COS: Interview mit Carsten Nicolai, Karin Gustafsson und Martin Andersson

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Zum Auftakt des “Gallery Weekends” lud COS vergangenen Donnerstag nach Berlin zur Präsentation des “Schatten Loops”, eine extra für den COS Store in der Neuen Schönhauser von Carsten Nicolai gestaltete Installation. Den Künstler sowie die beiden COS-Designer Karin Gustafsson und Martin Andersson traf ich vorher zu einem kleinen Interview auf dem Dach des Soho House.

Karin und Martin, erzählen Sie mir von der Entstehung dieser besonderen Zusammenarbeit. Wie ist es dazu gekommen und wie haben Sie Carsten Nicolai kennengelernt?
Wenn wir eine Kollektion entwerfen, lassen wir uns gerne von zeitgenössischer Kunst inspirieren – sei es in Bezug auf Farben, Formen oder Silhouetten. Diesen Inspirationsprozess wollten wir unseren Kunden näherbringen, indem wir die Verbindung zwischen COS und der Kunstszene sichtbar machen. Carsten Nicolai trafen wir während der Londoner Frieze Art Fair, als er hier seine “Tension Loops” zeigte.

Wird es solche Zusammenarbeiten mit Künstlern in Zukunft öfters geben?
Wir hoffen ja! Diese Installation zusammen mit Carsten Nicolai ist das erste Projekt dieser Art, welches ein perfekter Auftakt für das “Gallery Weekend” hier in Berlin ist. Da wir uns wie gesagt stetig in der Kunstwelt bewegen und uns hier wichtige Eindrücke holen, möchten wir diese Art der Zusammenarbeit gerne fortführen.

Carsten, Sie beschäftigen sich mit Kunst, Musik und Mode. Was ist insbesondere am Flirt zwischen Kunst und Mode so spannend für Sie?
Erst mal muss ich sagen, dass das Projekt für COS gar nicht so modespezifisch ist – es ist ein eigenständiges Kunstwerk, was sowohl in dem Kontext im COS Store, als auch im „normalen Leben“ funktioniert. Mehr Vorgaben gab es bei dieser Zusammenarbeit auch gar nicht, COS ließ mir bei der Realisierung völlig freie Hand. Das Ergebnis, die „Schatten Loop“, ist eine Art Endlosschleife, die von einem Lichtspot angestrahlt wird und so ein sich kontinuierlich veränderndes Schattenbild projiziert.

Ihr künstlerisches Repertoire reicht von Malerei über Bildhauerei bis hin zu Klanginstallationen und Performances. Eine weitere große Rolle in Ihrem Leben spielt die Naturwissenschaft – wie passt das zusammen?
Die Naturwissenschaft oder generell die Natur ist die größte Inspiration für mich. Ich interessiere mich für sehr grundlegende Fragen, wenn ich mich zum Beispiel mit Licht oder Sound beschäftige, möchte ich immer zuerst einmal wissen, was genau das eigentlich ist und hinterfrage die Materie, mit der ich arbeite, bis ins kleinste Detail. Dabei spielen physikalische Modelle die Hauptrolle, wir erklären uns ja eigentlich die gesamte Welt anhand solcher Modelle. Physik und Mathematik sind schließlich nichts anderes, als Modelle von der Natur. Auch das „Schatten Loop“ ist im Grunde genommen ein kleines Modell.

Kann man also sagen, dass physikalische Modelle der kleinste gemeinsame Nenner all Ihrer Arbeiten sind?
Ja. Die Idee ist, aus dem permanenten Bedürfnis heraus, die Welt erklären zu wollen, sich dabei auf das kleinste Element zu konzentrieren und dann etwas zu entwerfen, dass das Phänomen vielleicht nicht unbedingt erklärt, aber zumindest hinterfragt. Das ist es, was mich antreibt.

