Patricia Highsmith: "Salz und sein Preis"
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Leseprobe "Salz und sein Preis"
Es war die Stoßzeit der Mittagspause in der Mitarbeiterkantine von Frankenberg’s. An keinem der langen Tische war ein Platz frei; immer mehr Neuankömmlinge reihten sich in die Warteschlange hinter der Holzsperre neben der Kasse ein. Zwischen den Tischen suchten Leute mit ihrem Essenstablett in den Händen nach einer Lücke, in die sie sich quetschen konnten, oder nach jemandem, der im Begriff war, seinen Platz zu räumen, doch vergebens. Das Tellerklirren, Stühlerücken, der Stimmenlärm, die schlurfenden Füße und das Krack-krack-krack der Drehkreuze in dem Raum mit seinen nackten Wänden klangen wie das Lärmen einer einzigen großen Maschine.
Therese aß nervös, die Broschüre "Willkommen bei Frankenberg’s" vor sich aufgeschlagen an eine Zuckerdose gelehnt. Die dicke Broschüre hatte sie letzte Woche an ihrem ersten Ausbildungstag ganz gelesen, doch sie hatte nichts anderes dabei, worauf sie sich konzentrieren konnte, um ihre Nervosität in der Kantine zu meistern. Wieder las sie von den Urlaubsvergünstigungen, den drei Wochen Urlaub, die Mitarbeitern gewährt wurden, wenn sie seit fünfzehn Jahren bei Frankenberg’s arbeiteten; sie aß das warme Tagesgericht – eine graue Scheibe Roastbeef mit einer Kugel Kartoffelbrei, von brauner Bratensauce bedeckt, einem Berg Erbsen und einem winzigen Pappschälchen mit Meerrettich.
Sie versuchte sich vorzustellen, seit fünfzehn Jahren im Kaufhaus Frankenberg’s zu arbeiten, und merkte, daß es ihr nicht gelang. "Fünfundzwanziger" erhielten vier Wochen Urlaub, verriet die Broschüre. Frankenberg’s stellte auch ein Ferienheim für Sommer- und Winterurlauber zur Verfügung. Eigentlich gehörte noch eine Kirche dazu, dachte Therese, und ein Krankenhaus, in dem man entbinden konnte. Das Kaufhaus war so gefängnisartig durchorganisiert, daß sie hin und wieder mit Erschrecken daran dachte, daß sie dazugehörte. Sie blätterte schnell um und sah auf einer Doppelseite die großen Buchstaben: "Sind Sie ein Frankenberger?"
Sie blickte durch den Raum zu den Fenstern und versuchte, an etwas anderes zu denken. An den wunderschönen schwarz und rot gemusterten Norwegerpullover, den sie bei Saks gesehen hatte und Richard zu Weihnachten schenken könnte, falls sie keine schönere Brieftasche fand als die Modelle, die für zwanzig Dollar angeboten wurden. Daran, daß sie nächsten Sonntag mit den Kellys nach West Point fahren und sich ein Hockeyspiel ansehen könnte. Das große quadratische Fenster an der gegenüberliegenden Wand sah aus wie ein Bild von – wie hieß er? Mondrian. Das kleine Fensterglasquadrat in der Ecke und darum herum weißer Himmel. Und kein Vogel, der hindurchflog. Was für ein Bühnenbild würde man für ein Stück entwerfen, das in einem Kaufhaus spielte?
Sie war wieder beim Ausgangspunkt. Aber bei dir ist es doch etwas anderes, Terry, hatte Richard zu ihr gesagt. Bei dir steht es doch ohnehin fest, daß du in ein paar Wochen draußen bist, und bei den anderen eben nicht. Richard sagte, nächsten Sommer könne, nein, würde sie in Frankreich sein. Richard wollte, daß sie mit ihm fuhr, und eigentlich gab es keinen Hinderungsgrund. Und Richards Freund Phil McElroy hatte ihm geschrieben, daß er ihr möglicherweise für den nächsten Monat eine Arbeit bei einer Theatertruppe verschaffen könne. Therese hatte Phil noch nicht kennengelernt, doch ihre Zuversicht, daß er ihr eine Stelle besorgen könne, war gering. Seit September hatte sie ganz New York abgesucht, regelrecht durchkämmt, ohne jedes Ergebnis. Wer sollte schon mitten im Winter eine Stelle für eine angehende Bühnenbildnerin haben, die kurz davor stand, ihre ersten Erfahrungen zu sammeln?










