Jostein Gaarder: "Das Orangenmädchen"

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Auf einem anderen Video sitzen mein Vater und ich vor unserem Ferienhaus auf Fjellstølen in der Ostersonne und jeder hat eine halbe Orange in der Hand. Ich versuche, aus meiner den Saft herauszusaugen, ohne sie zu schälen. Mein Vater denkt wohl an ganz andere Orangen, da bin ich mir ziemlich sicher.

Gleich nach diesen Osterferien merkte mein Vater, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Er war über ein halbes Jahr lang krank und hatte Angst, dass er bald sterben müsste. Ich glaube, er wusste, dass das passieren würde.

Mama hat mir oft erzählt, dass mein Vater besonders traurig war, weil er sterben musste, ehe er mich wirklich kennen gelernt hatte. Meine Oma sagt das auch, nur auf eine irgendwie mystische Weise.

Oma hatte immer schon eine komische Stimme, wenn sie mit mir über meinen Vater sprach. Das ist vielleicht kein Wunder. Meine Großeltern haben einen erwachsenen Sohn verloren. Was das für ein Gefühl ist, weiß ich nicht. Zum Glück haben sie auch noch einen Sohn, der lebt. Aber Oma lacht nie, wenn sie die alten Bilder meines Vaters ansieht. Sie sitzt ganz andächtig davor. Das sagt sie übrigens selber so.

Mein Vater hatte damals entschieden, dass man mit einem Jungen von dreieinhalb Jahren nicht wirklich sprechen könne. Heute begreife ich das, und wenn du dieses Buch liest, wirst du es auch bald verstehen. Ich habe ein Bild meines Vaters, auf dem er in einem Krankenhausbett liegt. Sein Gesicht ist sehr mager geworden. Ich sitze auf seinen Knien, und er hält meine Hände fest, damit ich nicht auf ihn falle. Er versucht mich anzulächeln. Das Bild ist nur wenige Wochen vor seinem Tod aufgenommen worden. Ich wünschte, ich hätte es nicht, aber wo ich es schon habe, kann ich es auch nicht wegwerfen. Ich kann nicht mal was dagegen machen, dass ich es immer wieder anschauen muss.

Heute bin ich fünfzehn, oder fünfzehn Jahre und drei Wochen, um ganz genau zu sein. Ich heiße Georg Røed und wohne im Humlevei in Oslo, zusammen mit meiner Mutter, mit Jørgen und mit Miriam. Jørgen ist mein neuer Vater, aber ich nenne ihn nur Jørgen. Miriam ist meine kleine Schwester. Sie ist erst anderthalb Jahre alt und damit wirklich zu klein, als dass man richtig mit ihr reden könnte.

Natürlich gibt es keine alten Bilder oder Videos, die Miriam mit meinem Vater zeigen. Miriams Vater ist Jørgen. Ich war das einzige Kind meines Vaters. Ganz am Ende dieses Buches werde ich ein paar echt interessante Sachen über Jørgen erzählen. Ich kann jetzt noch nichts darüber verraten, aber wer liest, wird sehen. Nach dem Tod meines Vaters kamen meine Großeltern zu uns und halfen Mama dabei, in seinen Sachen Ordnung zu schaffen. Aber etwas Wichtiges haben sie dabei nicht gefunden: etwas, das mein Vater geschrieben hatte, bevor sie ihn ins Krankenhaus brachten. Damals wusste niemand davon. Die Geschichte des "Orangenmädchens" ist erst am Montag dieser Woche aufgetaucht. Oma wollte etwas aus dem Geräteschuppen holen und fand sie im Polster der roten Kinderkarre, in der ich als kleiner Junge gesessen hatte.

Wie sie dort hingekommen ist, ist ein kleines Mysterium. Der reine Zufall kann es nicht gewesen sein, denn die Geschichte, die mein Vater schrieb, als ich dreieinhalb Jahre alt war, hat etwas mit der Karre zu tun. Das soll nicht heißen, dass es sich um eine typische Kinderkarrengeschichte handelt, so ist das wirklich nicht, aber mein Vater hat sie für mich geschrieben. Er schrieb die Geschichte des "Orangenmädchens", damit ich sie lesen könnte, wenn ich groß genug wäre, um sie zu verstehen. Er schrieb einen Brief in die Zukunft.

Wenn es wirklich mein Vater war, der die vielen Blätter, auf denen die Geschichte steht, in das Polster der alten Karre gesteckt hat, dann muss er davon überzeugt gewesen sein, dass Post immer ankommt. Ich habe mir überlegt, dass man sicherheitshalber alle alten Dinge sehr genau untersuchen sollte, ehe man sie auf den Flohmarkt bringt oder in einen Container wirft. Ich wage fast nicht mir vorzustellen, was man auf einer Müllhalde an alten Briefen und ähnlichen Sachen finden könnte. Eins habe ich mir in den letzten Tagen immer wieder überlegt. Ich finde, es müsste eine viel einfachere Methode geben, um einen Brief in die Zukunft zu schicken, als ihn ins Polster eines Kinderwagens zu schieben.

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  • Artikel vom 05.02.2010
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