Dai Sijie: "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin"

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Sein Befehl löste auf der Stelle heftige Reaktionen aus. Alle redeten wild durcheinander, schrien, drängten sich nach vorn; jeder versuchte, sich des "bourgeoisen Spielzeugs" zu bemächtigen, um es eigenhändig ins Feuer zu werfen.

"Laoban", sagte unerwartet Luo freundlich lächelnd, "das ist ein Musikinstrument. Mein Freund ist ein guter Musikant, ehrlich." Die Menge verstummte. Der Laoban griff nach der Geige, inspizierte sie nochmals gründlich von allen Seiten und hielt sie mir dann hin. "Tut mir leid, Laoban", sagte ich verlegen, "ich spiele nicht besonders gut." In dem Moment sah ich, daß Luo mir zuzwinkerte. Ich nahm also die Geige und begann sie zu stimmen.

"Mein Freund wird eine Sonate von Mozart spielen", verkündete Luo gelassen. Ich fragte mich erschrocken, ob er vielleicht übergeschnappt war. Seit ein paar Jahren waren in China sämtliche Werke Mozarts oder sonst eines westlichen Komponisten verboten. Meine durchnäßten Füße in den aufgeweichten Schuhen fühlten sich wie Eisklumpen an. Ich bibberte vor Kälte. "Eine Sonate? Was ist das?" fragte mich der Laoban mißtrauisch. "Nun … also … wie soll ich Ihnen das erklären", stammelte ich. "Ein Lied?" "Etwas in der Art …", antwortete ich ausweichend. Auf der Stelle flackerte die Wachsamkeit eines echten Kommunisten in den Augen des Laoban auf, und seine Stimme verhieß nichts Gutes: "Und wie nennt sich dieses Lied?" "Also … es hört sich an wie ein Lied, aber es ist eine Sonate." "Ich hab dich gefragt, wie es heißt!" brüllte er mich an. Ich konnte den Blick nicht von den drei gruseligen Blutstropfen in seinem Auge wenden. "Mozart …", antwortete ich zögernd. "Mozart was?" "… Mozart ist mit seinen Gedanken immer beim Großen Vorsitzenden Mao", kam mir Luo zu Hilfe. Mir stockte der Atem. Doch Luos kühne Erklärung wirkte Wunder: Die Gesichtszüge des Laoban entspann- ten sich. Er kniff die Augen zusammen, und sein Mund verzog sich zu einem breiten, seligen Lächeln. "Mozart ist mit seinen Gedanken immer beim Großen Vorsitzenden Mao", wiederholte er andächtig. "Ja, immer, Tag und Nacht", bekräftigte Luo.

Als ich die Saiten meines Bogens spannte, begann die Menge aufmunternd in die Hände zu klatschen, was mich jedoch nur noch mehr einschüchterte. Meine klammen Finger fuhren über die Saiten – und Mozarts vertraute Sätze stiegen in meiner Erinnerung auf.

Die eben noch harten Gesichter der Bauern weichten bei Mozarts klarem Jubel auf wie die vom Regen durchnäßte Erde; dann verschmolzen ihre Umrisse im tanzenden Licht der Petroleumlampe nach und nach mit der Dunkelheit. Ich spielte eine ganze Weile, während Luo sich ruhig eine Zigarette ansteckte wie ein richtiger Mann. Das war unser erster Umerziehungstag. Luo war achtzehn, ich siebzehn.

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  • Artikel vom 05.02.2010
Letzte Kommentare
  • Martin Z.
    am 31.03.11 um 16:44
    Zunächst einmal macht der Film die Lächerlichkeit der Großen Kulturrevolution deutlich. Es herrschen ungebildete Apparatschiks der KPCh, die sinnlosen Aktionismus propagieren und eigentlich dem Fortschritt im Wege stehen. Es ist ein Riesenspaß, wenn denen Studenten, die zur Umerziehung aufs Land geschickt wurden, europäische Kultur nahe bringen sollen. Die tiefen Gegensätze zwischen Stadtmenschen und Dörflern, Intellektuellen und Bauern werden mit viel Humor dargestellt. In der sich anschließenden Liebesgeschichte spielt das Vorlesen von verbotenen französischen Romanen eine wichtige Rolle. Hier gehört der Titel hin. In fast kindlicher Unschuld wird dieses warmherzige Verhältnis geschildert. Und das ist dann auch die Kernaussage des Films: Lesen fördert die Persönlichkeitsbildung, emanzipiert und macht in letzter Konsequenz
    erst frei. Dann überspringt die Handlung etwa 20 Jahre. Wir sehen wie die wunderschöne Bergregion für den Drei-Schluchten-Damm geflutet wird. Es is
 
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