Marc Jacobs: “Man kann nur das bereuen, was man nicht getan hat”

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Marc Jacobs im Interview

Am Freitag präsentierte Marc Jacobs in Berlin die fünf Finalistinnen und Finalisten des diesjährigen Designer for Tomorrow Awards. Ich hatte das große Glück, ihm ein paar Fragen stellen zu dürfen.

Was macht einen guten Designer aus?

Geschmack ist individuell. Ich suche nach der kreativen Vision, der Stimme, dem Konzept, dem Gedanken hinter der Kollektion. Dem verleiht der Designer mit der Wahl der Materialien, der Farben, der Silhouetten, der Formen Ausdruck. Am Ende des Tages ist Kleidung einfach Kleidung und eine Frau oder ein Mann entscheidet sich für ein Teil auf einem Bügel oder in einem Regal. Aber wenn man als Designer die Möglichkeit bekommt, seiner Vision tatsächlich Ausdruck zu verleihen, muss man sehr sorgfältig sein und sich genau überlegen, wie man sie selbst sehen möchte.

Sie sind nun schon eine ganze Weile in diesem Geschäft. Wie haben sich die Anforderungen in der Modebranche seitdem verändert?

Viele Dinge sind sehr viel besser geworden. Ich glaube, die Welt liebt Mode viel mehr als damals. Als wir anfingen, machten wir zum Beispiel einen extrem kurzen Rock. Daraufhin kamen die Einkäufer und sagten uns, wie lang er sein müsse. Sie sagten: „Wir mögen ihn, aber für den Verkauf muss er mindestens so und so lang sein“. Heute gibt es einfach viel mehr Raum für Dinge, die geliebt und geschätzt werden. Es ist, als gäbe es kein Richtig oder Falsch. Sicherlich gibt es kommerzielles Design, aber ich glaube, dass sich die Mode geöffnet hat und dass es viel mehr Platz gibt für Kreativität und Expression. Es ist eine gute Zeit für junge Designer. Solange sie sich ihren Ideenreichtum und gleichzeitig ihre Weltoffenheit bewahren.

Was gefällt Ihnen am besten an der Arbeit mit den fünf Finalistinnen und Finalisten?

Ich fand es toll, jeden einzelnen der Fünf kennen zu lernen und einmal nur zuzuhören. Als ich anfing, schätzte ich es am meisten, wenn sich jemand die Zeit nahm, etwas darüber zu erfahren, was ich zu sagen hatte. Die Fünf haben mir ihr Konzept hinter ihren Designs erklärt und verrieten mir, was sie dazu bewegt hat, diese Kollektion zu entwerfen. Für mich war das der schönste Teil, es ist sehr inspirierend.

Was raten Sie jungen Designern?

Ein Designer zu werden, ist ein Prozess. Ich hatte nie Angst davor, Fragen zu stellen. Ich war zwar immer stur, wenn es um Dinge ging, an die ich glaubte, doch ich war immer offen für Ratschläge. Und bin es noch heute.

Wenn Sie noch einmal am Anfang Ihrer Karriere stünden: Würden Sie irgendetwas anders machen?

Nein. Wissen Sie, es gibt da eine Redewendung: „Man kann nur das bereuen, was man nicht getan hat.“ Ich habe das immer so gemacht.

Was war die beste Entscheidung, die Sie jemals getroffen haben?

Meinen Instinkten zu vertrauen. Diese Entscheidung muss ich ständig treffen. Sie haben zwar nicht immer Recht, aber ich fühle mich gut, wenn ich auf sie höre. Ich schlafe nachts gut.

Sie haben sich in Ihren Entwürfen immer von sozio-kulturellen Strömungen inspirieren lassen. Glauben Sie, dass Mode gleichzeitig die Gesellschaft beeinflusst?

Mode verändert die Welt. Ein einzelner macht keinen Wandel, aber die modernen Künstler, die Musiker, die Schriftsteller und Modedesigner verändern die Landschaft. Es ist fantastisch, wie die Ideen der Mode oder der Literatur den Alltag infiltrieren.

Wie äußert sich das?

