Anna Gavalda: "Zusammen ist man weniger allein"

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"Paulette? Paulette, bist du da?" Yvonne fluchte. Sie fror, drückte ihren Schal fester an die Brust und fluchte nochmals. Sie mochte es nicht, wenn sie zu spät zum Supermarkt kamen. Ganz und gar nicht.

Seufzend kehrte sie zu ihrem Auto zurück, stellte den Motor ab und nahm ihre Mütze. Die Paulette war bestimmt hinten im Garten. Die Paulette war immer hinten im Garten. Saß auf der Bank neben den leeren Kaninchenställen. Stundenlang saß sie dort, von morgens bis abends womöglich, aufrecht, reglos, geduldig, die Hände auf den Knien, mit abwesendem Blick.

Die Paulette redete mit sich selbst, sprach mit den Toten und betete für die Lebenden. Sprach mit den Blumen, den Salatpflänzchen, den Meisen und ihrem Schatten. Die Paulette wurde senil und wußte nicht mehr, wann welcher Tag war. Heute war Mittwoch, und Mittwoch hieß Einkaufen. Yvonne, die sie seit mehr als zehn Jahren jede Woche abholte, hob das Schnappschloß des Seitentürchens an und stöhnte: "Was für ein Jammer ..."

Was für ein Jammer zu altern, was für ein Jammer, so allein zu sein, und was für ein Jammer, zu spät zum Supermarkt zu kommen und keine Einkaufswagen mehr neben der Kasse zu finden. Doch nein. Der Garten war leer.

Die Alte fing an, sich Sorgen zu machen. Sie ging ums Haus herum und hielt die Hände wie Scheuklappen an die Scheibe, um zu sehen, was es mit der Stille auf sich hatte.

"Allmächtiger!" stieß sie aus, als sie sah, daß ihre Freundin in der Küche auf dem Fliesenboden lag. Vor lauter Schreck bekreuzigte sich die gute Frau irgendwie, verwechselte den Sohn mit dem Heiligen Geist, fluchte noch ein bißchen und suchte im Geräteschuppen nach Werkzeug. Mit einer Hacke schlug sie die Scheibe ein, dann schwang sie sich unter enormer Anstrengung auf das Fensterbrett.

Mit Mühe gelangte sie durch den Raum, kniete nieder und hob den Kopf der alten Frau an, der in einer rosa Pfütze badete, in der sich Milch und Blut schon vermischt hatten.
"He! Paulette! Bist du tot? Bist du jetzt tot?" Die Katze schleckte schnurrend den Boden ab und scherte sich kein bißchen um das Drama, den Anstand und die ringsum verstreuten Glasscherben.

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  • Artikel vom 05.02.2010
Letzte Kommentare
  • Iris
    am 11.03.10 um 08:49
    Ein wunderschönes Buch - eins der auserwählten Bücher, die ich nach dem Lesen nicht weggebe. Auch ein schönes Geschenk für einen lieben Menschen.
 
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