Henri-Pierre Roché: "Jules und Jim"
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Leseprobe aus "Jules und Jim"
Es war um 1907.
Jules, klein, rundlich und fremd in Paris, hatte den großen und schlanken Jim, den er flüchtig kannte, gebeten, ihm Eintritt zum Ball der Vier Künste zu verschaffen, und Jim hatte ihm eine Karte besorgt und ihn zum Kostümverleih mitgenommen. Als Jules betulich in den Stoffen suchte und sich schließlich für ein einfaches Sklavenkostüm entschied, da regte sich zum erstenmal Jims Freundschaft zu Jules. Sie wuchs während des Balls, auf dem Jules nichts sagte, große Kulleraugen machte und voller Humor und Zärtlichkeit war.
Tags drauf hatten sie ihre erste richtige Unterhaltung. Jules hatte kein Mädchen in Paris und wünschte sich eins. Jim hatte mehrere. Er machte ihn mit einer jungen Musikstudentin bekannt. Die Begegnung ließ hoffen: Jules war eine Woche lang ein wenig verliebt, sie ebenfalls. Dann fand Jules sie zu durchgeistigt, und sie fand ihn ironisch und schüchtern.
Jules und Jim sahen sich Tag für Tag. Einer brachte dem anderen seine Sprache und seine Literatur bei, bis weit in die Nächte hinein. Sie zeigten sich ihre Gedichte und übersetzten sie gemeinsam. Sie plauderten und nahmen sich Zeit, und keiner von beiden hatte je einen so aufmerksamen Zuhörer gefunden. Freilich, die Stammgäste in den Bars dichteten ihnen bald einen speziellen Lebenswandel an, aber davon merkten sie nichts.
Jim führte Jules in die literarischen Cafés ein, wo Berühmtheiten verkehrten. Jules wurde wohlwollend aufgenommen, und Jim freute sich darüber. Jim hatte eine Freundin in einem dieser Cafés, ein ungeniertes kleines Frauenzimmer, das in den Hallen den Becher höher schwang als die Dichter – oft bis sechs Uhr in der Früh. Sie verteilte ihre kurze Gunst souverän. In jeder Situation wahrte sie eine Freiheit jenseits des Gesetzes und einen blitzschnellen Witz, der ins Schwarze traf. Zu dritt gingen sie aus. Sie brachte Jules, den sie nett, aber einen Versager fand, aus der Fassung. Er fand sie bemerkenswert, aber schrecklich. Darauf trieb sie für Jules eine phlegmatische Freundin auf, die Jules jedoch am Ende zu phlegmatisch fand.
Weiter konnte Jim für Jules nichts tun. Er ermunterte ihn, allein weiterzusuchen. Jules, vielleicht gehemmt durch sein noch schlechtes Französisch, erlebte alle Tage Niederlagen. Jim sagte zu Jules: "An der Sprache kann es nicht liegen." Und er erklärte ihm das Prinzipielle. "Ebensogut könnten Sie mir Ihre Schuhe oder Ihre Boxhandschuhe geben", sagte Jules, "es hilft nichts; sie sind zu groß für mich."
Jules nahm, ganz gegen Jims Rat, Beziehungen zu Professionellen auf, ohne dort Befriedigung zu finden. So widmeten sie sich wieder ganz ihren Übersetzungen und ihren Gesprächen.
Jim in München
Währenddessen kam Jules’ Mutter, betagt, aber noch
rüstig, aus Mitteleuropa angereist, um ihren Sohn in Paris
zu besuchen. Sie examinierte seine Wäsche und achtete
darauf, daß ihm kein Knopf fehlte. Sie führte Jules und
Jim in die feinsten Restaurants aus, bestand aber auf
Gehrock und Zylinder. Das kostete Jules beträchtliche
Anstrengungen. – Sie reiste wieder ab.
Drei Monate später, an einem verregneten Abend, improvisierte Jules ein Abendessen in seinen zwei möblierten Zimmern. Jim fand, als er zufällig die Klappe des Fayenceofens öffnete, dort den teuren Zylinder von Jules: er war mit einer feinen Rußschicht überzogen. Zufrieden sagte Jules: "Da stört er mich nicht, und der Ruß konserviert ihn." Jim entgegnete: "Ich bin nicht Ihre Mutter, Jules."










