Zeruya Shalev: "Mann und Frau"
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Ich ziehe die Decke von ihm, seine langen, mit weichem Flaum bedeckten Beine liegen bewegungslos nebeneinander, die harten Muskeln gespannt wie Saiten. Schon immer war ich neidisch auf diese Beine, die nie müde werden und Touristen durch die Arava und die judäische Wüste und durch den unteren und oberen Galil führen, während ich immer zu Hause bleibe, weil mir das Gehen schwerfällt. Alles Ausreden, sagt er oft, und der Rucksack strahlt schon auf seinem Rücken wie ein glückliches Baby, du möchtest einfach ohne mich sein, und ich stehe dann verwirrt vor ihm, deute traurig auf meine ewig schmerzenden Plattfüße, die uns trennen.
Wo hast du kein Gefühl, ich streiche mit zitternden Fingern über seinen Oberschenkel, kneife in das feste Fleisch, fühlst du das? Und Noga, die immer übertreibt, fährt mit ihrer Haarbürste auf seinen Beinen hin und her und zieht rote Striemen in die Haut, spürst du das, Papa? Genug, hört auf, er platzt, ihr könnt einen ja komplett verrückt machen! Und sie drückt die Borsten ihrer Haar- bürste in ihre Handfläche, wir wollten doch nur prüfen, ob du was spürst, und ihm tut es schon leid, er sagt, ich spüre etwas Dumpfes, aber ich kann mich nicht bewegen, als wären meine Füße eingeschlafen und ich würde es nicht schaffen, sie aufzuwecken. Mit geschlossenen Augen tastet er nach der Decke, und ich breite sie mit langsamen Bewegungen über seinen Körper, nachdem ich sie vor ihm geschüttelt habe, wie meine Mutter es immer liebevoll tat, wenn ich krank war und sie mir mit dem Luftzug die Stirn kühlte. Seine dünnen Haare wehen auf und sinken wieder auf den Kopf zurück, mit der Decke, aber er stöhnt unter ihr wie geschlagen, was ist mit der Decke, sie ist so schwer, und ich sage, Udi, das ist deine ganz normale Decke, und er ächzt, sie erstickt mich, ich bekomme keine Luft.
Mama, es ist schon halb acht, jammert Noga aus der Küche, und ich habe noch nichts gegessen, und ich werde nervös, was willst du von mir, nimm dir selbst was, du bist kein Baby mehr, und sofort tut es mir leid und ich laufe zu ihr, kippe Cornflakes in eine Schüssel und hole Milch aus dem Kühlschrank, aber sie steht auf, die Lippen gekränkt verzogen, ich habe keinen Hunger, sie setzt den Ranzen auf und geht zur Tür, ich sehe ihr nach, etwas Seltsames blitzt mir zwischen den Schulterriemen entgegen, bunte Kinderbilder, Bärchen und Hasen hüpfen fröhlich auf und ab, als sie die Treppe hinuntergeht, und dann merke ich es plötzlich. Noga, du hast noch deinen Pyjama an, du hast vergessen, dich anzuziehen!
Sie kommt wieder herauf, mit gesenktem Blick, die Augen fast geschlossen, ich höre, wie der Ranzen auf den Boden fällt und die Bettfedern knarren. Ich laufe in ihr Zimmer und da liegt sie, auf den Bauch gedreht in ihrem Bett, Bärchen und Häschen zugedeckt, was machst du, schimpfe ich, es ist schon Viertel vor acht, und sie bricht in Tränen aus, ich will nicht in die Schule, ich fühle mich nicht wohl. Ihre Augen fixieren mich mit einem vorwurfsvollen Blick, sie sieht, wie sich mein Herz gegen sie verhärtet, wie mich der Rückstoß an die Wand preßt. Ein aggressives Weinen läßt jede einzelne ihrer Locken erzittern, und ich schreie, warum machst du es mir noch schwerer, ich halte es nicht aus mit dir, und sie schreit, und ich halte es nicht aus mit dir. Wütend springt sie auf, und ich habe das Gefühl, gleich reißt sie den Mund auf und beschimpft mich, aber sie knallt mir die Tür vor der Nase zu.
Ich mache ein paar langsame Schritte rückwärts, starre die eine zugeknallte Tür an und die andere, schweigende, Schritt für Schritt weiche ich zurück, bis ich mit dem Rücken an die Wohnungstür stoße, ich mache sie auf und gehe hinaus, unten auf der Treppe setze ich mich, im Nachthemd, auf eine kühle Stufe und betrachte den schönen Tag, der sich mit goldener Luft schmückt, ein leichter Wind führt einen Haufen Blätter spazieren, sammelt hinter sich die Reste bunter Blumen, Honigwolken schmeicheln sich sehnsüchtig ein.
Schon immer habe ich solche Tage gehaßt, bin durch sie hindurchspaziert wie ein unerwünschter Gast, denn an solch einem Tag tritt die Trauer noch stärker hervor, sie findet in diesem großen Glanz keinen Ort, an dem sie sich verstecken könnte, sie flieht wie ein erschrockenes Kaninchen vor dem plötzlichen Licht und prallt wieder und wieder gegen die glitzernden Wellen des Glücks.










