Nicole Krauss: "Die Geschichte der Liebe"

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Nachdem Mrs. Freid aus dem dritten Stock gestorben war und es drei Tage gedauert hatte, bis jemand sie fand, gewöhnten Bruno und ich uns an, nacheinander zu schauen. Wir fanden immer eine kleine Ausrede. Mein Klopapier ist alle, sagte ich etwa, wenn Bruno aufmachte. Ein Tag verging. Dann klopfte es bei mir. Ich habe mein Fernsehprogramm verlegt, erklärte er, und ich ging ihm meines holen, obwohl ich wusste, dass seines genau da auf seiner Couch lag, wo es immer lag. Einmal kam er sonntagnachmittags herunter. Ich brauche eine Tasse Mehl, sagte er. Es war taktlos, aber es rutschte mir so heraus: Du kannst doch gar nicht kochen. Betretenes Schweigen. Bruno sah mir in die Augen. Hast du eine Ahnung, sagte er, ich backe einen Kuchen.

Bei meiner Ankunft in Amerika kannte ich kaum jemanden, nur einen Vetter zweiten Grades, der Schlosser war, also arbeitete ich für ihn. Wäre er Schuster gewesen, wäre ich Schuster geworden; hätte er Scheiße geschaufelt, hätte ich mitgeschaufelt. Aber: Er war Schlosser. Er brachte mir das Handwerk bei, und es wurde mein Beruf. Wir hatten zusammen einen kleinen Betrieb, doch eines Tages erkrankte er an Tb, die Leber musste ihm herausgeschnitten werden, er bekam über 40 Grad Fieber und starb, also übernahm ich. Ich schickte seiner Frau die Hälfte vom Gewinn, auch später noch, als sie einen Doktor geheiratet hatte und nach Bay Side gezogen war. Ich blieb über fünfzig Jahre im Geschäft. Es ist nicht das, was ich mir gewünscht hätte. Und doch. Die Wahrheit ist, dass es mir lieb geworden ist. Ich verschaffte denen Einlass, die ausgeschlossen waren, während ich anderen auszuschließen half, was nicht eingelassen werden durfte, damit sie albtraumfrei schlafen konnten.

Dann, eines Tages, sah ich aus dem Fenster. Vielleicht in die Betrachtung des Himmels vertieft. Setz einen Toren ans Fenster, und es kommt ein Spinoza heraus. Der Nachmittag verging, Dunkelheit brach herein. Ich reckte mich nach der Strippe der Glühbirne, und plötzlich war es, als hätte mir ein Elefant aufs Herz getreten. Ich fiel auf die Knie. Ich dachte: Ewig habe ich nicht gelebt. Eine Minute verging. Noch eine Minute. Noch eine. Ich klammerte mich an den Fußboden, schleppte mich zum Telefon.

Fünfundzwanzig Prozent meines Herzmuskels starben ab. Es dauerte, bis ich mich erholt hatte, und ich nahm meine Arbeit nie wieder auf. Ein Jahr verging. Ich spürte die Zeit um ihrer selbst willen zerrinnen. Ich starrte aus dem Fenster. Sah den Herbst Winter, den Winter Frühling werden. An manchen Tagen kam Bruno herunter und setzte sich zu mir. Wir kennen uns von ganz früher, als wir kleine Jungen waren; wir sind zusammen in die Schule gegangen. Er war einer meiner engsten Freunde, mit dicker Brille, rötlichen Haaren, die er hasste, und überschnappender Stimme, wenn er sich aufregte.

Ich wusste nicht, dass er noch lebte, aber dann ging ich eines Tages den East Broadway entlang und hörte diese Stimme. Ich drehte mich um. Mit dem Rücken zu mir stand er vor einem Lebensmittelladen und fragte nach dem Preis irgendeiner Frucht. Ich dachte: Du hast sie nicht mehr alle, was bist du nur für ein Träumer, wie wahrscheinlich ist das – dein Sandkastenfreund? Wie angewurzelt stand ich auf dem Bürgersteig. Er ist unter der Erde, sagte ich mir. Und du, du bist hier, in den Vereinigten Staaten von Amerika, da ist McDonald’s, reiß dich zusammen.

Ich wartete nur, um sicherzugehen. Sein Gesicht hätte ich nicht wiedererkannt. Aber: Sein Gang war unverkennbar. Er war schon fast an mir vorbei, da streckte ich den Arm aus. Ich wusste nicht mehr, was ich tat, vielleicht sah ich Gespenster, ich packte ihn am Ärmel. Bruno, sagte ich. Er blieb stehen und drehte sich um. Zuerst schien er erschrocken, dann verwirrt. Bruno. Er sah mich an, Tränen stiegen ihm in die Augen.

Ich packte seine andere Hand, hielt einen Ärmel und eine Hand. Er fing an zu zittern. Strich mir über die Wange. Wir standen mitten auf dem Bürgersteig, Leute eilten vorbei, es war ein warmer Junitag. Sein Haar war dünn und weiß. Er ließ das Obst fallen. Bruno.

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  • Artikel vom 05.02.2010
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