David Foenkinos: "Das erotische Potential meiner Frau"
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Er wußte nicht genau, was ihn erwartete, er war schwer depressiv, jemand, der auf dem Grund des Trichters winselte. Man schlug ihm vor, seine Familie oder seine Freunde zu verständigen, sofern der Herr in der glücklichen Lage sei, welche zu haben (auf diskrete Weise deutete man die Möglichkeit an, welche zu mieten). Diese Optionen wurden von einem nicht besonders höflichen Schweigen begleitet, aber halten wir uns nicht damit auf. Hector wollte niemanden sehen. Genauer gesagt – und das will ja kein Kranker – wollte er nicht, daß irgend jemand ihn in diesem Zustand sah. Er schämte sich, ein Männlein zwischen nichts und weniger als nichts zu sein. Es kam vor, daß er einen Freund anrief und ihm erzählte, daß er auf Reisen sei, Wahnsinn, dieser Grand Canyon, was für Schluchten. Und dann hängte er auf. Dabei war er doch der Grand Canyon.
Die Krankenschwester fand ihn sympathisch, sie hatte ihm sogar gesagt, er sei ein besonderes Exemplar. Kann man denn mit einer Frau schlafen, die einen für ein besonderes Exemplar hält? Das war wirklich die Frage. A priori, nein: Frauen wollen sowieso nie mit einem schlafen. Sie interessierte sich für seine Geschichte. Schließlich war das, was in der Krankenakte stand, das einzige, was sie über ihn wußte. Daß es rühmlichere Methoden der Annäherung gibt, will nichts heißen. Gibt es denn die Frau, die sich einem hingibt, weil sie die Art mag, wie man nie den Tag der Wiederholungsimpfung gegen die Kinderlähmung verpaßt?
Oh, Sie machen mich ganz verrückt, Sie impfungsbewußter Mann. Oft kratzte sich die Krankenschwester am Kinn. In solchen Fällen hielt sie sich für den Arzt. Man muß aber auch sagen, daß es Raum für diese Rolle gab. Dann trat sie ganz dicht an Hectors Bett. Sie hatte eine durchaus erotische Art, mit ihrer Hand über das weiße Bettuch zu streichen, ihre wohlgepflegten Finger glichen dann Beinen in einem Treppenhaus, die mit großen Schritten das Weiße durchmaßen.
Hector wurde Anfang März entlassen. Eigentlich hatte der Monat keinerlei Bedeutung, überhaupt hatte nichts eine Bedeutung. Die Concierge, eine Frau, deren Alter niemand mehr in der Lage war einzuschätzen, tat, als hätte die Abwesenheit des Mieters sie besorgt. Diese Art, sich besorgt zu geben, diese Art, sich ins Jahr 1942 zurückzuträumen, mit einer Stimme, die derart grell ist, daß sie in der Nähe eines Schienenstrangs einen Zug zum Entgleisen bringen würde, wenn Sie wissen, was ich meine.
"Monsieur Balanchiiine, was für eine Freude, Sie wiederzusehen. Ich hatte mir schon richtig Sorgen gemacht …"
Doch darauf fiel Hector nicht herein. Weil er aber nun einmal über sechs Monate fort gewesen war, versuchte sie, das entgangene Weihnachtsgeld nachzufordern. Aus Angst, einem Nachbarn zu begegnen und sein Leben vor ihm ausbreiten zu müssen, mied er den Aufzug und schleppte sich die Treppe hoch.
Sein schwerer Atem blieb nicht ungehört, und so klebte man mit den Augen an den Spionen. Als er vorüberging, öffneten sich Türen. Dabei war es nicht einmal Sonntag. Dieses Gebäude war einfach von einer nervenzehrenden Untätigkeit.










