David Foenkinos: "Das erotische Potential meiner Frau"

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Leseprobe "Das erotische Potential meiner Frau"

Hector hatte den Kopf eines Helden. Man spürte, daß er bereit war, zur Tat zu schreiten, allen Gefahren unserer monströsen Menschheit zu trotzen, das Feuer unzähliger Frauen zu entfachen, mit der Familie einen Urlaub zu planen, mit seinen Nachbarn im Aufzug zu diskutieren und, wenn er wirklich einmal groß in Form war, auch einen Film von David Lynch zu verstehen. Er wäre eine Art Held unserer Zeit, mit strammen, wohlgeformten Waden. Blöd nur, daß er gerade beschlossen hatte, sich das Leben zu nehmen.

Man hatte wahrlich schon bessere Helden gesehen. Ein gewisser Sinn fürs Theatralische hatte ihn dazu gebracht, sich für die Metro zu entscheiden. Alle Welt würde von seinem Tod erfahren, es wäre so etwas wie die Pressevorführung eines Films, der sich schnell als Flop erweisen würde. Hector wog aus reiner Höflichkeit artig die volltönenden Empfehlungen um ihn herum ab, er solle nur ja nicht voreilig seine Fahrkarte kaufen. Für den Fall, daß er es sich anders überlegte. Man wußte nichts von ihm, daher hoffte man auf ein Mißlingen, um sicherzugehen, daß man sich auf die Physiognomie eines Menschen verlassen konnte. Vor allem auf die eines Helden. Schon blickte er verschwommen. Die Tabletten mit der ein- schläfernden Wirkung hatte er noch vor dem Verfallsdatum hinuntergestürzt. Es stirbt sich besser im Schlaf.

Letzten Endes war dies ein Glück, denn Hector bereitete uns große Sorgen. Äußerlich verrieten seine Augen nichts. In den Gängen der Metro liegend, wurde er schließlich entdeckt, der Station Châtelet-Les Halles näher als dem eigenen Tod.

Sein eingesunkener Körper spiegelte sein Scheitern. Zwei Krankenträger mit aufgeschwemmten, anabolen Gesichtern (doch Gesichtern wollen wir von nun an mißtrauen) kamen und befreiten ihn von all diesen Blicken der vorbeihastenden Angestellten, die ganz fasziniert waren, eine Lage vor Augen zu haben, die schlimmer war als ihre eigene. Hector dachte nur an eines: Jetzt, wo sein Selbstmord fehlgeschlagen war, war er zum Leben verdammt.

Er wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, das gerade frisch gestrichen war. Logischerweise war überall zu lesen "frisch gestrichen". Er würde sich ein paar Monate in dieser Genesungseinrichtung langweilen. Sehr bald schon war sein einziges Vergnügen ein Klischee: die Krankenschwester zu beobachten und vage davon zu träumen, ihre Brüste zu streicheln. Über diesem Klischee schlief er regelmäßig ein, immer kurz bevor er sich die Häßlichkeit der Krankenschwester eingestanden hätte.

Er war in einem Dämmerzustand, in dem die Ungnade das Mythische zu berühren schien. Dieses Urteil erschien sehr streng: Zwischen zwei Morphium-Verabreichungen konnte die Krankenschwester durchaus sinnlich sein. Und dann gab es da diesen Arzt, der gelegentlich vorbeischaute, wie man bei einer Abendgesellschaft vorbeischaut. Die Begegnungen dauerten selten länger als eine Minute, schließlich mußte man ja so tun, als wäre man in Eile, wenn man seinen Ruf pflegen wollte (und das war so ziemlich das einzige, was er pflegte). Dieser tief braungebrannte Mensch bat Hector, die Zunge herauszustrecken, um zu dem Schluß zu kommen, daß er eine schöne Zunge habe. War ja nicht verkehrt, eine schöne Zunge zu haben, man fühlte sich gut mit einer schönen Zunge. Aber dafür konnte Hector sich nichts kaufen.

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