Birgit Vanderbeke: "Alberta empfängt einen Liebhaber"

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Leseprobe "Alberta empfängt einen Liebhaber"

Kurz vor Himmelfahrt sind wir durchgebrannt. Ende März hatten wir entdeckt, daß wir uns unser Leben lang immer schon lieben und geliebt haben, von Anfang an und bis zum Jüngsten Tag.

Es war nicht das erste Mal, daß wir diese Entdeckung machten, wir machen sie alle drei, vier Jahre, und was wir danach machen, ist sehr anstrengend und richtet gewaltigen Schaden an, und nach einer Zeit sind wir nicht mehr sicher, daß wir uns schon immer geliebt haben, und halten es für den fatalen Irrtum unseres Lebens, je geglaubt zu haben, wir könnten uns auch nur fünf Minuten gefahrlos in ein und demselben Raum beide gleichzeitig aufhalten, ohne daß irgendein Unglück passiert, aber eines Tages sind wir tatsächlich durchgebrannt, weil wir festgestellt hatten, daß man einer so großen Liebe wie unserer irgendwann einmal nachgeben muß, man kann sie nicht dauernd bekämpfen.

Wir hatten dieser großen Liebe schon mehrmals versuchsweise nachgegeben und sie nach jedem Nachgeben mit all unserem Restverstand und allen verbliebenen Kräften bekämpft, weil es eine von diesen Lieben ist, die einen leicht erledigen können, wenn man sich nicht mit Händen und Füßen dagegen wehrt, aber sie ist alle paar Jahre hartnäckig wiedergekommen. Wie eine Heuschreckenplage. Irgendwann waren wir müde; vielleicht auch ein bißchen unaufmerksam, weil wir erschöpft davon waren, uns dauernd dagegen zu wehren, um dann für zwei, drei Jahre halbwegs in Ruhe leben zu können, unsere Arbeit zu machen, unsere Wohnungen einzurichten, und hinterher ist das alles vergebens, weil die Heuschreckenplage darüber herfällt und es in kürzester Zeit frißt und verdirbt und verwüstet.

So groß diese Liebe ist, so gewaltig ist ihr Appetit, und sie hat selten länger als höchstens ein Vierteljahr gebraucht, um unsere Leben, Arbeiten, Wohnungen ratze-putz kahlzufressen, meistens brauchte sie kaum vierzehn Tage, um uns zu ruinieren. Ich glaube, wir waren es leid, und so sind wir darauf gekommen, daß wir durchbrennen sollten. Wir haben gesagt: Das ganze Elend besteht darin, daß wir uns immer wehren. Wir machen es diesmal andersherum: Wir nehmen die Liebe nicht nur versuchsweise und unter Vorbehalt, sondern unbedingt umfassend absolut an. Angesichts dessen, was wir mit dieser Liebe hinter uns hatten, schien uns, als hätten wir keine Wahl.

Nadan hatte ein Auto, und ich hatte keines, also wollten wir zum Durchbrennen sein Auto benutzen. In Frage kamen Amsterdam, Kopenhagen, Paris. Im Mai wollten wir durchbrennen, und im April fingen wir an, uns zu streiten, weil ich für Paris war. Nadan dachte, ich will nur nach Paris, um ihn zu ärgern, weil er kein Französisch kann, um Überlegenheit zu beweisen und mir Terrain zu sichern, und ich dachte, er will nur nach Amsterdam, weil er weiß, ich mag Holland nicht so gut leiden. Kopenhagen kannten wir beide nicht, es war also neutrales Gelände, aber ich stellte es mir ungefähr so vor wie Holland.

– In Holland hängen an allen Fenstern halbe Gardinen genau bis zur Mitte der Scheiben, habe ich gesagt, es ist kein gutes Land, wenn du durchbrennen willst. Ich bin sicher, sie sind halblang, damit man von draußen die Topfpflanzen sieht; das Land ist nicht nur voll mit Tulpen, sondern dann sind da überall auch noch Fleißige Lieschen, Christsterne und Hyazinthen. Um Topfpflanzen zu sehen, muß ich nicht durchbrennen, da kann ich genausogut bleiben.

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