"Darum habe ich meine Kinder in eine Pflegefamilie gegeben"

Claire Funke ist alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen - und irgendwann am Rande ihrer Kräfte. Sie ruft beim Jugendamt an, um ihre Kinder loszuwerden. Wie konnte es so weit kommen?

Tough, so hat eine Bekannte mich neulich genannt. Dass ich kurz vor einem Zusammenbruch stehe, habe ich selbst gar nicht gemerkt. Wahrscheinlich hätte ich es auch gar nicht merken wollen. Dann wäre die Angst, es womöglich nicht zu schaffen, ja noch größer gewesen. Und ich bin auch eigentlich kein Mensch, der Hilfe braucht, sondern gewohnt, Dinge allein schaffen zu müssen. Meist merkt man mir gar nicht an, wie es mir wirklich geht.

Einmal habe ich mit der Frau von der Schwangerenberatung darüber gesprochen, zu der ich seit meiner zweiten Schwangerschaft regelmäßig gehe. Ich habe ihr gesagt, dass ich unbedingt verlässliche Auszeiten brauche, weil es mir schlecht geht. Sie war betroffen, aber auch ratlos. Eskaliert ist das Ganze dann an einem Tag im Juni. Mein Kleiner hatte die ganze Nacht gespuckt, ich musste mit ihm zum Kinderarzt, sein Vater wollte kommen und sagte dann kurzfristig ab - wie schon so oft. Ich war vollkommen fertig, erschöpft, enttäuscht.

"Ich bin alleinerziehend, habe immer Vollzeit gearbeitet."

Ich habe zwei Söhne: Tim, acht, und Ben, ein Jahr alt. Tims Vater und ich haben uns getrennt, als Tim zwei war. Seitdem bin ich alleinerziehend, habe immer Vollzeit gearbeitet. Zu Anfang war Tim alle zwei Wochen bei seinem Vater, doch der wurde immer unzuverlässiger, und im letzten Jahr hat er Tim dann nur zweimal zu sich geholt. Mein Sohn hat darunter sehr gelitten. Noch dazu war er gerade in die erste Klasse gekommen, eine große Umstellung für uns beide.

Gleichzeitig mit dem Schuleintritt wurde Ben geboren. Ich kenne seinen Vater schon lange, sechs Jahre waren wir zusammen. Eine Zeit zwischen Hoffen und Enttäuschung. Er ist bereits verheiratet, aber immer wieder sagte er, dass er mich liebt und mit mir zusammen sein will. Als ich schwanger war, schauten wir uns Häuser an, um zusammenzuziehen. Doch dann machte er wieder einen Rückzieher.

Kurz vor der Entbindung zog ich zu meiner Mutter. Ich dachte, ich brauche Unterstützung und für Tim einen Ort, an dem er gut aufgehoben ist, wenn mit dem Baby etwas ist. Im Nachhinein eindeutig die falsche Entscheidung. Das Verhältnis zu meiner Mutter ist sehr belastet: Sie hat mich bei meiner Oma zurückgelassen, als ich neun war. Ich habe mich als Kind oft allein gefühlt, vernachlässigt. All diese alten Wunden sind wieder aufgebrochen, es gab viele Auseinandersetzungen, und irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und mir doch eine eigene Wohnung gesucht.

Den Umzug - der zweite in vier Monaten - habe ich fast komplett allein gemacht. Ich habe keinen großen Freundeskreis, dafür fehlte neben der Arbeit einfach die Zeit. Und ich wollte auch niemanden um Hilfe bitten, schließlich war es zwischen und Silvester. Danach war ich einfach alle. Und ich machte mir immer größere Sorgen um unsere Zukunft. Bis zu Bens Geburt habe ich in der Erwachsenenbildung gearbeitet, aber nur befristet, sodass ich nicht wusste, wie es nach der Elternzeit weitergehen würde.

"Soll er das Kind großziehen, habe ich gedacht, ich kann nicht mehr."

