E. M. Forster: "Zimmer mit Aussicht"

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Für gewöhnlich beobachteten Pensionsgäste sie erst ein oder zwei Tage lang, ehe sie sie ansprachen – und fanden oft erst nach ihrer Abreise heraus, ob sie nun 'passend' gewesen wären oder nicht. Sie wußte, daß der, der sich einmischte, keine Manieren hatte; sie brauchte ihn sich erst gar nicht anzusehen. Er war ein alter Mann von massiger Statur mit offenem glattrasierten Gesicht und großen Augen. Diese Augen hatten etwas Kindliches, wenngleich es nicht die Kindlichkeit der Senilität war. Was genau es wäre – die Mühe, das herauszufinden, machte Miss Bartlett sich nicht; ihr Blick wanderte hinunter zu seinem Anzug, der ihr freilich keinen Eindruck machte. Wahrscheinlich bemühte er sich, ihre Bekanntschaft zu machen, ehe er wußte, mit wem er es zu tun hatte. Sie tat daher etwas verwirrt, als er sie ansprach, und sagte dann: "Eine schöne Aussicht? Ach, eine schöne Aussicht! Wie bezaubernd, eine schöne Aussicht zu haben!"

"Das hier ist mein Sohn", sagte der alte Mann. "Er heißt George. Er hat auch eine schöne Aussicht." "Ah", machte Miss Bartlett und ließ Lucy, die schon im Begriff stand, etwas zu sagen, gar nicht erst zu Wort kommen. "Was ich meine", fuhr er fort, "ist, Sie können unsere Zimmer bekommen. Und wir nehmen Ihre. Wir tauschen einfach." Die besseren Kreisen angehörenden Touristen waren schockiert und hatten Mitgefühl mit den Neuankömmlingen. Miss Bartlett gab sich möglichst schmallippig, als sie auf das Angebot einging, und sagte: "Haben Sie vielen Dank, aber das kommt überhaupt nicht in Frage." "Warum nicht?" sagte der alte Mann, beide Fäuste auf dem Tisch. "Weil es einfach nicht in Frage kommt. Vielen Dank." "Ach, wissen Sie, wir nehmen nicht gern …", begann Lucy. Abermals ließ ihre Cousine sie nicht zu Wort kommen. "Aber warum?" Er ließ nicht locker. "Frauen machen sich was aus einer schönen Aussicht; Männer nicht." Woraufhin er mit beiden Fäusten auf die Tischplatte hieb wie ein ungezogenes Kind, sich seinem Sohn zuwandte und sagte: "George, überrede sie!" 2Es liegt doch auf der Hand, daß sie die Zimmer haben sollten", erklärte der Sohn. "Dazu ist nichts weiter zu sagen."

Er sah die Damen bei diesen Worten nicht an, doch seine Stimme verriet Verlegenheit und Bekümmernis. Auch Lucy war peinlich berührt, erkannte jedoch, daß ihnen das bevorstand, was man eine 'richtige Szene' nennt, und sie hatte das unheimliche Gefühl, daß der Streit sich jedesmal, wenn diese Touristen ohne Kinderstube den Mund aufmachten, ausweiten und vertiefen würde, bis es überhaupt nicht mehr um Zimmer und schöne Aussichten ging, sondern um etwas ganz anderes, wovon sie bisher gar nicht gewußt hatte, daß es das überhaupt gab. Jetzt wurde der alte Mann geradezu hitzig: Warum sie denn nicht tauschen wolle? ereiferte er sich. Was sie denn nur dagegen habe? In einer halben Stunde würden sie die Zimmer geräumt haben.

Wiewohl gewandt in den Feinheiten der Konversation – angesichts brutaler Gewalt war Miss Bartlett ohnmächtig. Einem so groben Klotz vermochte sie keinen Keil aufzusetzen. Ihr Gesicht rötete sich vor Mißvergnügen, und sie sah sich um, als wollte sie sagen: 'Sind Sie etwa alle so?' Woraufhin zwei kleine alte Damen, die ein wenig weiter oben am Tisch saßen und das Umschlagetuch über der Stuhllehne hängen hatten, aufblickten und deutlich zu erkennen gaben: 'Nein, wir nicht; wir gehören zur feinen Gesellschaft.'

"Iß doch weiter, meine Liebe", wandte sie sich an Lucy und spielte wieder mit dem Fleisch, über das sie sich zuvor so mißbilligend ausgelassen hatte. Lucy meinte murmelnd, das seien schon sehr merkwürdige Leute, die ihnen gegenüber. "Iß nur weiter, meine Liebe. Diese Pension ist ein Reinfall. Morgen ziehen wir anderswo hin."

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  • Artikel vom 05.02.2010
Letzte Kommentare
  • barbarafietz
    am 30.05.10 um 16:41
    Je enger die Vorgaben der Umgebung, umso stärker die Gefühle. Wunderbar.
 
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