Zeruya Shalev: "Mann und Frau"

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Leseprobe "Mann und Frau"

Im ersten Augenblick des Tages, noch bevor ich weiß, ob es kalt oder warm ist, gut oder schlecht, sehe ich die Arava vor mir, die Wüste zwischen dem Toten Meer und Eilat, mit ihren blassen Staubsträuchern, krumm wie verlassene Zelte. Nicht daß ich in der letzten Zeit dort gewesen wäre, aber er war es, erst gestern abend ist er von dort zurückgekommen, und jetzt macht er ein schmales, sandfarbenes Auge auf und sagt, sogar im Schlafsack in der Arava habe ich besser geschlafen als hier, mit dir.

Sein Atem riecht wie ein alter Schuh, und ich drehe den Kopf zur anderen Seite, zu dem platten Gesicht des Weckers, der gerade anfängt zu rasseln, und er faucht, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst den Wecker in Nogas Zimmer stellen, und ich richte mich mit einem Ruck auf, Sonnenflecken tanzen mir vor den Augen, wieso denn, Udi, sie ist doch noch ein Kind, wir müssen sie wecken, nicht sie uns. Wieso bist du dir immer so sicher, daß du weißt, wie etwas gemacht werden soll, sagt er gereizt, wann verstehst du endlich, daß keiner immer alles wissen kann, und da ist auch schon ihre Stimme zu hören, zögernd, sie springt über die Hefte, die auf dem Teppich liegen, über die Bücherstapel, Papa?

Er beugt sich über mich, bringt wild den Wecker zum Schweigen, und ich flüstere zu seiner Schulter, sie ruft dich, Udi, steh auf, sie hat dich fast eine Woche lang nicht gesehen. In diesem Haus kann man noch nicht mal richtig ausschlafen, er reibt sich widerwillig die Augen, eine Zehnjährige, die man verhätschelt wie ein Baby, gut, daß du sie nicht noch wickelst, und schon taucht ihr Gesicht in unserer Tür auf, den Hals schräg gelegt, den Körper noch verborgen hinter der Wand. Ich habe keine Ahnung, was sie von unserem Gespräch mitbekommen hat, ihre hungrigen Augen verschlingen die Bewegung unserer Lippen und verdauen nichts, und jetzt wendet sie sich an ihn, von vornherein gequält, Papa, wir haben dich vermißt, und er schickt ihr ein verzerrtes Lächeln, wirklich? Und sie sagt, klar, fast eine Woche.

Für was braucht ihr mich überhaupt, er spitzt die Lippen, ohne mich geht es euch besser, und sie weicht zurück, die Augen zusammengekniffen, und ich steige aus dem Bett, Süße, er macht nur Spaß, geh und zieh dich an. Gereizt zerre ich den Rolladen hoch, das grelle Licht überfällt mit einem Schlag das Zimmer, als wäre ein starker himmlischer Scheinwerfer auf uns gerichtet, der unser Tun verfolgt. Na’ama, ich sterbe vor Durst, sagt er, bring mir ein Glas Wasser, und ich keife, ich habe keine Zeit, mich jetzt auch noch um dich zu kümmern, sonst kommt Noga noch zu spät und ich auch, und er versucht, sich aufzusetzen, und ich sehe ihn mit müden Bewegungen über das Bett tasten, die gebräunten Arme zitternd, das Gesicht rot vor Anstrengung und Gekränktsein, als er flüstert, Na’ama, ich kann nicht aufstehen.

Das hört sie sofort, gleich ist sie neben dem Bett, die Haarbürste in der einen Hand, und hält ihm die andere hin, komm, Papa, ich helf dir, sie versucht, ihn hochzuziehen, mit krummem Rücken und vorgewölbten Lippen, die feinen Nasenflügel gespannt, bis sie über ihm zusammenbricht, rot, hilflos, Mama, er kann wirklich nicht aufstehen. Was heißt das, sage ich erschrocken, tut dir etwas weh? Und er stottert, mir tut nichts weh, aber ich spüre meine Beine nicht, ich kann sie nicht bewegen, und seine Stimme wird zum erschrockenen Wimmern eines jungen Hundes, ich kann nicht.

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