Andrew Sean Greer: "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli"
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Einer der Gründe dafür, dass ich hier im Sand sitze und hasse, was aus mir geworden ist, ist der Junge. Eine so lange Zeit, eine so lange Suche, die vielen Lügen, die ich Bürovorstehern und Pfarrern auftischen musste, um die Namen der Kinder in der Stadt und in den Vororten zu erfahren, das Erfinden alberner Decknamen, schließlich Tränen in einem Motelzimmer und die Frage, ob ich dich je finden würde. Du warst gut verborgen. Wie der junge Prinz im Märchen vor dem Oger versteckt wird: in einem hohlen Baumstamm, in einem Dornendickicht, an einem kargen Ort ohne Zauber. Kleiner, verborgener Sammy. Aber der Oger findet das Kind immer, nicht wahr? Denn da bist du.
Solltest du das hier lesen, lieber Sammy, dann verachte mich nicht. Ich bin ein armer alter Mann; ich wollte dir nie Böses. Behalte mich bitte nicht nur als Kinderschreck in Erinnerung, obwohl ich auch das gewesen bin. Ich habe nachts in deinem Zimmer gelegen und im Dunkeln deinen rauen Atem gehört. Ich habe dir ins Ohr gesäuselt, während du träumtest. Ich bin, was mein Vater mich immer genannt hat – eine Missgeburt, ein Monstrum –, und noch während ich diese Zeilen niederschreibe (verzeih), beobachte ich dich.
Du bist der, der mit seinen Freunden Baseball spielt, während das Licht in deinem goldenen Haar kommt und geht. Der Braungebrannte, unverkennbar der Anführer, dem die anderen Jungen grollen und den sie doch lieben; es ist gut zu erkennen, wie sehr sie dich lieben. Du stehst am Schlagmal, hebst aber die Hand, weil dich irgendwas stört: ein Jucken, vielleicht, denn jetzt fährst du dir am Nacken unwirsch ins Haar, und dann, nach diesem plötzlichen Koller, rufst du laut und bist wieder beim Spiel.
Ihr Jungen, ihr seid ohne jede Anstrengung ein Wunder. Du bemerkst mich nicht. Warum solltest du? Für dich bin ich nur der Freund im Sandkasten, der vor sich hinkritzelt. Wollen wir doch mal sehen: Ich winke dir. Da, siehst du, jetzt stützst du kurz den Schläger auf und winkst zurück, auf deinem sommersprossigen Gesicht ein keckes Grinsen, überheblich, aber völlig ahnungslos. Wie viele Jahre, wie viel Mühe es mich gekostet hat, hierher zu gelangen. Du weißt nichts, argwöhnst nichts. Wenn du mich ansiehst, siehst du einen Jungen wie dich selbst. Ein Junge, ja, das bin ich. Ich bin so viele Erklärungen schuldig, aber zuallererst glaub mir:
In diesem elenden Körper werde ich an Geist und Seele alt. Doch äußerlich werde ich jung. Es gibt keinen Namen für das, was ich bin. Ärzte begreifen es nicht; meine Zellen wuseln unter dem Mikroskop falsch herum, teilen sich und verdoppeln ihre Unwissenheit. Ich selbst aber sehe mich als uralten Fluch. Den gleichen, mit dem Hamlet Polonius bedachte, bevor er den Alten aufspießte, nämlich dass er "wie ein Krebs rückwärts" kriecht, immer rückwärts. Schließlich sehe ich, während ich dies schreibe, aus wie ein zwölfjähriger Junge. Mit fast sechzig habe ich Sand am Hosenboden und Dreck am Schirm meiner Mütze. Mein Lachen ist frisch wie ein Apfelbissen. Und doch hat man mich schon für einen Jüngling von zweiundzwanzig gehalten, mit Gewehr und Gasmaske. Davor für einen Mittdreißiger, der im Erdbeben seine Liebste suchte. Einen arbeitsamen Vierzigjährigen, einen ängstlichen Fünfzigjährigen und älter und älter, je näher wir meiner Geburt kommen.
"Alt werden kann jeder", sprach mein Vater gern aus dem Bukett seines Zigarrenqualms. Aber ich bin auf die Welt geplatzt wie vom anderen Ende des Lebens, und die Tage seither waren solche der physischen Umkehr, der schwindenden Krähenfüße, des Dunkelns des weißen und dann grauen Haars, der muskulöser werdenden Arme und sich rosig verjüngenden Haut, des Aufschießens und dann wieder Schrumpfens zu dem bartlosen, harmlosen Jungen, der dieses blasse Bekenntnis kritzelt.
Ein Mondkalb, ein Wechselbalg, so aus der Menschenart geschlagen, dass ich schon auf der Straße gestanden und jeden verliebten Mann gehasst habe, jede Witwe in Schwarz, jedes von einem ergebenen Hund hinter sich hergezerrte Kind.
Ginbeduselt habe ich geflucht und Wildfremde angespuckt, die mich für das Gegenteil dessen hielten, was ich im Innern war – für einen Erwachsenen das Kind, für einen Schuljungen den alten Mann, der ich jetzt bin. Ich habe gelernt, was Mitgefühl heißt, und bedauere die Leute ein wenig, weil ich besser als jeder andere weiß, was ihnen noch bevorsteht.










