophäen davontragen. Vor allem aber wollen die Sniffas eins: die Sinneshärchen ihrer Nasenschleimhäute mit möglichst vielen neuen Reizen kitzeln. "Unsere Mission ist es, das Wissen über Düfte und die Liebe zu ihnen zu fördern", verkündet Karen, es klingt wie die Präambel einer Wohltätigkeits- Organisation. "Für uns ist Riechen eine Kunstform."

  Parfums sind die Leidenschaft der "Sniffas" - beim Schnuppern gucken sie so bedeutsam wie Gourmets bei der Weinprobe.

Parfums sind die Leidenschaft der "Sniffas" - beim Schnuppern gucken sie so bedeutsam wie Gourmets bei der Weinprobe.

Deren Situation schreit in der Tat nach Entwicklungshilfe. Zwar ist der Geruch der älteste Sinn des Menschen - noch bevor Babys ihre Mutter sehen, können sie sie riechen. Doch er ist auch der Sinn, den wir am meisten vernachlässigen, weil er nicht überlebensnotwendig ist. Und obwohl Düfte ins limbische System unseres Gehirns und so mitten ins Herz treffen, obwohl sie uns glücklich oder traurig machen, uns in unser Kinderzimmer oder in die Arme einer längst verflossenen Liebe reisen lassen können, finden wir für sie kaum Worte. Denn Gerüche werden in der rechten Hirnhälfte verarbeitet, die Sprache in der linken. Dazwischen gibt es nur wenige Verbindungen. Muss man deshalb über Düfte schweigen? Nein, fand die Personalmanagerin Karen, seit ihrer Kindheit Parfümsammlerin und heute Herrin über eine schier unübersehbare Flakon-Kollektion, drapiert in vier geräumigen Vitrinen in ihrer Wohnung. Jahrelang veröffentlichte sie Parfümkritiken und Dufttagebücher im Internet und erntete begeisterte Kommentare. Im Herbst 2004 beschloss sie deshalb, ihre Fans im richtigen Leben zu treffen. Und lud zur ersten Sniffapalooza.

Heute drängeln sich bei ihren Events oft hundert Menschen. Sie lauschen den Vorträgen bekannter Parfümeure, nehmen an Workshops teil, reisen in Duftmetropolen wie Paris. Es gibt T-Shirts, ein Online- Magazin, Seminare für Kinder. Karens Website ist längst nicht mehr privater Weblog, sondern internationales Diskussionsforum.

Es ist kurz nach elf. Im eben noch leeren Untergeschoss von Barneys ist die Luft erfüllt von Stimmen. Veilchenduft wetteifert mit Moschusschwaden, pudriges Patchuli kämpft an gegen Zitrus. Die Sniffapalooza ist in vollem Gange. Man sprüht und tröpfelt, schnuppert und diskutiert. Und macht dabei mindestens ebenso bedeutsame Mienen wie Gourmets auf einer Weinprobe. Die Testrituale sind ähnlich ausgefeilt. Manche Sniffas reiben sich mehrere Schichten auf die Handgelenke, eine Technik, die sie als "Layering" bezeichnen - und schwärmen von völlig neuen Geruchserlebnissen.

Andere rubbeln zwischendrin die Haut mit Desinfektionsmittel - zum Neutralisieren. Die Papier-Teststreifen, die Normalkunden gern verwenden, bleiben liegen. Papier verändere den Duft zu stark, erklärt Karen. Dann schnüffelt sie am eben beträufelten Arm. Und lässt sich vom Verkäufer eine Probe geben. "Parfüms sind wie Männer. Du musst sie in Ruhe und in verschiedenen Situationen kennen lernen. Erst dann weißt du, ob du dich in sie verlieben kannst."

Tyler Mayo, Manager der Duftabteilung von Barneys, ein Herr im Sakko, der aussieht, als habe er sich vom wenige Blocks entfernten MoMA hierher verirrt, steht daneben und strahlt. Er kenne kaum Menschen, schwärmt er, die so geschulte Nasen hätten wie die Sniffas. Und die dabei immer noch so begeisterungsfähig blieben für alles, was mit Duft zu tun habe. Bei manchen Sniffapaloozas verkauft Barneys so viel wie in derselben Zeit an einem Vorweihnachtstag. Auch ein Grund, weshalb die Sniffas stets hochwillkommen sind. Vor allem ausgefallene Nischendüfte seien beliebt, berichtet Tyler Mayo. "Die bieten die meisten Überraschungen." Und danach sind die Sniffas süchtig. "Ich mag am liebsten total schräge Kontraste", sagt Rita, eine Lehrerin, die an einer Verkaufstheke lehnt. Herbe Düfte etwa, die sich erst nach einer Stunde als mädchenhaft-süße Versuchung entpuppten. Oder Mixturen, die extrem scharfe und fruchtige Noten wie zwei gereizte Kampfhähne aufeinander loshetzen.

Ihre Duftabenteuer notiert Rita wie viele Sniffas gewissenhaft in einem Heft. Um nach und nach immer mehr Noten unterscheiden zu können. "Und damit ich später weiß, welche ich besonders spannend fand." Für Erstbesucher einer Sniffapalooza ist die Duftvielfalt vor allem verwirrend. Sicher, unterschiedlich riecht alles schon. Nur: Würde man einzelne Düfte auch in der U-Bahn wiedererkennen, wie Karen es mittlerweile kann? Oder in der Lage sein, Nuancen herauszuschnuppern, wie Rita es trainiert? Und vor allem: Wie beschreibt man sie so, dass sie auch andere identifizieren können?

"Vielleicht geht das gar nicht!", ruft Marlen, jung, Ohrring, Lederjacke, über das Stimmengewirr bei Bond No 9. Eingezwängt zwischen dutzenden von Flakons und ähnlich vielen Sniffas steht er in dem winzigen Laden, der zweiten Station der Tour. Marlen ist ebenfalls Duftfan, allerdings auch aus Forschungsinteresse. In seiner Doktorarbeit untersucht der Literaturwissenschaftler, wie sich das Sprechen über Düfte von Mensch zu Mensch unterscheidet: "Unter einem frischen Duft versteht zum Beispiel jeder etwas anderes. Denn wir verbinden Düfte immer mit Erfahrungen und Gefühlen, die sind sehr persönlich." Auf seiner Website Perfumecritic.com hat er deshalb ein Experiment gestartet: Duftfans aus aller Welt sollen Parfümkritiken verfassen, dabei aber ihre Eindrücke weniger mit Adjektiven beschreiben, die alle möglichen Assoziationen zulassen, sondern in konkreten Bildern. "Vielleicht entwickeln wir so eine gemeinsame Sprache." Ginge Marlens Plan auf, gäbe es endlich ein Universallexikon für den einzigen kaum fassbaren Sinn des Menschen.

Doch wäre das wirklich erstrebenswert? Verlöre das Sprechen über Düfte dadurch nicht genau das, was seine persönliche Note, seinen Charme ausmacht? Auf jeden Fall käme es nicht mehr zu Szenen, wie sie Marlen neulich in einer Parfümerie erlebte. Kaum hatte er dem Verkäufer erklärt, welches Parfüm er suchte, tippte ihm eine fremde Frau auf die Schulter. "Dich kenn ich!", sagte sie. "Du bist Marlen von Sniffapalooza, stimmt's? So, wie du den Duft beschrieben hast, war mir das sofort klar."

BRIGITTE Heft 26/07 Text: Kristina Maroldt Foto: Mira + Mohr

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt

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