Kurban Said: "Ali und Nino"
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Die dreißig Asiaten frohlockten und warfen mir zustimmende Blicke zu. Professor Sanin schwieg verdrossen. Es war seine Pflicht, seine Schüler zu guten Europäern zu erziehen. "War jemand von euch zum Beispiel in Berlin?" fragte er plötzlich.
Er hatte seinen Unglückstag: Der Sektierer Maikow meldete sich und gestand, als ganz kleines Kind in Berlin gewesen zu sein. Er konnte sich noch sehr gut an eine dumpfige, unheimliche Untergrundbahn erinnern, an eine lärmende Eisenbahn und an ein Schinkenbrot, das ihm seine Mutter zurechtschnitt.
Wir dreißig Mohammedaner waren tief entrüstet. Seyd Mustafa bat sogar, austreten zu dürfen, da ihm bei dem Wort Schinken übel wurde. Damit war die Diskussion über die geographische Zugehörigkeit der Stadt Baku erledigt. Es läutete. Professor Sanin verließ erleichtert die Klasse. Die vierzig Schüler eilten hinaus. Es war große Pause, und da hatte man drei Möglichkeiten: in den Hof zu rennen und die Schüler des benachbarten Realgymnasiums zu verprügeln, weil sie goldene Knöpfe und goldene Kokarden trugen, während wir uns mit silbernen begnügen mußten, laut miteinander tatarisch zu reden, damit es die Russen nicht verstünden und weil es verboten war, oder: über die Straße zu eilen, in das Mädchenlyzeum der hl. Königin Tamar.
Ich entschloß mich für das letztere. Im Lyzeum der hl. Tamar gingen die Mädchen in züchtigen, blauen Uniformkleidern mit weißer Schürze durch den Garten. Meine Kusine Aische winkte mir zu. Ich schlüpfte durch das Gartentor. Aische ging Hand in Hand mit Nino Kipiani, und Nino Kipiani war das schönste Mädchen der Welt. Als ich den beiden von meinen geographischen Kämpfen berichtet hatte, rümpfte das schönste Mädchen der Welt die schönste Nase der Welt und sagte:
"Ali Khan, du bist dumm. Gottlob sind wir in Europa. Wären wir in Asien, so wäre ich schon längst verschleiert, und du könntest mich nicht sehen."
Ich gab mich geschlagen. Die geographische Fragwürdigkeit der Stadt Baku rettete mir den Anblick der schönsten Augen der Welt. Ich ging weg und schwänzte betrübt den Rest der Schule. Ich wanderte durch die Gassen der Stadt, blickte auf die Kamele und das Meer, dachte an Europa, an Asien, an Ninos schöne Augen und ward traurig. Ein Bettler mit verfaultem Gesicht kam mir entgegen. Ich gab ihm Geld, und er wollte mir die Hand küssen. Erschrocken zog ich sie zurück. Dann lief ich zwei Stunden durch die Stadt und suchte den Bettler, damit er mir die Hand küssen könne. Denn ich glaubte, ihn beleidigt zu haben.
Er war nicht zu finden, und ich hatte Gewissensbisse. Das Ganze spielte sich vor fünf Jahren ab. In diesen fünf Jahren war allerlei geschehen. Wir bekamen einen neuen Direktor, der uns mit Vorliebe am Kragen packte und rüttelte, denn das Ohrfeigen von Gymnasiasten war streng verboten. Der Religionslehrer erklärte uns sehr genau, wie gnädig Allah uns sei, daß er uns als Mohammedaner zur Welt kommen ließ.
Zwei Armenier und ein Russe traten ein, und zwei Mohammedaner schieden aus; der eine, weil er mit seinen sechzehn Jahren geheiratet hatte, der andere, weil er in den Ferien von Bluträchern umgebracht wurde.










