Henri-Pierre Roché: "Jules und Jim"

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Sie aßen meist in kleinen Bistros. Ihr Geld verschwendeten sie für Zigarren; einer suchte für den anderen die besten aus. Sie besuchten das Concert Mayol und die Gaîté Montparnasse, wo gerade die Colette auftrat. Jules erzählte Jim ausführlich von seinem Land und von den Mädchen seines Landes. Eine hatte er geliebt, Lucie, doch vergeblich um ihre Hand angehalten. Dann war er nach Paris gegangen. Nach sechs Monaten wollte er heimfahren, um sie wiederzusehen.

"Es gibt noch eine andere", sagte Jules: "Gertrud, sie führt ein freies Leben und hat ein hübsches Kind. Sie versteht mich und nimmt mich nicht zu ernst. Schau hier."

Jules zog aus seiner Brieftasche ein Foto von Gertrud: nackt ausgestreckt am Strand, umspült von einer kleinen Welle, der einjährige Sohn ebenfalls nackt zu Füßen seiner Mutter, zum Meer gewandt, wie Eros auf einer Festung.

"Und es gibt noch eine: Lina, die ich vielleicht lieben würde, wenn ich nicht Lucie liebte. Passen Sie auf, so sieht sie aus." Und er zeichnete mit schmalen weichen Strichen ein Gesicht auf den runden Marmortisch. Jim betrachtete dieses Gesicht, während sie sich weiter unterhielten. Dann sagte er zu Jules: "Ich fahre mit Ihnen." "Um sie kennenzulernen?" "Ja." "Bravo!" sagte Jules. Jim wollte den Tisch kaufen, aber der Wirt war nicht bereit, ihn abzugeben, es sei denn, alle zwölf auf einmal.

Die drei Schönen
Um die Dinge in Gang zu bringen, traf Jules acht Tage vor Jim in München ein, wo er im Kreis der drei Frauen zwei Jahre verbracht hatte.

Er mietete für Jim zwei große Zimmer bei netten Leuten und annoncierte ihn seinen drei Freundinnen, einer jeden mit anderen Kommentaren, so daß sie sich gar nicht mehr zurechtfanden, als sie untereinander die Beschreibungen verglichen.

Nach Jims Ankunft stellte Jules ihn Lina vor, die die Geschichte mit dem Tisch kannte. Noch bevor man mit dem Teegebäck zu Ende war, einigte sich Lina, ein schönes aber maliziöses Kind, zu Jules’ Überraschung mit Jim über die folgenden Punkte:

a) Jim entsprach nur wenig der Beschreibung, die Jules Lina gegeben hatte.
b) Lina hatte kaum Ähnlichkeit mit der Zeichnung auf dem runden Tisch.
c) Beide fanden sich sympathisch, erklärten aber gleich, um Jules’ und ihre eigene Zeit nicht zu verschwenden, daß der zündende Funke nicht übergesprungen sei.

"Wie ich euch um die Klarheit und Schnelligkeit eurer Reaktionen beneide …", sagte Jules. Was Lucie und Gertrud angeht, so stellte Jules sie beide Jim bei einem Abendessen vor, in einem der modernsten Restaurants der Stadt. Sie erschienen zusammen, ein starker Kontrast, und nahmen, nachdem sie ihre Abendmäntel abgelegt hatten, an einem Tisch aus lichtem Holz Platz, der mit einem weißen Tuch und seltsamen Gläsern gedeckt war.

Ein glückliches und furchtsames Lächeln huschte über Jules’ Lippen, als er allen dreien sagte, wie sehr er sie ins Herz geschlossen habe.

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  • Artikel vom 05.02.2010
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