Audrey Niffenegger: "Die Frau des Zeitreisenden"

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Manchmal bist du euphorisch. Alles ist erhaben und sehr atmosphärisch, und plötzlich wird dir wahnsinnig übel, und schon bist du fort. Du übergibst dich auf ein paar Geranien in einem Vorort, oder auf die Tennisschuhe deines Vaters, oder wie vor drei Tagen auf deinen eigenen Badezimmerboden, oder auf einen hölzernen Gehweg in Oak Park, Illinois, das war ungefähr 1903, auf einem Tennisplatz an einem schönen Herbsttag in den 1950ern, oder auf deine eigenen bloßen Füße an den unterschiedlichsten Orten, zu den verschiedensten Zeiten.
Wie es sich anfühlt?
Es fühlt sich an wie einer dieser Träume, in denen dir schlagartig einfällt, dass du eine Arbeit schreiben musst, für die du nichts gelernt hast, und außerdem nackt bist und deine Brieftasche zu Hause gelassen hast. Wenn ich dort draußen bin, irgendwo in der Zeit, ist mein Innerstes nach außen gestülpt, bin ich die verzweifelte Version meiner selbst. Ich werde ein Dieb, ein Landstreicher, ein Tier, das davonläuft und sich versteckt. Ich erschrecke alte Frauen, versetze Kinder in Staunen. Ich bin ein Trick, eine Illusion höchsten Grades, so unglaublich, dass ich schon wieder wahr bin. Ob all diesem Kommen und Gehen, diesen vielen Verschiebungen eine Logik, eine Regel zugrunde liegt? Ob es eine Methode gibt, hier zu bleiben und die Gegenwart mit jeder Faser anzunehmen? Ich weiß es nicht. Aber es gibt Hinweise; wie bei jeder Krankheit gibt es Muster und Möglichkeiten. Erschöpfung, Krach, Stress, plötzliches Aufstehen, blinkende Lichter – jedes davon kann eine Episode auslösen. Aber: Ich kann auch mit einem Kaffee in der Hand die Sunday Times lesen, während Clare neben mir auf dem Bett döst, und plötzlich bin ich im Jahr 1976 und sehe mich als Dreizehnjährigen den Rasen meiner Großeltern mähen. Manchmal dauern diese Episoden nur Sekunden; es ist, als höre man einem Autoradio zu, bei dem ständig der Sender verrutscht. Ich finde mich unter Menschenmengen, Zuschauern, irgendwelchen Horden wieder. Aber ebenso oft bin ich allein, auf einem Feld, in einem Haus oder Auto, an einem Strand, in einer Schule mitten in der Nacht. Ich habe Angst, mich im Gefängnis wiederzufinden, in einem Aufzug voller Menschen, mitten auf einer Straße. Ich erscheine wie aus dem Nichts und bin nackt. Wie soll ich das erklären? Mir ist es nie gelungen, etwas mitzunehmen. Keine Kleider, kein Geld, keinen Ausweis. Den Großteil meiner Ausflüge verbringe ich damit, mir Kleidung zu besorgen und mich zu verstecken. Zum Glück trage ich keine Brille.

Eigentlich ist es absurd, denn am wohlsten fühle ich mich zu Hause: in einem gemütlichen Sessel, umgeben von den bescheidenen Freuden des häuslichen Lebens. Ich will nur ein klein wenig Glück. Ein Krimi im Bett, der Duft von Clares langem rotblondem Haar, noch feucht vom Waschen, eine Urlaubspostkarte von einem Freund, Sahnewolken im Kaffee, die weiche Haut unter Clares Brüsten, die Symmetrie von noch nicht ausgepackten Einkaufstüten auf der Küchentheke. Ich schlendere unheimlich gern durchs Magazin in der Bibliothek, wenn die Leser nach Hause gegangen sind, und berühre zärtlich die Buchrücken. Das sind die Dinge, die ich schmerzlich vermisse, wenn sie mir durch die Launen der Zeit entzogen sind.

Und Clare, immer wieder Clare. Clare am Morgen, schläfrig und mit zerknittertem Gesicht. Clare beim Papier schöpfen, wenn sie die Arme in die Wanne taucht, die Schöpfform herauszieht und hin und her bewegt, damit die Fasern sich vermischen.

Clare beim Lesen, wenn ihre Haare über die Stuhllehne fallen und sie sich vor dem Schlafengehen Salbe in die rissigen roten Hände massiert. Clares leise Stimme ist mir oft im Ohr. Ich finde es schrecklich, fort zu sein, an einem Ort ohne sie, in einer Zeit ohne sie. Aber immer wieder muss ich gehen, und sie kann nicht mitkommen.

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  • Artikel vom 05.02.2010
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