Andrew Sean Greer: "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli"

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Leseprobe "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli"

25. April 1930
Jeder von uns ist die Liebe im Leben eines anderen. Das möchte ich schon einmal für den Fall festhalten, dass ich entdeckt werde und diese Seiten nicht zu Ende bringen kann, für den Fall, dass du vor Entsetzen über mein Bekenntnis und das Geschehene alles verbrennst, noch bevor ich dazu komme, dir von Mord und großer Liebe zu berichten. Ich könnte es dir nicht verdenken. Es spricht so vieles dagegen, dass je ein Mensch meine Geschichte hört. Und immerhin gilt es eine Leiche zu erklären. Eine dreimal geliebte Frau. Den Verrat an einem Freund. Und die lange Suche nach einem Jungen. Deshalb lass mich gleich mit dem Schluss beginnen und dir sagen, dass jeder von uns die Liebe im Leben eines anderen ist.

Ich sitze hier an einem herrlichen Apriltag. Um mich verwandelt sich alles; die Sonne zeichnet tiefe Schatten hinter die Kinder und Bäume und radiert sie, kaum dass eine Wolke aufzieht, wieder aus. Das Gras füllt sich mit Gold, dann zerfällt es zu nichts. Der ganze Schulhof wird mit Sonne bespritzt und besprengt, bis alles vor erhabener Schönheit leuchtet und es mir den Atem raubt, dem Schauspiel beizuwohnen. Niemand sonst achtet darauf. Die kleinen Mädchen sitzen im Kreis, ihre Kleider knistern vor Stärke und Heimlichkeiten, die Jungen sind entweder auf dem Baseball-Feld oder hängen kopfüber in den Bäumen. Am Himmel darüber erstaunt mich ein Flugzeug mit seinem Brausen und seinem braven Kreidestrich. Ein Flugzeug; das ist nicht mehr der Himmel, den ich einmal kannte.

Und ich sitze in einem Sandkasten, ein Mann von fast sechzig Jahren. Es ist frisch und der Sand fest, die kleineren Kinder können kaum graben, außerdem ist das jagende Licht zu verlockend und alle stürmen Schatten nach, also bin ich ungestört.

Wir wollen mit Abbitten beginnen:
Für die lappigen Heftseiten, die du in Händen hältst, ein trauriges Reliquiar für meine Geschichte und nicht reißfest, aber Besseres konnte ich nicht erbeuten. Für den Diebstahl, sowohl der Hefte wie auch des herrlichen Füllfederhalters, mit dem ich schreibe, den ich so viele Monate auf dem Pult meiner Lehrerin bewundert habe und den ich einfach an mich bringen musste. Für den Sand zwischen den Seiten, der sich nicht vermeiden ließ. Sicher, es gibt schlimmere Vergehen, eine verlorene Familie, einen Verrat und die vielen Lügen, die mich hierher in diesen Sandkasten geführt haben, und ich bitte um Vergebung noch für ein Letztes: Meine kindliche Handschrift.

Wir alle hassen, was aus uns wird. Da bin ich nicht der Einzige; ich habe Frauen in Restaurants in die Spiegel starren sehen, wenn sich ihre Männer kurz mal entschuldigten, Frauen im Bann ihres Selbst, wenn sie dort jemand erblickten, den sie nicht wieder erkannten. Ich habe Kriegsheimkehrer in Schaufenster blinzeln sehen, während sie die Schädel unter ihrer Kopfhaut spürten. Sie hatten geglaubt, sie könnten dem Schlimmsten ihrer Jugend entrinnen und das Beste des Alters gewinnen, aber die Zeit fegte über sie hinweg und begrub ihre Hoffnungen im Sand. Meine Geschichte ist ganz anders, aber am Ende kommt sie aufs Gleiche hinaus.

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