Birgit Vanderbeke: "Alberta empfängt einen Liebhaber"
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Nadan hat gesagt: In Paris ist es dreckig, alle Hotels sind voll Kakerlaken, und die Métro stinkt unerträglich. Ich fand es häßlich, daß er mein Lieblings-Paris beleidigt. Ich habe in Paris noch nie eine Kakerlake gesehen; na ja, so gut wie noch nie. Ich habe Ratten gesehen und halbwilde magere Katzen, selten einmal eine Kakerlake. Aber Nadan bestand trotz der Blumentöpfe auf Amsterdam und fing an zu erzählen, wie er nächtelang in einem Pariser Hotel Kakerlaken gejagt und erschlagen hatte, und ich mußte lachen, weil es eine von seinen Bettina-Geschichten war, in denen es aus irgendeinem Grund oder zu irgendeinem Anlaß romantisch zugehen sollte, und immer, wenn es romantisch zugehen soll, tut es das gerade nicht, schon ganz bestimmt nicht mit Nadan.
Ich konnte vor mir sehen, wie Nadan im Schlafanzug seinen Pantoffel unterm Bett hervorzieht und sich damit bewaffnet, heilfroh, seine dunkle Erbitterung gegen das Ungeziefer wenden zu können, und wie er Nächte damit verbringt, Kakerlaken zu morden und einen bräunlichen Fleck nach dem anderen auf die Tapete zu machen.
Ich muß manchmal lachen, wenn ich so etwas vor mir sehe, aber Nadan dachte, ich lache ihn aus, und wurde ein bißchen empfindlich, weil dies alles schwerwiegend war, es ging schließlich rückwärts und vorwärts ums ganze Leben, und immer wenn es ums Leben geht, ist man besonders empfindlich.
Diese Empfindlichkeit ist das eigentlich Schwierige beim Durchbrennen. Man wird sehr leicht wütend oder, was noch viel schlimmer ist, traurig. Jedenfalls ist nichts zu lachen dabei. Das Durchbrennen schien einen Moment lang nicht mehr so logisch und zwingend wie kurz zuvor, als es ein rein abstraktes Durchbrennen gewesen war ohne Richtung und Ziel und Bleibe. Aber nun hatten wir uns entschlossen, uns schon unser ganzes Leben lang geliebt zu haben, und dahinter kann man nicht gut zurück und plötzlich zögern, bloß weil man sich nicht darauf einigen kann, wohin.
Es war mir dann aber auch recht, nicht nach Paris zu fahren und dort womöglich mit dieser Bettina-Geschichte zu tun zu bekommen, die zwar danebengegangen, aber doch immerhin im Ansatz versucht romantisch gewesen war. Gerade danebengegangene Geschichten hören bekanntlich nicht auf, einem immer wieder dazwischenzufahren. Zuletzt haben wir gesagt: Durchbrennen ist ein Abenteuer und keine Urlaubsreise, die man mit Katalog und Prospekt ein halbes Jahr vorher plant. Das Wichtigste ist das Datum, alles weitere wird sich finden, und das Datum hatte von vornherein festgestanden, weil es bestimmt war durch Himmelfahrt und bewegliche Feiertage und Überstunden bei Nadan, die etwa bis Pfingsten reichten.
Ich wäre lieber jetzt gleich im April durchgebrannt, weil ich Angst hatte, bis Himmelfahrt überlege ich mir die ganze Angelegenheit noch einmal etwas genauer, und dann komme ich darauf, daß sie völliger Blödsinn ist, weil man nur durchbrennen muß, wenn man dafür einen Grund hat, und wir hatten keinen. Zum Durchbrennen braucht es mindestens einen Feind, noch besser zwei oder gleich eine ganze feindliche Welt. Mindestens ein Gesetz, das man brechen könnte.
Weit und breit war kein einziger Feind zu entdecken. Nicht einmal zu erfinden. Kein bissiger Ehepartner, überhaupt keine Ehe, die wir mit Durchbrennen hätten brechen können, kein Verbot, wir waren auch nicht verfolgt, nicht einmal paranoid und längst nicht mehr minderjährig.
Wir hatten jeder auf seine Weise ein Leben, eine Arbeit, eine Wohnung, Nadan hatte sogar schon sein Haus, und bis Himmelfahrt würde er sich die Sache auch nochmal überlegen und auch darauf kommen, daß sie Unfug wäre, weil Nadan uns beide genauso durchschaut wie ich und wir uns beide kennen und natürlich beide wissen, daß von allen danebengegangenen Geschichten unsere miteinander die danebengegangenste ist, und zwar schon von Anfang an und daher für alle Zeit bis zum Jüngsten Tag.