In New York sehe ich häufig, dass Menschen Dinge tragen, von denen sie nicht wissen, welche Bedeutung sie haben oder woher sie kommen. Doch ich weiß, dass das T-Shirt oder die Baseball-Kappe eine Idee eines bestimmten Designers war, die schon Jahre zurückliegt und allmählich durchsickert und weiter durchsickert, bis sie zu einem Souvenir in einem Disney-Geschenkeladen wird.

Sie haben sowohl Ihrer eigenen Marke als auch Louis Vuitton ein Gesicht gegeben. Wie wichtig ist es, als Designer auch ein Prominenter zu sein?

Ich liebe Aufmerksamkeit. Die Menschen lachen immer, wenn ich das sage. Vielleicht ist es ja lustig, das zuzugeben. Man sagt so was eben nicht. Aber ich liebe Aufmerksamkeit. Das war nicht immer so. Ich war sehr, sehr schüchtern. Das bin ich heute auf eine gewisse Art zwar immer noch, aber damals habe ich sehr ungern Interviews gegeben und fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Aber in den letzten Jahren bin ich selbstbewusster geworden und dann hat es mir Spaß gemacht, da draußen zu sein.

Das tut dem Umsatz bestimmt keinen Abbruch.

Wenn man in ein Geschäft geht, kauft man nicht meine Persönlichkeit. Aber die Menschen, die sich für unsere Kleidung, Handtaschen, Schuhe oder Parfüms interessieren, wollten ein wenig mehr über mich wissen. Und ich war sehr glücklich darüber, es ihnen mitteilen zu können.

Aber ist es tatsächlich ein Garant für Erfolg?

Ich glaube nicht, dass es nötig ist. Es gibt viele Designer, die sehr öffentlichkeitsscheu sind und lieber ihre Arbeit für sich sprechen lassen. Das ist eine Entscheidung, die es zu treffen gilt. Aber ich glaube nicht, dass es nur die eine oder andere Seite gibt.

Werden Sie zur Met-Gala gehen und wenn ja: mit wem?

Ja, ich gehe jedes Jahr hin. Auch wenn ich es nicht gerne tue, um ehrlich zu sein. Aber ich muss. Sonst würde ich Ärger von Anna Wintour bekommen. Sie akzeptiert kein „Nein“ als Antwort. Ich denke, ich werde ein Spitzenkleid tragen und mit meinem Exfreund gehen! (Grinst)

Was ist das größte Kompliment, das Ihnen jemand machen kann?

Wenn ich eine Frau auf der Straße oder in einem Restaurant sehe, eine Frau, die ich nicht kenne, die keine Freundin, keine Redakteurin, niemand aus der Branche ist, die eine Tasche oder ein Paar Schuhe von mir trägt. Bei all den Entscheidungsmöglichkeiten hat sie sich entschieden, ein Produkt zu kaufen, an dem ich einen Anteil hatte. Das ist das größte Kompliment.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie aber ihre Hose oder ihren Pullover ganz scheußlich finden?

So denke ich nicht, wirklich nicht. Mir ist es egal, ob jemand etwas falschherum, etwas Zerrissenes oder mit Flecken darauf trägt. Wenn er glücklich ist, bin ich es auch. Ich mag es, wenn Leute ihre Eigenheiten haben. Wenn ich eine Runway-Show habe, dann ist das meine Vision. Danach möchte ich sie im echten Leben sehen. Das ist viel interessanter. Es geht doch mehr um Stil als um Mode.

Was ist die größte Macht der Mode?

Der Luxus der Entscheidung. Ich denke, es liegt in der Natur des Menschen, sich selbst zu lieben und zu kleiden. Die Möglichkeit, sich zu verändern, sich auszudrücken und die Freiheit, sich entscheiden zu können – das sind sehr machtvolle Dinge.

 

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1 Kommentar
Veronika
9. Mai 2012

Er hat es tatsächlich getan! Ich war mir so sicher, dass das ein Witz war! http://www.guardian.co.uk/fashion/gallery/2012/may/08/met-gala-2012-top-10-dresses

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