Bis zum Umzug hatten die Kinder alles gut weggesteckt, aber danach wurden sie krank - immer einer nach dem anderen. Bis zum Juni. Als ich an dem Tag, als meinem Kleinen so schlecht war, die 30 Kilometer bis zum Kinderarzt gefahren bin, musste ich wegen einer Baustelle eine Umleitung nehmen und habe mich komplett verfahren. Plötzlich wusste ich überhaupt nicht mehr, wo ich bin, und musste einen Postboten nach dem Weg fragen. Ich bin heulend vor ihm zusammengebrochen.

Als ich dann von dort Bens Vater angerufen habe, weinend, hat er sich schließlich in sein Auto gesetzt und ist gekommen. Wir haben abgemacht, dass er Ben in seinen Wagen nimmt und ich hinterherfahre. Ich kann kaum beschreiben, wie ich mich fühlte, als hätte ich Tabletten genommen, gar nicht wie ich selbst. Und dann bin ich irgendwann einfach nicht mehr mit ihm abgebogen. Soll er das Kind großziehen, habe ich gedacht, ich kann nicht mehr. Er hat mich sofort angerufen, aber ich bin nicht rangegangen, sondern einfach weiter durch die Gegend gefahren. Tagelang hätte ich das machen können.

Aber natürlich hatte ich irgendwann ein schlechtes Gewissen. Als wir dann nach zwei Stunden alle bei mir zu Hause waren, hat Bens Vater mir Vorwürfe gemacht. Ich habe wieder gemerkt, wie wenig ich ihm bedeute. Und doch wusste ich, ich schaffe es nicht mehr, wenn er jetzt geht. Er hat mir gedroht, mich unter Druck gesetzt, er würde beim Jugendamt anrufen, wenn ich nicht funktioniere. Ich weiß nicht, ob er es wirklich getan hätte. Aber dann habe ich es getan. Ich habe die Nummer des Jugendamtes gewählt und gesagt, dass ich nicht mehr kann.

"Ich hatte Angst, dass sie mich in die Psychiatrie stecken."

Und endlich hat mich jemand gehört. Es hat keine halbe Stunde gedauert, dann war die Frau vom Jugendamt da. Ich hatte Angst, dass sie mich in die Psychiatrie stecken, und habe mir Mühe gegeben, aufgeräumt zu wirken, auch wenn ich total verheult war. Als Erstes wurde Bens Vater gefragt, ob er sich um seinen Sohn kümmern kann. Er hat natürlich Nein gesagt. Ich bin heute noch fassungslos, dass da vom Jugendamt nicht insistiert wurde. Das wäre meiner Meinung nach das Richtige gewesen, schließlich hat er - genau wie im anderen Fall Tims Vater - gemeinsam mit mir das Sorgerecht. Wie kann es sein, dass dies nicht auch eine Sorgepflicht beinhaltet? Aber seine Absage wurde einfach hingenommen.

Und Tims Vater war nicht erreichbar. Er ist beruflich viel unterwegs und war gerade in Italien, wie sich später rausstellte. Und irgendwie hat mich das auch beruhigt, dass meine Kinder dann wenigstens zusammen untergebracht werden würden.

"Ich habe ihm gesagt, dass mein Akku leer ist - wie man das halt einem kleinen Jungen so erklärt."

Die Pflegeeltern, die schließlich für sie gefunden wurden, waren offen und herzlich. Aber ich hätte wohl bei keinem ein gutes Gefühl gehabt. Die Situation war mir so unangenehm, dass ich gar keine normale Einschätzung geben konnte. Ich habe mich gefühlt wie erschlagen, schon das Kofferpacken war irgendwie unwirklich. Ich habe dann Tim vom Hort abgeholt, mich mit ihm auf eine Bank in die Sonne gesetzt und ihm gesagt, dass mein Akku leer ist - wie man das halt einem kleinen Jungen so erklärt.

Bei der Pflegefamilie ist er gleich mit einem der anderen Kinder, die dort wohnen, auf das Trampolin hinterm Haus. Für ihn war es ein bisschen wie Ferienlagerstimmung. Ben dagegen konnte ich nichts erklären. Er ist ja noch so klein. Ihn da zurückzulassen, tat entsetzlich weh. Aber was hätte ich denn sonst tun sollen?