Sie beschäftigen sich permanent mit Übergängen, Verquickungen, Interferenzen – kennen Sie überhaupt Grenzen? Und wenn ja, welche sind das?
Jeder kennt Grenzen, klar. Aber was ich versuche ist, Themen in ihrer großen Komplexität zu sehen – ohne eingeschränkten Blickwinkel. Um ein Beispiel zu machen: ich habe früher Landschaftsarchitektur studiert und ein großes Themen war, wenn du Dinge in der Natur veränderst, hat das natürlich Konsequenzen für andere Dinge. Man kann somit Dinge nicht lokal denken und die globalen Aspekte dabei ignorieren. Insofern versuche ich so gut wie ich kann, die Komplexität aufzubrechen und ein ganzheitliches Konzept anzustreben, das sich dann wiederum in einem kleinen Projekt destilliert, wie es jetzt bei COS im Schaufenster steht.

Die Präsentation der Sommerkollektion 2012 von Kostas Murkudis, die Sie mit Licht und Klängen begleiteten, gehörte zu den Highlights der Berliner Modewoche im vergangenen Jahr. Welche Chancen sehen Sie in multimedialer Ausgestaltung von Modeschauen für Designer?
Ich denke weniger an Modedesigner oder Chancen, die sich kommerziell damit verbinden, ich denke wirklich immer zuerst an die Möglichkeiten, die mir selbst künstlerisch gegeben werden, also Dinge auszuprobieren, Dinge zu hinterfragen oder einfach Dinge zu tun. Berührungsängste habe ich dabei kaum, die Zusammenarbeit mit Kostas Murkudis ist sicherlich aus einer engen Freundschaft heraus entstanden, aber ich habe darüberhinaus generell wenig Angst, mit anderen Kreativen zusammenzuarbeiten. Musiker zum Beispiel kollaborieren sehr viel schneller und einfacher miteinander, spielen mal ein Konzert zusammen und haben einfach eine sehr niedrige Hemmschwelle, etwas zusammen auf die Beine zu stellen. In der bildenden Kunst dagegen ist es viel komplexer, die Einzelcharaktere sind teilweise so stark, dass Künstler nicht so viel zusammen arbeiten, wie es eben Musiker tun. COS hatte bei dieser Kollaboration natürlich die Intention, Verbindungen zur Kunst zu suchen, während es meine Intentation ist es, die Kunstwelt in ihrer Homogenität aufzubrechen und eben Kunst mal nicht im klassischen Kunstrahmen zu präsentieren, sondern in einem Schaufenster zusammen mit kommerziell verwertbaren Produkten.

Haben Sie sich im Vornherein mit der Philosophie und Ästhetik von COS auseinandergesetzt?
In dem Moment, als die Offerte kam, habe ich mir natürlich den Store genau angeguckt. Ich verfolge generell viele Designer und bin in letzter Zeit auch viel in Japan unterwegs gewesen, dort sind Zusammenarbeiten zwischen Künstlern, Modedesignern und Architekten an der Tagesordnung. Was ich in der Mode gerade in der letzten Zeit deutlich sehe, ist eine substanziellere Linie, die auch länger als eine Saison hält. Da sehe ich Gemeinsamkeiten zu meiner Arbeit.

Moment geht alles wieder Richtung „retro“, es werden Filme in “Super 8″-Optik gedreht und über unsere Fotos legen wir Vintage-Filter. Sie sind ein äußerst visionärer Künstler – gucken Sie eigentlich auch in die Vergangenheit?
Retro ist immer ein großes Ding. Dabei darf man eins nicht vergessen: auch in den 20er oder 40er Jahren gab es schon wahnsinnig futuristische Filme. Die Idee von retro, was retro ist und was retro bedeutet, ist somit ein gewisses Absurdum, weil zumindest für mich eine Weltraum-NASA-Ästhetik auch total retro ist. Meine eigene Theorie dazu ist, dass Leute immer, wenn sie eigentlich sozial und ökonomisch verunsichert sind, sich darauf besinnen, was in der Vergangenheit sich als Wert etabliert hat. Zurückschauen und keine neuen Standarts setzen ist allerdings nicht das, was ich suche. Ich orientiere mich nicht an alten Richtlinien sondern habe die Illusion, dass ich eigene, neue Standarts etablieren kann.

Vielen Dank für das Interview!

COS x Carsten Nicolai – das Video zur Koop:

Und noch ein paar Bilder der Abendveranstaltung letzten Donnerstag im .hbc

Die Installation ist ab dem 26. April 2012 zwei Wochen lang im Schaufenster des Berliner COS-Store in der Neuen Schönhauser Straße 20 zu sehen!

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