Patricia Highsmith: "Salz und sein Preis"
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Ebenso unwirklich erschien es ihr, nächsten Sommer mit Richard in Europa zu sein, mit ihm in den Straßencafés zu sitzen, mit ihm Arles zu durchstreifen, die Orte aufzusuchen, die van Gogh gemalt hatte, mit Richard zusammen Städte auszusuchen, in denen sie sich eine Zeitlang aufhalten wollten, damit er malen konnte. Und in den letzten Tagen, seit sie in dem Kaufhaus arbeitete, war es ihr noch unwirklicher erschienen.
Sie wußte, was ihr an dem Kaufhaus nicht paßte. Es war etwas, was sie Richard nie erzählen würde. Es hatte damit zu tun, daß alles, was ihr noch nie gepaßt hatte, so lange sie zurückdenken konnte, durch das Kaufhaus verstärkt wurde. Die sinnlosen Verrichtungen, die zwecklosen Strafarbeiten, die sie daran zu hindern schienen, das zu tun, was sie tun wollte oder hätte tun können – in diesem Fall die komplizierte Handhabung der Geldtaschen, der Arbeitskleidungskontrolle und der Stechuhren, die letztlich verhinderte, daß die Angestellten ihre Tätigkeit so reibungslos wie möglich verrichteten, der Eindruck, daß jeder von ihnen mit niemand anderem in Verbindung stand und von allen anderen abgeschieden existierte und daß die Bedeutung, die Botschaft, die Liebe oder was auch immer jedes einzelnen Lebens keinen Ausdruck finden konnte.
Es erinnerte sie an Gespräche bei Essenseinladungen oder Cocktailpartys, wo die Worte der Leute über toten, unbeweglichen Gegenständen zu schweben schienen und nie eine Saite angeschlagen wurde. Und wenn einer versuchte, eine tönende Saite zu berühren, blickten ihn unverändert starre Mienen an, wurden so vollendet nichtssagende Bemerkungen gemacht, daß sie nicht einmal als Ausflucht erschienen. Und die Einsamkeit, verstärkt durch den Umstand, daß man in dem Laden Tag für Tag dieselben Gesichter sah und vereinzelt Gesichter, die man hätte ansprechen können, aber nie ansprach und nie ansprechen würde. Anders als das Gesicht im vorbeifahrenden Bus, das zu uns zu sprechen scheint, das für einen Augenblick aufblitzt und dann für immer verschwindet.
Jeden Morgen, wenn sie in der Schlange vor der Stechuhr im Untergeschoß wartete und ihre Augen unbewußt die Festangestellten von den Aushilfskräften sonderten, fragte sie sich, wie sie hier hatte landen können – sie hatte auf eine Annonce geantwortet, gewiß, aber das war keine Erklärung für ihr Los hier – und was sie als nächstes statt eines Bühnenbildauftrags erwarten mochte. Ihr Leben war eine Abfolge von Zickzackbewegungen. Sie war neunzehn und hatte Angst. "Sie müssen lernen, anderen Leuten zu vertrauen, Therese. Vergessen Sie das nicht", hatte Schwester Alicia sie oft ermahnt. Und oft, sehr oft, hatte Therese versucht, sich daran zu halten. "Schwester Alicia", flüsterte Therese leise; die lispelnden Silben hatten etwas Tröstliches.
Therese richtete sich wieder auf und ergriff ihre Gabel, weil der Junge, der die Teller abräumte, sich näherte. Sie konnte Schwester Alicias Gesicht vor sich sehen, knochig und gerötet wie rosiges Gestein im Sonnenlicht, und die gestärkte blaue Wölbung ihres Busens. Schwester Alicias große knochige Gestalt, die um eine Ecke im Flur kam, zwischen den weißen Emailletischen im Refektorium ging, Schwester Alicia an tausend verschiedenen Orten, und ihre kleinen blauen Augen fanden Therese stets unfehlbar, sahen sie als etwas Besonderes unter all den anderen Mädchen, das wußte Therese, obwohl die dünnen rosa Lippen immer die gleiche gerade Linie bildeten.
Sie sah, wie Schwester Alicia ihr die grünen Strickhandschuhe überreichte, in Seidenpapier eingewickelt, ohne zu lächeln, sondern sie ihr an ihrem achten Geburtstag beinahe wortlos und brüsk hinhielt. Schwester Alicia, die ihr mit dem gleichen zusammengepreßten Mund erklärte, daß sie ihre Arithmetikprüfung bestehen müsse. Wer sonst hätte sich dafür interessiert, ob sie ihre Arithmetikprüfung bestand?
Therese hatte die Handschuhe im Internat hinten in ihrem Zinnschubfach aufbewahrt, jahrelang, als Schwester Alicia längst nach Kalifornien gegangen war. Das weiße Seidenpapier war weich und faltenlos geworden wie altes Tuch, doch die Handschuhe hatte sie nie getragen. Und schließlich waren sie ihr zu klein geworden.