In den Tagen danach habe ich das erste Mal seit Bens Geburt wieder durchgeschlafen. Ich war wie ein anderer Mensch - und doch habe ich mich nicht wirklich erholt. Denn noch am Abend, nachdem ich die Kinder weggebracht hatte, begannen die Auseinandersetzungen mit Tims Vater. Er wollte seinen Sohn aus der Pflegefamilie nehmen, hat ihn dort gegen meinen Willen und die Ansage des Jugendamtes einfach weggeholt. Er hat mir vorgeworfen, dass ich Tim eine schlechte Kindheit mache, und gesagt, er wolle ihm nun ein stabiles Umfeld bieten. Es gab viele unschöne Gespräche zwischen uns, zum Teil auch beim Jugendamt. Und dann hat er Tim nach 21 Tagen wieder zu mir gebracht, weil er niemanden hatte, der unter der Woche für ihn da ist. Dieses Hin und Her, diese Unzuverlässigkeit, das passte natürlich zu ihm. Eine Woche nachdem Tim wieder bei mir war, habe ich dann Ben zurückgeholt.

"Ich merke, wie viel Energie dieses ewige Hin und Her mich gekostet hat."

Ich habe oft über meine Männerwahl nachgedacht. Ich bin selbst ohne Vater aufgewachsen, und nun habe ich Kinder von Männern, die ebenfalls versagen.

Von außen betrachtet hat sich an meiner Situation bis heute eigentlich nichts verändert. Aber mir ist in den drei bzw. vier Wochen, als die Kinder nicht da waren, einiges klar geworden. Ich weiß jetzt, dass aus einer Zukunft mit Bens Vater nichts werden wird. Das ist eine bittere Pille, nein, ein Steinbrocken, den ich da schlucken musste. Aber ich habe mich entschieden, und jetzt lebe ich damit.

Er sagt immer noch, unsere Zeit käme noch, aber eben auch, dass er das Sorgerecht für seinen Sohn zurückgeben will - allerdings geht das nur vor Gericht, und das ist ihm zu teuer. Wahrscheinlich wäre es einfacher für mich gewesen, hätte er von Anfang an gesagt, dass er das Kind nicht will. Denn ich merke, wie viel Energie dieses ewige Hin und Her mich gekostet hat. Energie, die ich eigentlich für meine Kinder brauche.

"Ich verstehe das Verhalten der beiden Väter bis heute nicht."

Mit Tims Vater habe ich mich inzwischen ausgesprochen. Er hat mir erklärt, dass er selbst einige Probleme hat und sich deswegen zurückgezogen hatte, und wir haben vereinbart, wann er Tim in den nächsten Monaten auf Besuch holen wird. Verständnis für das Verhalten der beiden Väter habe ich bis heute nicht, aber ich kann es mittlerweile akzeptieren. Ich versuche, mich auf meine Kinder und mich zu konzentrieren und von Tag zu Tag zu leben.

Ich habe auch angefangen, Dinge nur für mich zu tun, gehe zum Beispiel wieder regelmäßig schwimmen und habe einige Bewerbungen laufen. Wenn die Ängste vor der Zukunft wiederkommen, schiebe ich sie ganz bewusst weg. Es gibt ja auch so viele schöne Momente mit den Kindern. Abends vor dem Einschlafen denke ich in letzter Zeit oft, wie dankbar ich doch dafür bin, dass meine Kinder in warmen, sauberen Betten liegen - und ich auch.

Besonders Ben gegenüber habe ich ein schlechtes Gewissen wegen meines Zusammenbruchs. Er ist doch noch so klein. Ab und zu besuchen wir die Pflegemutter, ich will weiter Kontakt halten, das nimmt dem Ganzen ein bisschen die Dramatik. Ich würde mir wünschen, dass es viel mehr Möglichkeiten gäbe, um Mütter wie mich zu unterstützen und zu entlasten. Letztendlich hatte ich ja kaum eine andere Wahl, als meine Kinder zu Leuten zu geben, die ich gar nicht kannte. Das ist schlimm. Aber es hat mir eben letztendlich doch geholfen: Es war mein Ausstieg aus der Ohnmacht.

