Laura Esquivel: "Bittersüße Schokolade"
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Noch am gleichen Tag siedelte Tita daher in die Küche über, wo sie mit Maisbrei und Kräutertees prächtig gedieh und bald vor Gesundheit strotzte. Dies erklärt auch die Tatsache, daß sie einen sechsten Sinn für alles entwickelte, was ihren Hunger zu stillen vermochte. Die Zeiten etwa, zu denen sie gefüttert wurde, waren auf den Küchenplan abgestimmt: Wenn Tita morgens roch, daß die Bohnen gar gekocht waren, oder mittags merkte, daß das Wasser bereit war und die Hühner gerupft werden konnten, oder wenn nachmittags das Brot für das Abendessen im Ofen buk, wußte sie, es war an der Zeit, lauthals ihre Mahlzeit anzumahnen.
Manchmal weinte Tita auch einfach drauflos, etwa wenn Nacha Zwiebeln hackte; da jedoch beide die Ursache für diese Tränen kannten, nahm man sie nicht weiter ernst. Schließlich waren sie in solchen Momenten so ausgelassen, daß Tita während ihrer Kindheit niemals recht zu unterscheiden lernte, ob nun Freudentränen vergossen wurden oder ob die Tränen vor Kummer flossen. Für sie bedeutete das Lachen eine Art zu weinen. Ebenso verwechselte sie die Lust zu leben mit dem Genuß beim Essen. Für jemanden, der das Leben nur im Umkreis der Küche kennengelernt hatte, war es nicht leicht, die Welt außerhalb dieses kleinen Reiches zu verstehen; das heißt die riesige Welt, die hinter der Küchentür begann und die gesamten Innenräume des Hauses umfaßte.
Denn das Terrain jenseits der Hintertür, die zum Patio, zum Garten und zu den Gemüsebeeten hinausführte, war ihr bis in den letzten Winkel vertraut, ja hier war sie die unumstrittene Herrin. Anders als Tita war ihren Schwestern dieser Bereich, in dem, wie sie argwöhnten, zahllose unbekannte Gefahren lauerten, nicht geheuer. Die Spiele innerhalb der Küche erschienen ihnen nicht nur albern, sondern auch gefährlich; freilich ließen sie sich eines Tages von Tita davon überzeugen, daß es ein faszinierendes Schauspiel sei, wenn man Wassertropfen auf den glutheißen Comal spritzte und sie wie wild darauf tanzen ließ.
Doch während Tita sang und rhythmisch ihre nassen Hände schüttelte, damit die Tropfen rascher auf den Comal herabfielen, um zu "tanzen", verkroch sich Rosaura, die es schon beim bloßen Zuschauen grauste, in die hinterste Ecke. Ganz anders Gertrudis, die von diesem Spiel, wie überhaupt von allem, was mit Rhythmus, Bewegung oder Musik zu tun hatte, restlos begeistert war und geradezu enthusiastisch mitmachte. So blieb Rosaura schließlich keine andere Wahl mehr, als die Flucht nach vorne anzutreten, denn sie wollte um keinen Preis hinter den anderen zurückstehen. Da sie indes kaum ihre Hände anfeuchtete und sich nur zaghaft am Spiel beteiligte, gelang es ihr nicht, die gewünschte Wirkung zu erzielen. Um ihr zu helfen, versuchte Tita nun, Rosauras Hände näher an den Comal heranzuführen. Rosaura leistete erbitterten Widerstand.
Da keine von beiden nachgab, entspann sich ein heftiger Kampf, bis Tita plötzlich die Geduld verlor und Rosauras Hände unvermittelt losließ, woraufhin sie mit dem freigesetzten Schwung mitten auf die glühheiße Fläche niederschnellten. Nicht nur, daß dieses Mißgeschick Tita zur Strafe eine ordentliche Tracht Prügel eintrug, fortan war ihr auch das Herumtollen mit den Schwestern in ihrem Reich aufs strengste untersagt. Folglich blieb ihr nur noch Nacha als Spielkameradin. Gemeinsam vertrieben sie sich damit die Zeit, Spiele und Streiche auszuhecken, die stets etwas mit der Küche zu tun hatten.
So etwa an jenem Tag, als sie auf dem Dorfplatz einen Mann entdeckten, der aus länglichen Luftballons Tierfiguren bastelte, und beiden sogleich die Idee kam, ihm nachzueifern, freilich mit Chorizo-Stücken. Sie bauten nicht nur naturgetreue Tiere zusammen, sondern erfanden auch Phantasiegestalten, unter ihnen solche mit Schwanenhälsen, Hundepfoten und Pferdeschwänzen.