Die Kinder aus Verzweiflung in eine Pflegefamilie geben? "Das war ein sehr mutiger Schritt", findet die Ärztin und Psychotherapeutin Dr. Alexandra Widmer. Das ganze Interview könnt ihr hier lesen.

Protokoll: Antje Kunstmann Ein Artikel aus der BRIGITTE 02/2016

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
Weitere Themen

Kommentare (11)

Kommentare (11)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Regina's Kommentar ist hier das einzig sinnvolle. Ab einem bestimmten Punkt dreht man sich im Kreis und unüberlegte Ratschläge von nicht betroffenen helfen kein bisschen.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Pauli, Anja, alles super Vorschläge. Nur: Ist man in so einer Situation, hat man keinen klaren Blick. Kontakte knüpfen ist nicht einfach, andere Muddis meiden einen wie der Teufel das Weihwasser - ALLEINERZIEHEND...Putzfrau, babysitter: sehr witzig. Haben die wohlgepamperten Brigitte-Leserinnen wieder voll mitgedacht...Und: Vaterpfllichten einfordern: Habt Ihr eine Ahnung, wie sehr Kinder ihren Vater vermissen können? Und wie hart es ist, ihnen beim Leiden zuzuschauen? Der Bericht ist einfach ein Armutszeugnis für den Deutschen Nietenvater. Basta. Küchenpsychologie steckt bitte hinters Gewürzregal, wo es hingehört. Nichts für ungut, ich hab einfach schon zuviele solcher GEschichten gehört, und die Frauen waren allesamt TOUGH.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Vieles an der Situation ist hausgemacht.. Das sehe ich ähnlich wie Paulie. Dass die Autorin ihre Kinder vorübergehend in eine Pflegefamilie gegeben hat, finde ich einen guten Schritt in die richtige Richtung: Nicht alles alleine wuppen wollen, sich abkapseln, keine Freundschaften pflegen (nein, die Ausrede, ich habe immer Vollzeit gearbeitet und hatte keine Zeit dafür, lasse ich nicht gelten.), und die wenige vorhandene Energie darein zu stecken, von unzuverlässigen Männern Vaterpflichten einzufordern. Besser: Putzfrau, Babysitter, ehrenamtliche "Omis" suchen, evtl. auf Nachbarn zugehen, alte Bekanntschaften wieder aufleben lassen, neue suchen per Anzeige oder Internet, vielleicht andere Alleinerziehende und sich vernetzen. Heute helf ich dir, morgen du mir. Es gibt viele Möglichkeiten. Ich sage nicht, dass es einfach ist. Aber einen Versuch ist es allemal wert, um wirklich etwas zu verändern und ade Opferrolle zu sagen.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    es wäre vielleicht wirklich gut, wenn man aus einer so belasteten Herkunftsfamilie kommt wie die Autorin (mit überforderter Mutter, und abwesendem Vater) diese emotionale Hypothek erst einmal aufzuarbeiten, ggf. mit therapeutischer Hilfe - bevor man sich in die Partnersuche begibt.



    Ansonsten wiederholt man immer und immer wieder diese Muster unbewusst, (Stichwort Beuteschema) wie hier leider auch: Man sucht (unbewusst) den abwesenden eigenen Vater im unzuverlässigen Lebenspartner und kopiert die Schwächen seiner Mutter...

    Alles Gute für die Autorin.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Die Frau ist für mich eine Heldin. Zwar ist sie völlig unrealistisch an ihre Partnerwahl rangegangen (aber sind wir nicht alle Romantikerinnen?), aber sie hat irgendwie versucht, alles zu halten und durchzustehen. Hoffentlich schafft sie es Stückchen für Stückchen weiter...

Unsere Empfehlungen

Newsletter
Noch kein Fan?Folge uns jetzt auch
auf Facebook
Fan werden

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

"Darum habe ich meine Kinder in eine Pflegefamilie gegeben"

Claire Funke ist alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen - und irgendwann am Rande ihrer Kräfte. Sie ruft beim Jugendamt an, um ihre Kinder loszuwerden. Wie konnte es so weit kommen?

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

E-Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden